Als Edgar Allan Poe seinen namenlosen Ich-Erzähler in das Anwesen seines alten Freundes einkehren lässt, betritt dieser nicht einfach nur ein Haus, sondern den bröckelnden Gesundheitszustand seines Besitzers. Die allegorische Bedeutung des feinen Risses im Gemäuer, den der Besucher bei der Ankunft eigentlich nur am Rande bemerkt, wird dem Leser nur allzu schnell klar. Die Tragödie, die sich anschließend im Inneren abspielt, kann der einzige Zeuge nur lückenhaft wiedergeben; obgleich er eigens vom Hausherren eingeladen wurde, bleibt er vor Ort bei vielen relevanten Schlüsselerlebnissen außen vor. Schließlich versiegt der Stammbaum der Ushers im sumpfigen Ödland, ohne dass der herbeigerufene Freund jemals zur unverstellten Wahrheit hervorgedrungen wäre. Ihm, also auch uns, werden lediglich flüchtige Blicke auf das Geheimnis des Hauses Usher gewährt.
Indem Poe eine nüchtern-rational denkende Hauptfigur auf einen unerklärlichen Kontext stoßen lässt, beschwört er unzählige Deutungsmöglichkeiten. Mit ihnen erklärt sich dann auch die Adaptionsfreude, mit der immer neue Varianten in Film, Oper und Theater umgesetzt wurden. Bei den meisten Verfilmungen wird die subjektive Erzählperspektive interessanterweise zum Anlass genommen, um audiovisuell zu experimentieren oder Teile der Story neu zu mischen. So dichtete die französische Verfilmung „La Chute de la maison Usher“ (1928) von Jean Epstein unter Drehbuch-Beteiligung Luis Buñuels das Geschwisterpaar Roderick und Madeline Usher zu Eheleuten um (und tilgte damit auch die latent inzestuösen Andeutungen). Im gleichen Jahr noch erschien in den USA ein Kurzfilm von James Sibley Watson und Melville Webber, der sich durch optische Kameratricks, asymmetrische Kulissen und eine Überbetonung von Schattenwurf und anderen im Chiaroscuro liegenden Kompositionen vom deutschen Expressionismus beeinflusst zeigte.
Roger Corman und Vincent Price, die in den folgenden Jahren Poe am Fließband adaptieren würden, starten ihren Reigen mit „Die Verfluchten“, inszeniert über die typische Herangehensweise eines Haunted-House-Gruselfilms. Für den misstrauischen Dorfpöbel im Tal muss man zwar Epsteins Version bemühen, ansonsten sind bei Corman aber alle Grundzutaten vereint: Draußen toben Nebelmaschinen und Matte Painter, um eine möglichst imposante Horrorlandschaft mit der Hausfassade als Höhepunkt zu kreieren, innen herrscht die schiere Opulenz. Die behelfsmäßig mit dem Namen Philip Winthrop versehene Identifikationsfigur bedeutet natürlich gezwungenermaßen eine Abkehr vom direkten Ich-Status der Vorlage. Sie wird irgendwo zwischen Vorgängern wie John Harker („Dracula“) und Nachzüglern wie Stephen Reinhart („Das Grauen auf Schloss Witley“ – von Daniel Haller, der bei „Die Verfluchten“ übrigens für das Produktionsdesign verantwortlich zeichnet) zum zweidimensionalen Rollenstereotyp: Draußen soll sie eingeschüchtert werden durch die furchterregende Front des einsamen Hauses in der trüben Nacht, innen wird sie mit seltsamen Eigenarten des Gastgebers und seiner Untergebenen unter Spannung gehalten. So besteht die erste Handlung des Mannes von Welt mit der perfekt modellierten Frisur und dem Maßanzug darin, auf Geheiß des Portiers die eigenen Schuhe gegen Hausschuhe zu tauschen – wobei er spürbarem Anstoß nimmt an den ihm fremden Bräuchen.
Was bald darauf von Vincent Price zu sehen ist, wirkt erschreckend selbst auf jene, die mit dem Mimen eng vertraut sind. Das bleich gefärbte Haar wird vielleicht nicht ganz den feinen Gespinsten gerecht, die Poe in der Vorlage beschreibt, es reicht aber, um die süffisante Theatralik Prices in die Totenstarre zu versetzen, auch wenn seine Augenbraue wie gewohnt ständig den Weg in den Norden sucht. In dem offenen Raum, in dem Price und Damon erstmals aufeinandertreffen, verbreitet sich dann auch die Essenz der Vorlage in Form einer diffusen Wolke der Anspannung. Abgesehen davon, dass der Besucher sich aus den Ausführungen seines Gegenübers minutiös zusammenreimen darf, was hier vor sich geht, passiert nicht sonderlich viel. Da sitzen nur zwei Männer, einer mit Verwirrung im Gesicht, der andere mit Untröstlichkeit, und reden miteinander. Es deutet sich erstmals an, dass „Die Verfluchten“ ein spröder, aktionsarmer Film werden wird, der vorwiegend von ruhigen Dialogen in geschichtsträchtigem Ambiente lebt. Doch Corman zieht aus diesem Minimalismus eine dichte Atmosphäre, die den Betrachter umwickelt und vereinnahmt. Das gelingt ihm nicht zuletzt durch feine Details, die eher nebenbei ablaufen. So zupft Roderick immer wieder an seiner Laute und entlockt ihr dissonante Tonfolgen, die wie schon die Risse im Gemäuer Rückschluss geben auf das Innenleben des Spielers. Auch die bildhafte Beschreibung der Hochsensibilität für Sinneseindrücke wird der Vorlage gerecht und lässt im Kopf eine Vorstellung des Wahnsinns entstehen, den der trostlos in Leere blickende Price seinem Gast vorstellig machen möchte.
Bei Streifzügen durch die Räume des großen Anwesens wird das Ausmaß des Schreckens dann etwas transparenter und die Anspannung folglich noch größer. Auf das Spiel der Laute folgt die Präsentation einer Ahnengalerie an der Flurwand, eine wirklich scheußlich anzusehende Folge von Blutsverwandten der Usher-Linie, die der Hausherr mittels expressionistischer Strichführung mit dem Schatten des Todes versieht. Nicht nur Häuser und Musik, auch Bilder fungieren bekanntlich als Spiegel derer, die sie abbilden; „Das Bildnis des Dorian Gray“ lässt grüßen. Corman fährt also alles auf, was man im Horrorfilm traditionell als Manifestation der Psyche eines Verdammten auslegen kann. Ein Umstand, den Winthrop gegenüber Usher sogar als logisches Argument anbringt, wenn er behauptet, Häuser seien „weder normal noch annormal“. Wo sich der Film im ausgedehnten Mittelteil jede tatsächliche Eskalation der Ereignisse ausspart, da umschreibt er sie in den Textzeilen der Akteure und ihren Blicken unentwegt.
Die größte Änderung dieser Adaption gegenüber der Vorlage dürfte wohl in der Umdeutung der Beziehung zwischen dem Ich und Rodericks Schwester liegen. Hier sind die Beiden nämlich keine Fremden, sondern ein Paar, das offenbar bereits große Pläne miteinander geteilt hat. Drehbuchautor Richard Matheson gewinnt der Dreiecksbeziehung zwischen Winthrop, Roderick und Madeline dadurch neue Facetten ab, die für zusätzliche Dramatik sorgen. Schon wenn Roderick die indirekte Bitte Winthrops um die Hand seiner Schwester ablehnt und dabei praktisch von der Rolle des Bruders in die des Vaters (oder eines unterlegenen Nebenbuhlers?) annimmt, wird Zündstoff für spätere Eskalationen freigelegt und zugleich der morbide Umgang mit der Ahnenreihe der Familie gepflegt, insbesondere, da man in einer späteren Szene die Familiengruft mit den Särgen des Vaters und der Mutter zu sehen bekommt. Dort findet auch einer der intimeren Momente zwischen Mark Damon und Myrna Fahey statt. Die Zwiegespräche der Liebenden gehören zu den großen Stärken des Films, wird in ihnen doch die Hilflosigkeit des Außenstehenden deutlich, der im Grunde nur zusehen kann, wie seine Angebetete – trotz äußerer Unversehrtheit – der Erbkrankheit der Ushers anheim fällt.
Einen Schlusspunkt findet das Skript zwar keinen besseren als den alten Trick von der ekpyrotischen Sündenreinigung, die alle Laster unter sich begräbt. Ganz generell gehört die auffällige Orientierung an den Genre-Standards zu den weniger gelungenen Aspekten dieses Werks. Doch bevor sich Madeline als blutbespritzte Zombie-Braut im weißen Kleid auf die Hinterbliebenen stürzt und das Haus Usher in Flammen setzt, entfaltet „Die Verfluchten“ eine Stimmung des schwelenden Grauens und der Hoffnungslosigkeit, nicht ganz auch ohne die aufgeworfenen Themen zu reflektieren und sogar mit ein wenig Humor zu versehen (Prices Gesichtsausdruck, als er die Zuckungen am totgeglaubten Körper seiner Schwester wahrnimmt, ist schon alleine die Sichtung wert). Die Gemächlichkeit, mit der sich die Handlung entwickelt, setzt zugegebenermaßen eine gewisse Geduld voraus; man muss also schon mit voller Aufmerksamkeit bei der Sache sein, um tief in die Geschichte eintauchen zu können. Dann aber überzeugt Cormans erste Poe-Verfilmung von vielen mit sinnvollen Abweichungen von der Originalgeschichte, opulenter Ausstattung und einer unheilvollen Atmosphäre, so dick, dass man die Luft zerschneiden kann.