Treffen sich ein amerikanischer und ein spanischer Filmemacher. Sagt der Spanier: “Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast!”
Der Amerikaner guckt verdutzt, fragt: “Ach ja, was denn?”
Spanier: “Einen Slasher hast du gedreht. Mit Jennifer Love Hewitt.”
Amerikaner: “Und? Was jetzt? Willst du mir die Idee stehlen?”
Spanier: “Normalerweise läuft das ja immer umgekehrt... aber: ja! Nur, wenn ich das wirklich mache, muss ich unbedingt weg von diesem Slasherkram. Ihr Amerikaner seid ja sooo oberflächlich...”
Kurz gesagt, Álvaro Fernández Armeros “The Art of Dying” trägt die Ironie in sich, ein anspruchsvolles Werk über das Wesen des Todes sein zu wollen, dabei aber von der Basis eines primitiven Slashers aus zu operieren. Das Ergebnis ist leider nicht mehr als allenfalls interessant, philosophische Erleuchtung wird uns genauso wenig zuteil wie schaurig inszenierte Morde., die das Herz des Horrorfans frohlocken lassen würden.
Besonders letzterer Punkt stellt sich als ein massives Problem heraus, das jeden enttäuschen wird, der so etwas wie Spannung erwartet. Die Konzentration scheint so sehr auf die interpretative Schiene ausgelegt zu sein, dass das Handwerk darunter arg zu leiden hat. Ähnlich wie im US-Slasher mit dem Hakenmann steht eine Gruppe von Twens im Vordergrund, die ein dunkles Geheimnis zu verbergen hat und nach und nach von einer Art Justitia heimgeholt wird. Justitia ist hier aber kein hakenschwingender Irrer, sondern eine bis zum Plottwist verborgene dunkle Macht. Demzufolge gibt es keine Flucht vor einer realen Figur, keine Duelle zwischen Twen und Killer, sondern eine simple Schicksalszuweisung mit Todesszenen, die viel zu transzendental und zu wenig greifbar sind, als dass man sie aufregend finden könnte. Während der Tod einen jungen Menschen nach dem anderen zu sich holt, sitzt man nur schulterzuckend da und denkt sich: “Who cares? I don’t.”
Armeros schafft es einfach nicht, Interesse für seine Charaktere aufkommen zu lassen. In der von abweisendem, kühlblauen Farbfilter überzogenen Optik, die Designerclubs und schick eingerichtete Wohnungen zeigt, gibt es keinen Bezug zu den Darstellern. Die gezeigten Situationen erscheinen so weltfremd, dass man sich damit nicht identifizieren möchte, es aber auch nicht kann, weil dazu die geeignete Figur fehlt. Noch dazu geben sich die Schauspieler zwar alle Mühe, die Ängste ihrer Figuren nach außen zu tragen, aber richtig gut darin ist eigentlich niemand. Allenfalls Fele Martínez als Ivàn und mit Abstrichen Gustavo Salmerón als vermisster Maler Nacho zeigen ein wenig von dem, was sie drauf haben, doch können auch sie nicht allein gegen den Restcast und die abweisende Inszenierung Armeros ankämpfen.
Aus diesem Grund wird es im wahrsten Sinne des Wortes erst 20 Minuten vor Schluss richtig interessant, weil ab hier mit offenen Karten gespielt wird. Absurderweise wird ein Teil des Plottwists zwar nach rund 50 Minuten so offensichtlich in einem Dialog “versteckt”, dass man nicht anders kann, als das Folgende vorherzusagen, doch glücklicherweise hat der Plot noch ein paar Asse mehr im Ärmel, so dass man nicht alleine mit diesem ersten Plottwist vorlieb nehmen muss, der sich in der Grundidee doch stark an einen US-Film anlehnt, der ein Jahr zuvor veröffentlicht wurde und der ein Jahr nach “The Art of Dying” noch einen weiteren spanischen Film inspirieren würde.
Über diese vorhersehbare Banalität hinaus entfesselt Armeros dann wirklich einen ganzen Strauß von Interpretationsebenen, die man nun keinesfalls mehr als Plottwist bezeichnen kann, ohne das Gezeigte gröbst zu vereinfachen. Endlich macht die kühle Optik Sinn, plötzlich wird auch klar, warum alles so schrecklich glatt und unspektakulär ist. Vom zeitlich verzerrten Spiel mit der Erzählperspektive bis zum Philosophieren über den Tod ist nun alles dabei, und es passiert in wenigen Minuten viel mehr als in den ersten nichtssagenden 70 Minuten, wo die Zeit damit verschwendet wird, dem Slasher-Schema zu folgen, ohne auf dessen eigentliche Höhepunkte zurückgreifen zu können. Prinzipiell wäre die Story besser als Kurzfilm umgesetzt worden, indem man einfach das komplette Negerlein-Prinzip gestrichen und sich nur mit den ersten Szenen und dem Ende begnügt hätte.
Nun ist es nicht so, dass der Ausgang der Geschichte pur gegossene Genialität wäre. In die ansprechende, insgesamt dann doch etwas wirre Idee mischen sich auch mal wenig durchdachte Phrasen wie “Die Geburt des Menschen dauert doch auch lange, wieso soll es beim Tod anders sein?” (Gegenfrage: Wieso nicht?). Mit der im Titel genannten “Kunst des Sterbens” zeigen sich inhaltlich auch nur vernachlässigungswürdige Verflechtungen; der vermisste Künstler lässt sich vom gleichnamigen Bild des Malers Hieronymus Bosch inspirieren, von dessen surrealistisch-verfremdeten Szenarien meist in Rot- bis Brauntönen zeigt sich die hier gewählte Optik aber zu keiner Zeit inspiriert. Die Akteure sind keine von verzerrten Monsterfratzen gequälten, leidenden Menschen, sondern vielmehr seelenloses Accessoire im Entwurf eines Ausstatters, der sich vom Neonlook der 80er hat inspirieren lassen. Auch seltsame Plotholes von seltener Dummheit schaffen es doch immer wieder in den Film, obwohl sie so einfach hätten verhindert werden können. Kurz gefasst ist das zugrundeliegende Konzept zwar vielversprechend, aber nicht zu Ende gedacht, und es passt auch überhaupt nicht zu dem Motiv, das man zum Aufhänger gemacht hat.
Fazit. “The Art of Dying” bietet eine ambitionierte, aber unfertig erscheinende Auseinandersetzung mit dem Tod, die von einem Filmhochschulabsolventen stammen könnte, dem man ein relational übermäßiges Budget spendiert hat. Als Horrorfilm kaum zu gebrauchen, ist wenigstens am Ende einiges an Substanz zu erkennen, für die es aber nicht solch ein ausladendes Drehbuch gebraucht hätte, das sich über weite Strecken am Schema eines Slashers orientiert. Die Darsteller sind okay, aber nie wirklich gut, weil sie nicht zum Zuschauer durchdringen können und weil bei manchen zudem das schauspielerische Talent fehlt. Wäre die Geschichte zudem etwas emotionaler erzählt worden, hätte niemand etwas dagegen gehabt.