Guy Ritchie hat ja die Krimilandschaft mit seinem Gemisch aus übersteigerter Comic-Gewalt, britischer Ultra-Coolness und verwinkelten Plots verändert, inzwischen muß wohl jeder diesen Fußstapfen folgen, obwohl der Verursacher selbst schon nicht mehr hineinpasst.
Schön zu sehen, dass es auch anders geht: „Alibi“ von Matt Checkowski ist eine erfrischende Abwechslung auf diesem Gebiet und auch wenn man mit Gewalt Anleihen in der Geschichte des Kriminalfilms bzw. der Krimikomödie finden kann, so lässt sich der Film nirgends eindeutig zuordnen – und das ist eine feine Sache.
„Alibi“ benutzt einen augenzwinkernden Aufhänger, eine Agentur, in der man Seitensprünge professionell organisieren und absichern kann, geführt von dem Ex-Betrüger Ray, der früher dem bis heute verschwunden Jack unterstellt war, den die halbe Welt tot oder lebendig sucht.
Aber wie es mit den moralisch zweifelhaften Dingen nun mal ist, haben selbst gute Absichten manchmal böse Folgen. Als er selbst einen Einsatz für einen solventen Kunden übernimmt, bringt der aus Versehen seine Gespielin im Bett um und prompt hetzt die halbe Welt hinter Jack her, sei es nun wegen seines Berufs, seiner Vergangenheit oder der Tatsache, dass der Kunde seine Identität benutzt hat.
Mitdenken ist angesagt bei diesem temporeichen Film, der aber bei der ganzen flotten Erzählweise und dem pointierten Voiceover der Hauptfigur eins total auslässt: Hektik.
Keine wilden Reißschwenks oder andere technische Spielereien, dafür ein Sack voll Charaktere, die alle nur die eigenen Interessen im Kopf haben und demzufolge von Ray gegeneinander ausgespielt werden müssen.
Das Hauptrisiko trägt der Film sicherlich mittels der Hauptrolle für Steve Coogan, einen britischen Geheimtip, den die wenigsten kennen (u.U. aus „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan) und der den Erwartungen in punkto Hauptdarsteller (sympathisch, offen, gutaussehend, draufgängerisch) in keinster Weise Rechnung trägt.
Mit verkniffenem Aussehen, berechnendem Blick und nachdenklich gespitztem Mund ist Coogan mehr ein abgezocktes Wiesel, das sich in aller Professionalität aus einer Jägerfalle befreien muß, kontrolliert, berechnend, immer noch einen Trumpf in der Hinterhand. Skrupelarm, aber nicht menschenfeindlich.
Um ihn herum stapeln sich die bekannten Gesichter in Nebenrollen bis zum Himmel: Sam Elliot gibt einen Mormonen-Gangsterboß, Henry Rollins seinen Handlanger, Selma Blair seine läufige, wenn auch nicht sonderlich schlaue dritte Frau, James Marsden den entsprechenden Sohn zu James Brolins Millionär und Rebecca Romijn darf als blondes Wunder Coogan zur Seite stehen.
Trotz des verwinkelten Plots (der aber bei geistiger Klarheit immer sehr übersichtlich bleibt), versuchen sich die Macher nie an Tarantino, Ritchie oder ähnlichen Epigonen, sondern bauen den Film mit britischer Handschrift an US-Drehorten zusammen, stets ein Augenzwinkern oder einen sauberen Lacher (groteskenfrei) parat und mit passabler Spannungskurve, die in einem großangelegten Finale mündet.
Einziges Manko: man wird diesen Film vermutlich nur einmal sehen, dann aber 90 Minuten lang sauberen Krimi-Spaß haben, der nicht ganz so aufgepumpt und gewollt wirkt wie etwa der vergleichbare „Kiss Kiss Bang Bang“ (der aber noch sympathischer war, weil er sich nicht ernst nahm, etwas was „Alibi“ vermeidet), sondern organischer und realistischer.
Klein und schwarz (nicht fies) – das filmische Equivalent zu einem starken Espresso – und macht genauso munter. (8/10)