Irgendwie kommt einem das doch arg bekannt vor. Ein junger Mann, der in einer Art Identitätskrise steckt und auf dem Weg zur Beerdigung seines Vaters eine Frau kennen lernt, die sein Leben und seine Sicht auf ebendieses grundlegend verändert; und benannt wird das Endergebnis dann nach einer Kleinstadt in den USA. Was für Zach Braff „Garden State“ war, ist nun unter der Leitung von Cameron Crowe („Jerry Maguire – Spiel des Lebens“, „Vanilla Sky“) also „Elizabethtown“. Was in „Garden State“ Zach Braff war, ist hier Orlando Bloom; Natalie Portmans Rolle als das Leben liebende Schönheit gehört nun Kirsten Dunst und anstatt der Mutter ist in diesem Fall der Vater gestorben. Kann man jetzt ohne weiteres die Gleichung „Garden State = Elizabethtown“ aufstellen? Ja und nein.
Drew Baylor (Orlando Bloom) steckt im wahrsten Sinne des Wortes mitten in der Scheiße: Er hat seinen Job verloren, weil er durch eine undurchdachte Geschäftsidee seinem Arbeitgeber ein Verlustgeschäft in Höhe von fast einer Milliarde Dollar eingebracht hat und zu allem Überfluss trennt sich auch noch seine Verlobte von ihm. Scheinbar letzter Ausweg: Selbstmord. Doch gerade in dem Moment, als er seinem Leben ein Ende setzen will, erfährt er, dass sein Vater gestorben ist. Als ältester Sohn muss Drew nun seine Suizidpläne hinten anstellen und in den Heimatort seines Vaters reisen, um dort die Trauerfeierlichkeiten zu organisieren. Auf dem Flug dorthin lernt er die lebensfrohe Stewardess Claire (Kirsten Dunst) kennen, in Elizabethtown trifft er auf seine lange auf Distanz gehaltene Verwandtschaft…
Die oben genannte Gleichung passt in Bezug auf die Story nahezu 100%ig. In manchen Momenten muss man sich schon fast fragen, ob Cameron Crowe nicht vielleicht doch zufällig ein paar Seiten aus dem Script von Zach Braff eins zu eins übernommen hat, so frappierend wirken die Ähnlichkeiten zwischen dem Lebenswandel Drews und dem Lebenswandel von Braffs Andrew Largeman. „Garden State = Elizabethtown“ ist ebenso als perfekte Gleichung zu sehen, betrachtet man die Gesamtaussage der beiden Filme: „Liebe Dein Leben so wie es ist! Liebe Dein Leben im Jetzt und Hier!“ Dass es, um zu dieser elementaren Erkenntnis zu gelangen, manchmal erforderlich ist, dass (der frustrierte) Er erst einmal (eine lebensfrohe) Sie kennen lernt, ist eine mögliche Prämisse, die uns nicht erst seit den großen Philosophen Braff und Crowe bekannt ist. Und auch in „Elizabethtown“ ist es – wie bei „Garden State“ – gelungen, Musik und Bild perfekt zu einer Einheit verbinden, die – steht man nicht so sehr auf die essentiell philosophische Feel-Good-Aussage – den Freund guten Kinos beeindrucken. Allein die beiden Roadtrips Drews (zu Beginn in Richtung Elizabethtown; am Ende von Elizabethtown zurück in die Heimat Kalifornien… oder doch Oregon?) strotzen nur so vor wundervollen Bildern, deren musikalische Untermalung ein Potpourri aus Evergreens, zeitgenössischen Tophits und Geheimtipps jenseits der Charts darstellt, das wohl jeder gerne während einer langen Autofahrt hören würde. Die Geschichte der Verwandlung des jungen Drew vom lebensmüden Loser zum das Leben Liebenden ist schön eingängig gestrickt, entwickelt nur selten Längen und ist für sich selbst gesehen eine ebenso schöne Lebens- und Liebesgeschichte wie „Garden State“.
Das liegt nicht zuletzt an den beiden toll harmonierenden Hauptdarstellern Orlando Bloom und Kirsten Dunst. Bloom schafft es hierbei endlich, das Image des Kettenhemden tragenden Kämpfers abzulegen und beweist eindrucksvoll, dass er auch in Rollen überzeugen kann, die in der Moderne spielen. Und würde sich Orlando… ähm… Drew nicht in die attraktive Claire verlieben, so müsste der Zuschauer (wohl auch die Zuschauerin) zu dem Schluss kommen, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt. Kirsten Dunst kommt mit ihrer erfrischend fröhlichen Art so unbeschwingt mitreißend daher, dass es schon fast schwer fällt, diese Frau nicht sympathisch zu finden. Die weibliche Hauptdarstellerin agiert dabei so überdurchschnittlich gut, dass sie schon fast den anderen Darstellern die Schau stiehlt. Doch zum Glück nur „fast“; sonst hätte der Zuschauer doch glatt die humoristisch erstklassigen Einlagen von Susan Sarandon verpasst. Die Hollywood-Größe verzaubert ihr Publikum so humorvoll wie sie es nur selten zuvor tat. Und auch die gesamte Sippschaft im kleinen Städtchen Elizabethtown weiß zu gefallen. Seien es nun die leisen, ernsten Töne, die hin und wieder im Rahmen der Familie angeschlagen werden oder die lauten, witzigen Passagen, die das chaotische Leben im beschaulichen Elizabethtown so liebenswert symbolisieren: jederzeit kann man sich einen aus dem Familienclan herauspicken und man kann sich sicher sein: Der, den man sich herauspickt, ist auf seine ganz eigene Art ein Mensch, den man einfach lieben muss. Dieser Film ist einer von der Sorte, in den man gänzlich eintauchen und sich wohl fühlen kann.
Ja, ich habe mich in „Elizabethtown“, Kentucky, genauso wohl gefühlt wie in „Garden State“, New Jersey. Das war mal wieder ein Film, in den man mit total mieser Laune hineingehen kann, um nach 120 Minuten überglücklich wieder aus dem Kinosaal herauszutreten. Und das Warten darauf, eine (Flug-)Begleiterin wie Claire kennen zu lernen, beginnt... 9 von 10 Punkten!