Sherlock Holmes und die Frauen - dass hat noch nie so richtig funktioniert. Es sei denn, eine Klientin weckte seinen Enthusiasmus an einem mysteriösen Fall, dann konnte Holmes zudem auch noch äußerst liebenswürdig mit dem anderen Geschlecht umgehen, wenn auch mit einer gewissen Distanziertheit. War der Fall dann erledigt, erlosch sogleich sein Interesse an einem weiteren Kontakt. Es hatte allerdings bis dato eine Art von Seltenheitswert, dass er sich mit einem weiblichen Gegenspieler auseinandersetzen musste, so gesehen ist „The Spider Woman" eine Premiere in der Rathbone/Bruce-Reihe. Die femme fatale, die hier Holmes das Leben schwer macht, ist eine Art Verbeugung vor der wohl einzigen Kontrahentin, bei der Holmes bereits in seinem allerersten Fall überraschend den Kürzeren zog, und zwar die Figur Irene Adler aus „Ein Skandal in Bohemia".
Auch wenn der hier geschilderte Kriminalfall nichts mit der oben genannten Kurzgeschichte gemein hat, Adrea Spedding - beeindruckend verkörpert durch die Hollywood-Schönheit Gale Sondergaard - hat einiges dieser Buchfigur mitbekommen. Elegant herausstaffiert, äußerst gebildet und sprachlich gewandt und vor allen Dingen tödlich raffiniert in ihren Plänen. Durch sie müssen mehrere Männer sterben, die sich des Nachts aus unerklärlichen Gründen aus dem Fenster stürzen.
Ich muss sagen, dass trotz der interessanten Vermengung von gleich mehreren Short Storys - unten ihnen auch einige meiner Favoriten - dieser siebte Streifen aus der Serie nicht so recht zu fesseln vermag. Das liegt vielleicht auch daran, dass die geheimnisvolle Schönheit recht schnell sich als Täterin offenbart und die Opfer zu bloßen Statisten abgestempelt werden, ohne Vorleben, ohne Charakterisierung, degradiert zu bloßen Zeitungsmeldungen, die reißerische eingeblendet werden. Als Holmes seine Nachforschungen anstellen will, muss er erst umständlich zu Tode kommen, natürlich vor den Augen seines Freundes Watson. Umso unerklärlicher, dass er kurz darauf verkleidet in der Baker Street wieder auftaucht, um Watson seinen Plan zu offenbaren.
Die Angriffe der Spinne - des Nachts durch die Lüftungsklappen in die Schlafgemächer abgeseilt - erinnern unverhohlen an „Das gefleckte Band" und ist auch nett adaptiert worden. Das Gift treibt die Opfer in den Wahnsinn und zum Selbstmord. Auch sonst sind unsere zwei Helden vor Attentaten nicht sicher. Holmes gibt sich im Selbstversuch einer weiteren Spinnenattacke hin, und beide werden mit giftigen Dämpfen beinahe ins Jenseits befördert, wobei die hier dienende Vorlage „Der Teufelsfuß" im Original bedeutend mystischer gestrickt und auch der zentrale Punkt einer Geschichte war. Hier reicht es nur zu einer netten Einlage.
Überhaupt ist Rathbone hier nach meinem Empfinden in seiner bis dato schwächsten Rolle zu sehen. Mag sein, dass er von seiner weiblichen Konkurrenz ein wenig an die Wand gespielt wird, jedenfalls wirkt seine indische Maskerade, um der Spinnenfrau gegenüber zu treten und ein potentielles Opfer zu mimen, reichlich grotesk. Zumal Holmes trotz der Verkleidung leider immer noch wie Holmes aussieht, nur eben mit einem Turban auf dem Kopf. Das erkennt natürlich auch Adrea Spedding und kann nun zu einem weiteren Schlag ausholen und mit Hilfe ihres Kumpans wird Holmes gefangen genommen.
Was den Film zum Finale noch einmal deutlich herunter zieht ist die zur Schau gestellte Demütigung der Hauptfigur. Gerade hat man sich noch gefreut, dass man diesmal ohne peinliche Kriegspropaganda auskommt, doch die Szene auf dem Rummelplatz, als Holmes an eine Schießbudenfigur gekettet wird, und Watson seinen Freund unwissentlich mit einer Waffe in der Hand fast das Lebenslicht ausbläst, ist schon dümmlich genug. Da diese Schießbudenfigur aber auch noch Adolf Hitler darstellt, wirkt die ganze Schlussszene umso peinlicher.
Fazit: Trotz der netten Grundidee und teilweise düsteren Stimmung schwächelt „The Spider Woman" dramaturgisch im weiteren Verlauf des Geschehens immer mehr und wirkt auch irgendwie kalt und lieblos in der Inszenierung, zumal auch der Rätselfaktor nur auf Sparflamme kocht. Aber Gale Sondergaard als „weibliche Moriarty" ist auf alle Fälle einen Blick wert. Dennoch ein etwas schwächerer Film aus dieser Reihe...