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„Hör auf, rumzulaufen! Das nutzt nur den Teppich ab!“

1964 hatte der US-amerikanische Regisseur, Produzent und Autor William Castle („Schrei, wenn der Tingler kommt“) sich längst einen Namen gemacht mit seinen liebenswürdigen Low-Budget-Filmen, die in der Regel über ein Gimmick verfügten, das die Kinoaufführungen zu etwas Besonderem, Aufsehen erregendem werden ließ. Als er sich an die Dreharbeiten des von niemand Geringerem als Robert Bloch, dem Autor des von Hitchcock verfilmten „Psycho“, verfassten Drehbuchs zu „Die Zwangsjacke“ machte, konnte er über einen A-Star in der Hauptrolle, die Diva Joan Crawford („Was geschah wirklich mit Baby Jane?“), verfügen. Die Dreharbeiten wurden – so ist es zumindest überliefert – zu einer nervlichen Zerreißprobe für den guten Castle, da sich Mrs. Crawford gern in dessen Belange einmischte. Doch das Ergebnis, das eines aus einer ganzen Reihe von Genrefilmen ist, die alternden weiblichen Hollywood-Größen erneut Bühnen baten, kann sich sehen lassen!

Zur zugrunde liegenden Geschichte: Lucy Harbin (Joan Crawford) erschlug vor 20 Jahren ihren Mann und dessen Geliebte mit einer Axt und landete daraufhin in der Nervenheilanstalt. Endlich entlassen, kommt sie auf der Farm ihres Bruders und dessen Frau unter, die auch als Ersatzeltern für Lucys Tochter Carol (Diane Baker, „Das Schweigen der Lämmer“) einsprangen, die zur Tatzeit drei Jahre alt war. Doch kaum ist die als weitestgehend geheilt geltende Lucy wieder in Freiheit, geschehen auf der Farm entsetzliche Axtmorde....

Unheimliche Bilder im Vorspann geben die Richtung vor, in die es die nächsten eineinhalb Stunden geht: Ein Psycho-/Horror-Thriller, der sein Publikum erschrecken möchte. Sehr behutsam und überraschend sensibel wurde das erste Wiedersehen von Mutter und Tochter nach 20 Jahren inszeniert. Hier und in vielen folgenden sich mit der Mutter-Tochter-Beziehung sowie Lucys persönlichem Zustand auseinandersetzenden Szenen spielt die Crawford hochemotional am Rande zur Melodramatik, dass es für Freunde theatralischer Auftritte die reinste Freude und das exakte Gegenteil vom unbeholfenen, hölzernen B-Movie-Darsteller ist. Natürlich spielt Crawford alle anderen an die Wand und insbesondere ihre Filmtochter Diane Baker kann da nicht mithalten, was zu einem gewissen Ungleichgewicht in schauspielerischer Hinsicht führt. Dieses fällt aber lediglich dem auf, der aus mir unerfindlichen Gründen nicht vom Spannungsgehalt des Films gepackt wird, der dramaturgisch wie bereits William Castles „Mörderisch“ an Hitchcocks Thron kratzt. Sehr genau scheint Castle sein großes Vorbild studiert zu haben und legt für sein „Whodunit?“ geschickte Finten. Wer letztlich die Axt schwang, lässt sich für Genrekenner sicherlich allein schon aufgrund der eher begrenzten Anzahl an Charakteren inkl. leider recht eindimensionaler Nebenrollen auswürfeln bzw. nach einer kurzen Analyse unter Heranziehung genretypischer Versatzstücke erörtern, steht jedoch niemanden von vornherein auf die Stirn geschrieben. Derartige Überlegungen werden ohnehin immer wieder durch pointiert gestreute Axtmorde jäh unterbrochen, die nach bester Slasher-Manier (die es damals noch gar nicht gab) aufgebaut werden und in im Off oder in schönen Schattenbildern enden. Castles kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografie steht dem Film gut zu Gesicht. Insbesondere verstand er es aber, Lucy Harbin unberechenbar und undurchsichtig erscheinen zu lassen, was vielen Szenen den besonderen Suspense-Kick verleiht.

Wer möchte, kann in „Die Zwangsjacke“ sogar ein Plädoyer für Rehabilitation und gegen die Todesstrafe erkennen. Am Ende zollt Castle seiner Ausrichtung auf das „einfache Massenpublikum“ vielleicht etwas zu sehr Tribut, wenn er den Erklärbär steppen lässt. Dafür kam sein psychologisch wenn nicht tief-, so doch wunderbar abgründiger, harter, tragischer und unterhaltsam-makabrer Film bei seinen Zuschauer jedoch zurecht gut an, während neunmalkluge Kritiker ihn verrissen. Wer wissen will, wie es aussieht, wenn „Psycho“ auf „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ in dick aufgetragener Groschenromanform trifft und Gimmick-König Castle dabei auf dem Regiestuhl sitzt, sollte versuchen, eine Kopie aufzutreiben. Mein fünfter William-Castle-Film nimmt bislang meine Favoritenrolle ein und ich kann es kaum erwarten, weitere Werke aus seinem Œuvre zu sichten.

7,5/10

P.S.: In einer Nebenrolle ist Lee „Colt Seavers“ Majors zu sehen – sein erster Leinwandauftritt.

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