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Jules Verne's Werke erwiesen sich als Vorlage für Abenteuer- und Science-Fiction-Filme wie von keinem anderen Autor als unerschöpflich erscheinende Quelle, wie man an den zahlreichen Umsetzungen über die Jahrzehnte hinweg sehen konnte. Dabei ist es nicht erstaunlich, dass es aufgrund diverser Mehrfachverfilmungen oft zu teilweise erschreckenden Neuinterpretationen kam. Dass das Genre „Abenteuer" heute ja fast als eingestaubt gilt, kann man durchaus Verständnis zeigen, wenn ein frischer Wind durch das Oeuvre des französischen Altmeisters bläst, doch das Festhalten an klassischen Elemente in der Kombination neumodischer Trends kann bisweilen auch erschrecken. So geschehen bei dieser Kaputtrenovierung eines frühen Klassikers, der bereits 1954 als Vorlage für die bekannteste und wohl auch bis heute beste Verfilmung (mit Kirk Douglas und James Mason) hergehalten hatte.

Nicht alle Werke von Verne waren so umfangreich wie „20.000 Meilen unter dem Meer". Dabei folgt Verne seinem oft anwandten stereotypen Format, eine gewisse Episodenhaftigkeit der Erlebnisse seiner Helden mit einem roten Faden zu garnieren, an deren Ende oft die Lösung eines geheimnisvollen Rätsels stand. Ohne zweiterem würden die dicken Wälzer wohl auch kaum funktionieren und sich bestenfalls als Reisereportage eignen. Das besondere an diesem Werk bestand zusätzlich darin, dass kaum ein anderes Buch von Verne so sehr die Schnittstelle markierte zwischen den beiden von ihm bevorzugten Themenkomplexe „Abenteuerreise" und „Science Fiction", denn meist gab es in seinen Romanen nur das eine oder das andere Genre.

Warum versagt diese Verfilmung auf fast ganzer Linie? Das Dilemma wird erst im Laufe des Filmes deutlich, denn der historische Kontext und eine dramaturgisch logische Konstellation wird am Anfang eigentlich gekonnt aufgebaut. Das der bekannte Meereszoologe Arronax von einem jungen Mann verkörpert wird, der sich seine Sporen erst noch verdienen muss, kann gefallen und der Zwist mit seinem Vater, der bereits anerkannte Experte auf diesem Gebiet ist, ebenso. Hier wird die Situation, wie sie am Anfang des Buches geschildert wird, gekonnt übertragen: Die zwei Lager, die sich gegenüberstehen bei der Frage Seeungeheuer oder Unterseeboot werden verkörpert durch diese zwei Protagonisten, eine gelungene Fokussierung und damit erhöhte Trennschärfe, bei denen die gegenseitigen Argumente auf einer wissenschaftlichen Versammlung um die Ohren gehauen werden.

Und es ist natürlich der junge Arronax, der seinem Vater den Rang abläuft und sich auf die abenteuerliche Jagd nach dem unheimlichen Objekt begibt. Dieser Rollentausch wirkt enttäuschend, und es zeigt sich immer mehr, wie falsch der Film die folgenden Ereignisse gewichtet. Abgesehen davon, dass Walharpunier Ned Land wie ein kriminelles Element daherkommt, es muss auch noch als Dritter im Bunde ein flüchtiger Bekannter von Arronax herhalten, der auf der Zugfahrt aufgegabelte farbige Cabe Attucks, welchem aufgrund eines diskriminierend auftretenden Schaffners aus der Patsche geholfen werden musste. Warum solch konstruierte p.c.-Attitüde hier hereingepackt werden musste, wird ein Rätsel der Macher bleiben. Aber nun gut, haben wir also unser Dreigestirn gefunden, welches sich unfreiwillig an Bord der Nautilus begeben muss.

Ab hier ist es wirklich erstaunlich, wie der Film immer mehr von einem schleichenden Gift namens Langeweile ergriffen wird. Wie bereits angedeutet, sind die Stärken eines Vernes die Montierung von mehreren Episoden mit einem im Laufe der Geschichte gelösten Rätsel als Klammer für das Ganze, doch hier fällt der Film immer mehr aus der Form. Die wenigen Unterwasser-Gänge sind wenig spektakulär ausgefallen, alles wirkt auf dem Meeresboden steril und leer. Ein lahmer Haiangriff, dann der Besuch der versunkenen Stadt Atlantis und noch ein paar Szenen, die kaum im Gedächtnis haften bleiben. Umso mehr muss man sich an Bord der Nautilus, die von innen eher wie ein intergalaktisches Raumschiff aussieht, das ermüdende Debattieren der drei mit ihrem verbitterten Gastgeber anhören. Dem Rätsel um die Person Nemo's wird hier kaum Bedeutung beigemessen und somit entweicht auch die letzte Spannung. Und wenn Attucks - und bitte immer an die Hautfarbe denken! - in Ketten gelegt wird und er sich bei Nemo beschwert, dass er genauso um seine Freiheit zu kämpfen hat wie der Verstoßene, dann wirkt das Ganze nur noch komisch.

Wer bis hier ausgehalten hat, wird es dann sicherlich auch verkraften, dass zur Auflockerung mal eben insgesamt drei Love-Stories noch hineingequetscht werden. Dass am Anfang Sohnemann Arronax seinem Vater die Geliebte ausspann, war schon fremdschämend genug, doch gottlob fürs Erste schnell vorbei. Doch an Bord verknallt sich ein hin und her gerissener Arronax junior erneut. Frauen an Bord, wie kommt das denn? Schnell wird dem Kapitän noch eine Tochter zur Seite gestellt, und damit alles gerecht zugeht, kriegt auch Attucks noch eine Ische ab, schwimmen ja etliche Perlentaucherinnen im Meer umher, und da kann man ja auch mal eine retten und an Bord nehmen. Nur Ned Land hat Pech und kriegt keine ab, tja, selber schuld wenn man dauernd ausbüchsen muss und fast nur im Schiffsknast sitzen muss.

Dass am Filmende dann unbedingt alles Mögliche nachgeholt werden sollte, unterstreicht noch einmal die stetige Unwucht dieser Verfilmung. Nach dem der letzte Zuschauer fast weggeduselt ist, knallt es auf einmal an allen Ecken und Enden noch mal gehörig. Warum nur musste der Kampf mit dem Kraken zeitgleich mit dem eines bewaffneten Schiffes erfolgen? Fast schien es, als hätten die Leute hier einige vorherige Szenen vergessen und wollten nun, am Zeitlimit angekommen, schnell noch alles runterkurbeln. Oder man wollte in diesem Action-Wust den Betrachter von den technischen Unfertigkeiten in diesen Szenen ablenken, denn sowohl die digital angehauchten grellbunten Explosionen bei den Torpedotreffern als auch das gefräßige Computer-Tentakel waren an Künstlichkeit kaum zu übertreffen. Das doofe Ende, bei dem Vater und Sohn auf unsympathische Art und Weise ihre Familienbande über die Bordreling der Überreste der Nautilus werfen, übrigens ebenso. Wer hier überlebt und wer nicht, wird noch nicht mal in diesem Durcheinander geklärt, und wo verdammt sind auf einmal die ganzen Weiblichkeiten hin?

Es bleiben Fragen über Fragen, und deren Antworten will man zum Großteil wohl gar nicht mehr wissen, da sich zum Ende hin immer mehr ein deutliches Desinteresse manifestiert. Nach wirklich hoffnungsvollem Beginn und einem scheinbar gelungenen Vater-Sohn-Konflikt driftet dieser Drei-Stunden-Brocken immer mehr in einem Meer voller nichts sagender Banalitäten ab, um dann wie die Nautilus im selbigen versenkt zu werden. Da kann auch Michael Caine als Nemo nicht mehr viel retten und ich rate nicht nur den Verne-Fans, hier einen großen Bogen zu machen und zum x-ten Mal zum Klassiker aus 1954 zu greifen.

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