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In einem seiner ersten Werke, Ende der 50er noch für das sowjetische Fernsehen produziert, erzählt der später weltberühmte Meisterregisseur Andrej Tarkowskij die simple, aber ungemein spannende Geschichte einer Militäreinheit, die beim Fund von 30 Tonnen Blindgängern mitten in einer russischen Stadt gerufen wird, um die gefährlichen Bomben abzutransportieren und gezielt zu sprengen.

In dem knapp 47 Minuten laufenden Kurzfilm ist von Tarkowskijs späterer formaler Meisterschaft noch nicht viel erkennbar, was vielleicht auch darauf zurückzuführen ist, dass er sowohl beim Drehbuch als auch bei der Regie nicht allein arbeitete. Andererseits trägt hier der simple Stil durchaus dazu bei, dem Geschehen einen enorm naturalistischen und damit authentischen Hintergrund zu verleihen. Außendrehs an Orten in russischen Städten, der Einsatz von Laien-Komparsen und die sehr zurückhaltende Inszenierung - eine ruhige Kamera, wenig Musikeinsatz (der in den wenigen Szenen, wo er doch verwendet wird, aber umso dramatischer und pompöser daher kommt), wenige und einfache Dialoge - machen „Heute wird es keine Entlassung geben" (je nach deutschem Verleiher auch übersetzt mit „Heute gibt es keinen Feierabend") nicht nur zu einer packenden Darstellung lebensgefährlicher Folgearbeiten des Zweiten Weltkriegs, sondern auch zu einem interessanten Einblick in sowjetische Lebensrealitäten.

Neben Architektur und technischen Details sind hier aber natürlich vor allem die zwischenmenschlichen Handlungen interessant. Ob das kollegiale, teils freundschaftliche und stets verständnisvolle Miteinander unter den Militärangehörigen wirklich so glaubhaft ist, sei angesichts sowjetischer Vorstellungen von Selbstrepräsentanz mal dahingestellt; aber anhand weniger Figuren wird hier ein breiter Querschnitt durch menschliche Eigenschaften in Extremsituationen gezogen: Ein ehemaliger Soldat bietet erfolglos seine Hilfe an, während ein aktiver Gefreiter darum bittet, aus Rücksicht auf seine Familie von dem Auftrag freigestellt zu werden. Die Befehlshaber müssen währenddessen mit der Last ihrer Verantwortung klar kommen - wen sollen sie für die gefährliche Aufgabe auswählen? Dank hervorragender Darsteller, die sehr natürlich und überzeugend wirken, kann man ihnen die Anspannung der Situation direkt von ihren erschöpften Gesichtern ablesen. Bei aller inszenatorischen Zurückhaltung ist der Film darstellerisch ein starkes Ereignis.

Und ein enorm spannendes noch dazu. Bei aller Einfachheit des Drehbuchs ist es doch clever aufgebaut, macht im Anfangsteil deutlich, wie gefährlich der Fund ist, um dann im letzten Drittel die Spannung umso höher zu schrauben - die weitgehend dialoglosen Passagen, in denen die Blindgänger vorsichtig ausgegraben und verladen werden, erzeugen eine wahrhaft atemlose Hochspannung. Ohne viel Oberflächenaction oder formale Tricks wird hier der Zuschauer innerhalb kurzer Zeit bis zum Ende intensiv an den Bildschirm gefesselt. Ein Musterbeispiel für gelungenen Spannungsaufbau ganz ohne künstliche Effekte.

„Heute wird es keine Entlassung geben" ist also in gewisser Hinsicht doch schon ein Hinweis darauf, mit welcher Virtuosität Tarkowskij es verstand, Filmsprache zu beherrschen und gezielt zu beeinflussen. Als historisch interessantes und hochspannendes Relikt längst vergangener Filmtage kann dieses Frühwerk auch heute noch Cineasten durchaus ans Herz gelegt werden.

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