Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen DVD-Erstauflage von e-m-s!
Mit "Die Schlangengrube und das Pendel" inszenierte Dr. Harald Reinl 1967 nach Murnaus "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" den ersten deutschen Horrorfilm. Geplant war eine neue Ära einzuläuten und deutsche Lichtspieltheater mit gruseligen Werken zu überschwemmen um am Erfolg unzähliger "Edgar-Wallace-" und "Karl-May"-Verfilmungen anzuknüpfen. Ein Vorhaben, das aufgrund mangelnden Zuschauerinteresses wieder verworfen wurde. Erst 1978 wagte sich Werner Herzog an den Versuch, einen Horrorfilm zu inszenieren und drehte mit Klaus Kinski das Remake "Nosferatu - Phantom der Nacht".
"Die Schlangengrube" ist bis in die kleinsten Nebenrollen mit bekannten und beliebten Schauspielern besetzt, die das Kinopublikum in den 60er Jahren in Filmen wie "Der Schatz im Silbersee" (Karin Dor), "Der unheimliche Mönch" (nach Edgar Wallace, mit Dieter Eppler) oder "Der Hexer" (Carl Lange) bewunderte. Vor allem das Teenie-Idol und "Tarzan"-Darsteller Lex Barker, der Star unzähliger "Karl-May"- und "Dr. Mabuse"-Verfilmungen, sollte als Held in einer unheimlichen Horrorgeschichte nach Edgar Allan Poe die Massen in die Kinos locken. Mit "Dracula" Christopher Lee wurde zudem ein in den 60er Jahren durch unzählige Auftritte in Horrorfilmen bekannte Legende des Genre als Bösewicht verpflichtet.
Man merkt Reinls Werk an, daß zwar Kosten, aber keine Mühen gescheut wurden, um den Zuschauern genau das zu präsentieren, was der Regisseur in einem Interview angekündigt hatte: einen Horrorfilm zu inszenieren, der die Darsteller von einer unheimlichen Situation in die nächste schickt, um den Zuschauer zu erschrecken und Angst zu machen.
Ein Vorhaben, das in den 60er Jahren vielleicht noch zu funktionieren schien, aber angesichts der altmodischen Machart heute lediglich nostalgischen Charme versprüht.
Das Team rund um Regisseur Reinl und Drehbuchautor Manfred R. Köhler war bemüht, dem Publikum einen an allen Ecken und Kanten unheimlichen, aber auch romantischen Film frei nach diversen Poeschen Vorlagen zu bieten. Angefangen von den Kostümen bis hin zu den mittelalterlichen Stadtkulissen samt Moritatensänger - hier wurde angesichts eines geringen Budgets kein Aufwand gescheut, um ein genaues Bild des 18. Jahrhunderts zu schaffen. Auch die Kutschfahrten durch malerische Wälder und den Geisterwald sind als sehr gelungen zu bezeichnen. Nebelschwaden, unheimliche Geräusche, schwarz gekleidete Straßenräuber, an Bäumen aufgehangene Leichen und Wolfsgeheule - alles, was zu einer unheimlichen Atmosphäre nötig ist.
Vor allem aber die alte Blutburg des Grafen Regula kann jedem Vergleich zu anderen Gothic-Horrorfilmen standhalten, denn die mittelalterlichen Folterinstrumente, dunklen Gewölbe und mit Totenköpfen verzierten Gänge sorgen für unheimliche Stimmung.
Alles in allem sehr gute Voraussetzungen, doch leider ähnelt die Irrfahrt der Protagonisten durch die unheimlichen Wälder bis hin zur Blutburg einer Geisterbahnfahrt. Die Szenerie wirkt unheimlich, hier und da gibt es einen Anflug von Spannung - aber unaufhörliche Gruselstimmung wird nicht erreicht.
Das liegt vor allem auch daran, dass mit Peter Thomas ein versierter Komponist engagiert wurde, sein Score aber vielmehr an die unzähligen "Edgar-Wallace"-Verfilmungen erinnert, die er so superb mit seinen Melodien veredelt hat. Hier wird mit den Klängen keine sehr gute Stimmung erzeugt, einzig und allein die unheimliche Melodie in der Kammer mit dem Pendel ist der Situation angemessen und unheimlich komponiert.
Die beiden Hauptdarsteller Lex Barker und Karin Dor spielen ihre Rollen zwar souverän, aber vor allem in den Augenblicken von Todesgefahr wenig überzeugend. Vor allem Lex Barker kann in der Szene, als das Pendel nur wenige Zentimeter über seinen Körper schwebt, weder Panik noch Todesangst vermitteln.
Auch Christopher Lee spielt sehr lustlos. Seine Synchronstimme ist zwar passender als die von Lex Barker, aber seine Dialoge scheinen direkt aus seinen "Dr. Fu Man Chu"-Filmen entnommen zu sein. Carl Lange als untoter Diener Anatol wirkt dagegen viel diabolischer und boshafter als Graf Regula.
Die Tricks, die vor allem die Heilung von Anatols Schußwunden und das Auflösen des Grafen und seines Dieners darstellen, sind wirklich billigster Machart, Gott sei Dank aber auch nur sehr spärlich eingesetzt worden.
Insgesamt ist "Die Schlangengrube" ein unterhaltsamer Film, der Dank einer kurzen Laufzeit von 79 Minuten auch niemals langweilig wird. Der Film lebt von seinem nostalgischen Charme. Das Ziel, einen Horrorfilm zu erschaffen, wird nicht erreicht, aber die Mühe und die Liebe zum Detail sind lobenswert.
5 von 10 Schlangen!