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Eigentlich möchte Zorg nur auf der faulen Haut liegen, Tequila Express trinken, und das Leben genießen. Aber er liebt Betty, und Betty liebt ihn, und Betty ist ein Vulkan von Frau. Eine Eine-Frau-Armee im permanenten Kampf. Eine wandelnde Explosion auf der Suche nach Liebe und Leben. Nachdem Betty Zorgs Strandhaus angezündet hat, landen die beiden in einem stillgelegten Hotel, wo sie mit Eddy und Lisa feiern, leben und lieben. Als Eddys Mutter stirbt übernehmen die beiden das geerbte Pianogeschäft, in einem Kaff, irgendwo in der Auvergne. Sie fühlen sich wohl, aber die Schübe des Wahnsinns, die Betty regelmäßig überkommen, werden immer wilder und selbstzerstörerischer. Als Betty schwanger wird scheint sich alles zum Besten zu wenden, aber nur für kurz …

Es gibt Filme, und es gibt Filme. Manche Filme altern und sind 30 oder 40 Jahre nach ihrer Entstehung einfach nicht mehr so richtig zu genießen. DER MANN, DER NIEMALS AUFGIBT zum Beispiel, hatte mich im Kino in den 80ern dermaßen gerockt, und ist heute so seltsam uninspiriert anzuschauen. Wie ich BETTY BLUE damals, also 1986 oder 1987, im Kino gesehen habe, da hat er mich unglaublich berührt und für lange Zeit nicht mehr losgelassen. Jetzt, über 30 Jahre später, erfolgte die Zweitsichtung, und was soll ich sagen? Er hat mich wieder berührt, und lässt mich wieder nicht los. Die Geschichte vom ruhigen und geerdeten Zorg und von der flippigen und immer an der Grenze zum Überschnappen treibenden Betty ist einfach zeitlos, genauso wie die schönen Bilder und die wunderbare Musik.
Lebe für den Moment, das ist die Aussage des Films. Nur das Jetzt existiert, wir haben keine Vergangenheit und keine Zukunft. In dem Augenblick, in dem Bettys Zukunft zerstört wird, in dem Augenblick geht auch in ihr etwas kaputt. Nur das Hier und Jetzt ist wichtig. Was bisher war? Unwichtig! Breche alle Brücken hinter Dir ab und schau nach vorn. Verbrenn Dein Haus und nutze die Chance ein Klaviergeschäft zu eröffnen. Und das Leben zu leben.  Das Leben und die Liebe. Nur das ist es was zählt.
Diese Einstellung, von der ich schon immer sehr weit weg war, und es auch immer sein werde, diese Einstellung fasziniert mich sehr, und Filme, in denen diese Einstellung gelebt wird, faszinieren mich noch mehr, da sie, anders als im wirklichen Leben, normalerweise nicht mit einem sozialen Abstieg einhergehen. BETTY BLUE ist genau so ein Fall: Obwohl die Darsteller mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben, geht es ihnen nie schlecht, müssen sie nie auf der Straße übernachten (zumindest sieht man das nicht), kommen sie nicht mit sinnloser Gewalt Dritter in Berührung. Sie feiern, sie ficken, sie freuen sich am Leben mit allen Höhen und Tiefen. Und der Zuschauer feiert und  freut sich mit ihnen. Trotz aller Traurigkeit im letzten Drittel ist das ein Film, wie er positiver nicht sein kann. Positiv, gefühlvoll, lustig, traurig, schmerzvoll, sexy, liebevoll, bitter, … Ein Film, der in seiner Intensität und Schönheit sprachlos macht.

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