„Wo geht’s hier raus?“ – „Sie werden bald aus allem heraus sein.“
Während in den 1960er Jahren zahlreiche Gothic-Horrorstreifen aus Großbritannien, Italien und den USA die Zuschauer erfreuten, kam aus deutschen Landen kaum etwas Vergleichbares. Diesen Missstand zu ändern, bemühte sich Regisseur Harald Reinl, der zuvor mit seinen Edgar-Wallace- und Karl-May-Verfilmungen aufgefallen war, in diesem an Edgar Allan Poe angelehnten Grusler mit Starbesetzung: Der britische Dracula-Darsteller Christopher Lee als böser Graf Regula, Lex „Old Shatterhand“ Barker als strahlender Held und Bondgirl Karin Dor als schöner weiblicher Part. Dabei bediente sich Reinl sehr offensichtlich erfolgreicher Vorbilder, z.B. der Werke des italienischen Meisterregisseurs Mario Bava, indem der Prolog sehr von „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ inspiriert scheint und er die schönen, detailverliebten, morbiden Kulissen in eine satte Farbwelt tauchte – leider ohne dabei Bavas Qualitäten zu erreichen. So ideenreich die Kulissen auch ausfielen, an den Prunk britischer „Hammer“-Produktionen oder die surreale Faszination Bavas reichen sie nicht heran. Die Farben machen aus Reinls Beitrag ein quietschbuntes Vergnügen, dem Gruselgehalt sind sie aber wenig förderlich. Mit Poes Literaturvorlage hat „Die Schlangengrube und das Pendel“ noch weniger zu tun als die US-amerikanischen Corman-Verfilmungen, wobei Corman es immerhin verstand, intelligente, spannende Geschichten zu erzählen, wovon hier nicht wirklich die Rede sein kann. Fügten sich bei Corman die Poe-Elemente stets sehr gut in die ausgeschmückten Handlungen ein, wirken sie hier erzwungen, als müsse man seinen Verpflichtungen irgendwie nachkommen und eine Schlangengrube und ein Pendel unterbringen, die ansonsten nicht viel mit der Geschichte zu tun haben. Lex Barker agiert stocksteif, als wäre ihm sein Mitwirken nicht ganz geheuer, Vladimir Medar als falscher Priester stellt mit seinem permanenten Overacting das andere Extrem dar, Christopher Lee spult solide sein Repertoire ab, ohne dass man ihn ähnlich kongenial in Szene gesetzt hätte wie Corman es mit einem Vincent Price verstand. Und Karin Dor, naja, sieht einfach gut aus. Der ganze Film wirkt überdies häufig mehr wie ein an den Gothic-Horror angelehntes Märchen, wozu auch die fast schon comicartige Inszenierung beiträgt, beispielsweise wenn es heißt „Die Zeit läuft ab“ und dabei eine überdimensionale Sanduhr in die Kamera gehalten wird. Fast so, als wolle man seine Zuschauer nicht allzu sehr erschrecken, erscheinen viele Momente ironisiert und dadurch in ihrer potentiellen Wirkung abgeschwächt. Aber „Die Schlangengrube und das Pendel“ bezieht seinen Unterhaltungswert aus heutiger Sicht ohnehin kaum aus dem nur spärlich vorhandenen Grusel, sondern aus der Niedlichkeit dieses harmlosen, aber netten Versuchs. Denn so charmant Reinls Arbeit auch ausgefallen ist, hinterher weiß der Genrefreund umso mehr, was er an Corman, Hammer und Bava hat.
„Wenn man rechtzeitig vom Galgen geschnitten wird, entwickelt der Körper Stoffe, die gegen Kugeln immun machen.“ (Bitte nicht zu Hause ausprobieren…)