Es mag vielleicht etwas übertrieben erscheinen, bei einer 14teiligen Serie beim zehnten Teil ein Jubiläum feiern zu wollen, aber dennoch kommt man nicht umhin, „The House Of Fear" eine etwas größere Bedeutung beizumessen. Denn wenn man diese Verfilmung zu einem weiteren Höhepunkt innerhalb der Rathbone/Bruce-Reihe zählt, heißt es um so schmerzvoller, bereits hier langsam Abschied zu nehmen von unserem lieb gewonnenen Duo, da die folgenden Filme der Fangemeinde eher als lustloser Nachklapp in Erinnerung bleiben sollten. Doch bevor der zuletzt gestartete Höhenflug jäh abreißen sollte, erfolgte erneut ein Tapetenwechsel von der Londoner Baker Street hinein in die Schottischen Highlands, versetzt in eine Landschaft voller Rauheit, genauso rau wie die hier lebenden Menschen voll eigenbrötlerischer Introvertiertheit. Auf einer einsamen Klippe am tosenden Meer steht es dann, dass Schloss, in dem hemmungslos gemordet wird.
Es ist schon ein sehr eigenartiger Klub, die sieben Mannen, die sich „Gute Kameraden" nennen und mit britischer Steifheit allabendlich an einem Tisch zusammenfinden. Und wenn dabei eine Haushälterin mit ebenso steifer und theatralisch überhöhter Mimik einen verschlossenen Umschlag auf dem Tablett serviert, adressiert an einen der Herrn und nur mit Apfelsinenkernen als Inhalt, der erst von allen belächelt wird, dann aber als erschütternder Vorbote eines grausamen Todes angesehen werden muss, weiß man, dass hier wieder mal die richtigen Zutaten für einen klassischen Holmes-Fall gemixt werden, zumal auch noch alles in die Richtung eines mysteriösen „Zehn kleine Negerlein"-Spiels hindeutet. Dass dabei gar nicht die „Fünf Apfelsinenkerne" im eigentlichen Sinne Pate standen - wie auch schon in „Die Abenteuer des Sherlock Holmes" in nur sehr leicht adaptierter Form eingestreut - sondern eine andere Short Story, sollte nur am Rande erwähnt werden, und den Hinweis auf die eigentliche Vorlage verkneife ich mir jetzt lieber, denn wer diese kennt, weiß hier ziemlich schnell, wie der Hase läuft.
Eigentlich ist das titelgebene „Haus des Schreckens" auch gar nicht der tragende Mittelpunkt in diesem Geschehen, denn weniger als sonst werden die bei einem altmodischen Schloss-Ambiente zu vermutenden Gruselelemente in den Vordergrund geschoben wie hier. Selbst die Morde werden zu beiläufigen Ereignissen degradiert, was natürlich auch für Unmut beim Betrachter sorgen kann. Doch um so mehr steht Holmes im Mittelpunkt, der die Szenerie klarer denn je beherrscht, sich im Eiltempo durch die wirren Ereignisse seine eigenen Fäden spinnt und den Zuschauer dabei immer nahe am Geschehen lässt. Hier werden keine Details ausgelassen und wer am Mitkombinieren ist, wird zumindest auf der gleichen Fährte schnüffeln, wobei das Endbild immer noch verschwommen genug sein dürfte, um einen bösen Schlussgag zu präsentieren.
Auch ansonsten ist alles mit mehr Skurrilität und morbidem Witz gewürzt worden als in den Vorgängerfilmen. Wenn etwa Holmes bemerkt, dass einem der Opfer mit sauberem Schnitt nach Art eines Chirurgen Kopf und Gliedmaßen abgeschnitten wurden und anschließend umgeschwenkt wird auf die nächste Szene, bei der zum Abendessen mit spitzem Messer ein Braten tranchiert wird, dann blitzt schon der schwarze Schalk im Nacken auf. Genauso abgedreht wirkt die Begründung des Mr. Alastair, dass man sich mit Hilfe von Dynamit den lästigen Lemmingen entledigen möchte, die auf dem Grundstück ihr Unwesen treiben. Und überhaupt ist dieser Alastair derart überzogen grotesk mitsamt seiner tuntigen Erscheinung, dass sich mancher auch fragen mag, was hier abends wohl so abgeht hinter diesen dicken Gemäuern.
Und bei dem ganzen Augenzwinkern, unter dem der Plot fast begraben scheint und erst zum Ende hin wieder in die richtigen Bahnen gelenkt wird, fällt das sonderbare Benehmen von Watson kaum noch auf, wenn er in der fahlen Dunkelheit auf gefährliche Verfolger wie eine leere Ritterrüstung schießt oder bei der nächtlichen Friedhofsbuddelei seinem Freund die Drecksarbeit überlässt und er selbst in ein Zwiegespräch mit einer Eule verfällt. Nur gut, dass Lestrade diesmal erst auftaucht, als die Messen fast gesungen sind, wer weiß, wie sein Auftritt sonst ausgefallen wäre. So ist „The House Of Fear" am Ende ein wirklich flottes und damit kurzweiliges Abenteuer geworden mit einem irren Panoptikum voll schräger Figuren und dabei dennoch ganz nach klassischem Muster entworfen. Denn wenn das Rad der Zeit sogar soweit zurück gedreht wird, dass unsere zwei Helden wieder mit der Kutsche zum Tatort fahren müssen, dann ist alles wieder so wie früher. Und damit eben auch besser, sagt man jedenfalls...