Berlin 1978: Die Französin Pascale (Corinne Clery) bringt ihren Mann, einen erfolgreichen Architekten, zum Flughafen, da er länger beruflich nach Afrika muss. Allerdings verpasst sie ihrem Rückflug nach Paris und checkt daher in dem verschlafenen Kleinhoff Hotel ein, das sie von Studienzeiten her noch kennt. Im Nebenzimmer beobachtet (durch einen Spalt in der Trenntür) sie mit steigender Faszination einen etwas wirren linken Aktivisten/Terroristen namens Karl (Bruce Robinson), ebenso seine Kontaktleute (Werner Pochath) oder seine heroinabhängige Freundin Petra (Katja Rupé - übrigens eine verdammt hübsche Frau!). Außerdem verfolgt Pascale ihn durch die Stadt. Es kommt, wie es kommen muss: sie beginnt eine Affäre mit ihm.
Carlo Lizzanis deutsch-italienische Produktion, größtenteils in Berlin gedreht, kam nie in deutsche Kinos, trotz deutscher Schauspieler und deutscher Beteiligung. Warum das so ist, darüber kann wohl nur spekuliert werden. Aber dazu später mehr...
Auf "Kleinhoff Hotel" bin ich bei meiner Suche nach sleazigen 70er-Filmen aus Europa gestoßen. Im Internet überwiegen die negativen Kritiken und so war meine Erwartungshaltung auch entsprechend niedrig. Umso mehr überraschte es mich dann, dass ich den Film dann gar nicht so übel fand, sondern ihm zumindest etwas als ein obskures Stück deutscher Zeitgeschichte abgewinnen konnte. Mitten im so genannten "deutschen Herbst" der terroristischen Anschläge der RAF, nahm sich ein italienischer Regisseur die Freiheit, vor diesem Hintergrund die Affäre einer bürgerlichen Ehefrau mit einem antibürgerlichen Terroristen zu erzählen. Dabei ist Lizzani nicht zimperlich mit Kritik an der deutschen Polizei, so gerät Pascale in eine Razzia und wird bei der folgenden Untersuchung auf dem Revier mehr als würdelos behandelt. Sie muss sich (wie alle anderen weiblichen Verdächtigen) komplett ausziehen, untersuchen lassen und ihre Papiere vorzeigen. Zudem agieren die Polizistinnen wie die Gestapo und tragen ein strenges Outfit, was nahezu an den "Bund deutscher Mädel" erinnert. Lizzani schlägt hier (und an anderer Stelle, als die Terroristen in einer Flash-Mob-ähnlichen Aktion mit Diaprojektoren in einer verdunkelten U-Bahn-Station Parolen an die Wand werfen, in denen sie das damalige Berufsverbot mit dem der Nazis vergleichen) einen direkten Bogen von der bundesdeutschen Geschichte zu der des Dritten Reichs. Ob das sinnvoll und angemessen ist (wohl kaum), sei mal dahingestellt, mutig und provokant ist es allemal.
Vielleicht sind diese Szenen auch der Grund, warum der Film nie in Deutschland lief. Eine solche Assoziationskette glaubte man wohl dem deutschen Publikum nicht zumuten zu können.
"Kleinhoff Hotel" ist primär jedoch weniger ein politischer als ein Film, der eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Affäre vor dem Hintergrund einer bestimmten politischen Atmosphäre erzählt. Die Liebesszenen zwischen Corinne Clery und Bruce Robinson sind denn auch lang und recht freizügig, auch für heutige Verhältnisse. In manchen Situationen erinnerte mich der Film an Liliana Cavanis "Der Nachtportier" mit Dirk Bogarde, allerdings hat er keinesfalls diese Figurengenauigkeit und auch die Motivation der Protagnonisten wird nur wenig angerissen. Warum Karl linker Terrorist (oder vielmehr Möchtegernaktivist) ist, wird nie ganz klar. Die Chance, hier Motive zu beleuchten, hat der Regisseur eindeutig verpasst. Auch Pascales Motiv ist vermutlich eher bizarre Neugier, aber ihre Teilnahmslosigkeit am Ende ist dennoch irritierend. Vielleicht wollte sie wirklich nur mal vernünftigen Sex (obwohl sie glücklich verheiratet zu sein scheint) und distanziert sich am Ende so schnell, wie sie sich darauf eingelassen hat.
Insgesamt ein merk- und denkwürdiger Film, durchaus interessant (das soll jetzt kein Euphemismus für "mies" sein!) und mit einer interessanten Besetzung, aber mit vielen Lücken, die eine positive Bewertung erschweren. Die total negativen Kritiken im Netz konnte ich dennoch nicht 100%ig nachvollziehen.