Die junge Karen O'Connor möchte ein Buch schreiben über das Leben des ehemaligen Starcomedian Vince Collins. Collins (Colin Firth) war Teil eines Komikerduos der späten 50er Jahre, welches durch Lenny Morris (Kevin Bacon) komplettiert wird. Bacons Charakter war hierbei der wilde, ungestüme Rowdy, während Firth mehr den eleganten, distinguierten Conterpart darstellte. Er war das kultivierte Alibi, warum die spießige amerikanische Öffentlichkeit ein Enfant terrible wie Bacons Lenny Morris lieben durfte. Die beiden gingen durch dick und dünn, allerdings ist ihr Verhalten nur Fassade, denn die Zuschauer werden entweder verprügelt, gevögelt oder als Klatschvieh missbraucht. Karen O'Connors Buchprojekt wird zu Anfang der 1970er Jahre angesiedelt und sie versucht, die Wahrheit über eine Episode herauszubekommen, in der ein totes Zimmermädchen in der Badewanne der Suite der beiden gefunden wird. Zwar hatten sie ein Alibi, schweigen sich aber seit 15 Jahren über die Vorgänge aus. Karen O'Connors Versuche, die Wahrheit zu ergründen, werden durch permanente Brüche der Chronologie auf der Leinwand begleitet. Mal ist man in den 1950er Jahren, dann wieder in den 1970er Jahren und auch innerhalb der Phasen wird der zeitliche Ablauf nicht im Ansatz gewahrt. Untermalt durch verschiedene Voice-Overs durch Bacons herrlich nuschelige Stimme oder O'Connors (Alison Lohman) Investigationseifer sehen wir jedoch streckenweise Dinge auf der Leinwand, die eben diesen Off-Kommentaren teilweise widersprechen. Ein Spiel mit Wahrheit, Schein und Verunsicherung wird vom armenisch-ägyptischen Franco-Kanadier Atom Egoyan hier aufgezogen, welches seine bislang schon durchaus bemerkenswerten Filme (EXOTICA, THE SWEET HEREAFTER) immer noch in den Schatten stellt. Film-Noir-Elemente wie die verworrene Handlung, die schon an Hawks THE BIG SLEEP erinnert, das Voice-Over, das Ausbleiben von positiv belegten Figuren und der elegante Swing der 50er Jahre, aber auch das postmodernistische Neo-Noir der 1970er-Phase deutet auf ein schönes Noir-Erlebnis hin. Aber WHERE THE TRUTH LIES ist mehr. Ähnlich wie Lynch oder Haneke zieht Egoyan ein Spiel mit Wahrheit, Subjektivität, Verunsicherung auf, welches deutliche Anklänge an Kurosawas Meisterwerk RASHOMON verrät. Allerdings ist Egoyan zu sehr Stylist, als sich auch dahin festlegen zu lassen. Durch das tolle Spiel der drei Hauptrollen, allen voran Alison Lohman, die durch ihre elegante Erscheinung und ihr frisches Gesicht zwischen Girlie und Noir-Femme-fatale changiert, erhält der Film eine tragische Note, ohne in modische Zynismen zu verfallen. Auch die elegante Scope-Kamera bewirkt ein Weiteres in diesem unfassbar vielschichtigen Film. Abgerundet durch einen tollen Score, der sich aus Swingnummern, Orchesterscore aller erster Güte und tollen Songs zusammensetzt (U.a. von Blood, Sweat & Tears und der Band des besten lebenden Gitarristen weltweit: John McLaughlins Mahavishnu Orchester. Angenehm, in einer Drogentripsequenz einmal nicht naheliegenden Hippierock, sondern Fusion-Jazz zu hören).
WHERE THE TRUTH LIES (Wo die Wahrheit liegt/Wo die Wahrheit lügt) hat vom deutschen Verleiher den völlig flachen Titel WAHRE LÜGEN erhalten. Die Dopplbödigkeit wurde dadurch zwar genommen, ist im Film aber in Potenz enthalten. Immer, wenn man glaubt, auf der richtigen Spur zu sein, wartet der Fim mit einer neuen Wendung auf. Zum Finale hin offenbart sich das Dilemma zwischen den verschiedenen subjektiven Wahrheiten. Die Erlösung durch die Auflösung bleibt aus, die im Thriller eigentlich so heilige Wahrheit ist hier nur ein Indiz für die immer komplizierter werdenden Zusammenhänge und auch der Zuschauer verlässt das Kino irritiert. Die Strukturen zwischen Gut und Böse werden aufgelöst, der Verrat an eigenen Prinzipien wird selber zum Prinzip und wenn es dann zur wirklich unerwarteten Auflösung kommt, stellt man fest, das die faktische Auflösung in diesem Emotions- und Lügen-, bzw. subjektien Wahrheitssumpf eigentlich keine Rolle mehr spielt. Ein stylishes sexy Filmnoir-Thrillerdrama und doch nichts von alledem. Wo ein David Lynch bei seinen Versuchen der Auflösung eher das Spektakuäre sucht, geht Egoyan ruhigere Wege, ist an Subtilität jedoch gleichzusetzen.
Eines der spannensten Drehbücher der jüngsten Vergangenheit, gepaart mit einer meisterhaften Inszenierung, einem diabolisch-bemitleidenswerten Colin Firth, einem ekstatisch-dandyhaftem Kevin Bacon und einer schon fast klassichen Alison Lohman, einem tollen Soundtrack und einer stimmigen Bildgestaltung. Kurz: Ein Meisterwerk!