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Es hat mich immer verwundert, warum die Karriere von Wesley Snipes angesichts des vorhandenen Potentials nie wirklich durchstarten konnte – schließlich besitzt der Mann alle körperlichen Attribute, die für physisch fordernde Parts von Nöten sind, eine charismatische Ausstrahlung sowie durchaus vorhandenes Schauspieltalent. Nach anfänglichen Erfolgen in anspruchsvolleren Independent-Produktionen wie „New Jack City“ oder einigen Spike Lee Filmen, avancierte Snipes mit Werken a la „Demolition Man“, „Rising Sun“ oder „the Fan“ bis Mitte der 90er zu einem der bekanntesten Action- und Thriller-Helden Hollywoods, bevor eine Reihe von Flops (zB „Murder at 1600“ oder „US Marshals“) seinen weiteren Aufstieg deutlich ausbremste. Mit der Comicverfilmung „Blade“ gelang ihm 1998 schließlich wieder ein großer Wurf, doch seitdem war es ihm nicht mehr möglich, außerhalb jener entstandenen Reihe einen Hit zu landen – schlimmer noch: Die von ihm gewählten Projekte schafften es kaum noch in die Kinos („Undisputed“) oder waren von Beginn an als TV-Produktionen konzipiert worden (“Futuresport“/“Disappearing Acts“)…

Als im vergangenen Jahr (2004) auch noch „Blade 3“ floppte, schien das sein Karriereschicksal endgültig zu besiegeln, was sich mit den Nachfolgewerken „Unstoppable“, „7 Seconds“ sowie dem demnächst erscheinenden „the Marksman“ bislang bestätigt hat: Snipes ist endgültig dort angelangt, wo sich Kollegen wie van Damme, Lundgren oder Seagal seit einiger Zeit tummeln – im „Direct to Video“-B-Film-Sumpf, der sich neuerdings vor allem dadurch kennzeichnet, dass 08/15-Drehbücher von zweitklassigen Regisseuren im kostengünstigen Osteuropa wie am Fließband umgesetzt werden, um vor allem junge männliche Erwachsene anzusprechen, die sich noch an die Glanzzeiten der Hauptdarsteller erinnern können und somit gerne mal die Kundenkarte in der Videothek des Vertrauens zücken, wenn die „größeren Produktionen“ ärgerlicherweise gerade verliehen sind…

Früher war Jack Tolliver (Snipes) ein angesehenes „Delta Force“-Mitglied, bevor er sich für einen Kameraden über diverse Vorschriften hinweggesetzt hat, in Folge dessen man ihn für einige Zeit inhaftierte sowie unehrenhaft entließ – heute schlägt er sich als Profidieb durchs Leben und steht aktuell mit seinem Team kurz davor, eine große Werttransportfirma in Bukarest um ihre reichhaltige Fracht zu erleichtern. Der raffinierte Coup gelingt, doch auf dem Rückweg werden sie ihrerseits von russischen Gangstern überfallen, die den Großteil von Jacks Leuten töten und seine Freundin als Geisel nehmen, während er selbst nur knapp mit einem geheimnisvollen Koffer entkommen dann, welcher sich ebenfalls unter der Beute befand. Bei seiner Flucht trifft er auf die britische Militärpolizistin Kelly Anders (Tamzin Outhwaite), deren Auto er stiehlt und Leben er im Rahmen der Auseinandersetzungen mit den Verfolgern rettet. Nachdem er sie (in Sicherheit) wieder freigelassen hat, macht sie sich umgehend (natürlich entgegen ihrer Befehle) selbst an Nachforschungen zu den Ereignissen und sucht weiter den Kontakt zu ihrem ehemaligen Geiselnehmer, den sie für unschuldig bezüglich der ganzen toten Polizisten und Komplizen hält sowie auf eine gewisse Weise gut leiden kann. Während Jack also seine Freundin zu befreien sowie den Verräter in den eigenen Reihen aufzuspüren versucht, kommt nach und nach heraus, dass die Russen hauptsächlich hinter dem Koffer her sind, in dem sich ein wertvolles Van Gogh Gemälde befindet…

Das Drehbuch zu „7 Seconds“ stammt von Martin Wheeler, ist dessen erste Skriptumsetzung (wobei sich eine weitere namens „Black Dawn“ mit Seagal in der Hauptrolle gerade in Produktion befindet) und eindeutig die größte Schwäche des Films. Der gesamte Verlauf ist unoriginell, vorhersehbar sowie quasi im „Malen nach Zahlen“-Prinzip aus Versatzstücken artverwandter Werke zusammengestellt worden. Das Hauptproblem geht weit darüber hinaus, dass die dargestellte Form eines cleveren Coups nicht erst seit dem „Italian Job“-Remake hinlänglich bekannt ist (täuschen, zuschlagen, verwirren), und ist vor allem bei der Handlungsentfaltung im Anschluss zu suchen – natürlich wird etwas erbeutet, hinter dem die „bösen Gangster“ (im Gegensatz zu den „guten Räubern“) her sind, die Cops sind macht- und planlos, es gibt einen Verräter in den eigenen Reihen und so weiter. Die Identität letzterer Person ist übrigens für jeden, dessen Gehirn nicht völlig im „off“-Modus steckt, derart leicht zu durchschauen, was längeren Szenen im späteren Verlauf vollkommen ihrer gewollten Wirkung beraubt. Das Necken per Telefon sowie die gesamte anfängliche Beziehung zwischen Jack und Kelly wirkt zudem wie eine zweitklassige Variante von Soderberghs „Out of Sight“, Charakterentwicklung ist kaum vorhanden, es gibt Klischees en Masse, die Dialoge sind mau und von platten Sprüchen gekrönt („eastern block loves western cock“). Auch die Wortwahl, welche Kellys männliche Kollegen ihr gegenüber verwenden, hätte (realistisch betrachtet) gerade im Kontext des Militärs zweifellos schwerwiegende Konsequenzen u.a. aufgrund verbaler sexueller Belästigung zur Folge. Kurzum: Die vom Drehbuch gebotenen Storywendungen, Hintergründe und Verstrickungen (wie etwa den überflüssigen Militärpolizei-Ansatz) sind viel zu schwach ausgearbeitet worden, um fesseln oder überzeugen zu können.

Regisseur Simon Fellows, der zuvor die blasse „Rosemary´s Baby“-Kopie „Blessed“ abgeliefert hat, findet auch in diesem Fall keinen eigenen Ansatz, denn während er sich im ersten Drittel noch wie ein zweitklassiger Anthony Hickox (oder drittklassiger Tony Scott/Michael Bay) fleißig mit der Kameraarbeit austobt (trauriger Höhepunkt: die auf dem Kopf stehende Stoßstangen-Einstellung, die sich langsam in die normale Position zurückdreht), wird die Inszenierung mit der Dauer immer konventioneller und verbleibt letztendlich auf einem soliden B-Film-Niveau. Besonders nervig sind jedoch die ständigen Flashbacks, welche dem Zuschauer jede noch so unbedeutende Erkenntnis nochmals (es sind keine „neuen“ Rückblenden, sondern ausschließlich bereits gezeigtes Material) vor Augen führen – Beispiel: Kelly erwähnt „he saved my life“, worauf die passende Szene umgehend erneut eingeblendet wird. Die Verfolgungsjagd am Anfang ist eindeutig der Höhepunkt des Films – sie ist rasant und actionreich inszeniert worden, so dass Laune und Tempo entsteht. Dann wird es erst einmal ruhiger. Es gibt diverse durchschnittliche Schießereien und Kämpfe, die teilweise recht hart (blutige Einschüsse, brennende Menschen) ausgefallen sind, bevor am Ende eine weitere Verfolgungsjagd entbrennt, die jedoch fast eine exakte Kopie jener am Anfang ist (selbst die beteiligten Fahrzeuge sind identisch!) – nur noch unrealistischer (Autos explodieren beim geringsten Zusammenstoß als ob sie Napalm getankt hätten, es gibt einen gravierenden Anschluss-/Logikfehler mit einer Straßenbahn etc). Während der Einstieg also recht gelungen ist, lässt der Film mit der Zeit immer weiter nach und kann letztendlich kaum mehr als einfallslose, mäßige Schießereien und Verfolgungen vorweisen.

Wesley Snipes ist zwar nicht mehr so durchtrainiert wie früher, doch seine Zweikampf-Techniken sind immer noch hervorragend und imposant anzusehen. Mit einer Verkürzung der Schusswechsel sowie einer Konzentration auf die Martial Arts Sequenzen hätte man ein glücklicheres Händchen bewiesen, doch auch so bleibt Wesley ein kompetenter Hauptdarsteller, der den Streifen vor der totalen Belanglosigkeit rettet. Der Gag, als er einen Gangster beim Pinkeln bewusstlos schlägt und ihn im Anschluss durch dessen eigene Pfütze schleift, stellte für mich mit die beste Szene dar. Die beiden weiblichen Darsteller (Tamzin Outhwaite („Backwaters“) als Militärpolizistin sowie Georgina Rylance („Hellraiser: Deader“) als Jacks gekidnappte Freundin) hatten nicht viel mehr zu tun, als hübsch auszusehen, da ihnen das Skript kaum Raum zum Agieren oder zur Entfaltung bot.

Ach ja – und einen Film nach der Countdown-Dauer einer Bombe zu benennen, die letztendlich gar nicht (!) gezündet wird, ist auch nicht die beste Idee…

Fazit: „7 Seconds“ ist ein routinierter „Direct to Video“-Action-Thriller vor osteuropäischer Kulisse für „Fans anspruchsloser B-Filme“ oder „anspruchslose B-Film-Fans“, die sich von einem schwachen Drehbuch sowie einer uninspirierten Inszenierung nicht weiter stören lassen … 4 von 10.

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