Das Streben nach dem persönlichen Glück ist eine starke Triebkraft im Leben eines Menschen, ganz gleich wie man es für sich selbst definiert. Manche wünschen sich sehnlichst, einmal durch die entlegenden Wüsten des australischen Outbacks zu reisen, den Grund des pazifischen Ozeans zu sehen oder einfach nur etwas materielles wie ein schnelles Auto oder das Traumhaus am Strand. Die meisten aber werden bei dieser Frage in sich gehen und sofort wissen, dass man den Ort des wahren Glücks meist in den Menschen findet, mit denen man den Rest seines Lebens verbringen möchte. Umso tragischer, wenn einem der Weg dorthin für immer versperrt bleibt.
Als sich die Cowboys Jack (Jake Gyllenhall) und Ennis (Heath Ledger) das erste mal begegnen, haben sie sich zunächst nicht viel zu sagen. Da sie aber gemeinsam einen Sommer lang am Brokeback Mountain in Wyoming eine Schafsherde hüten sollen, raufen sie sich zunächst notgedrungen zusammen. Aus der Zweckgemeinschaft entsteht Vertrautheit, aus der Vertrautheit entsteht Liebe. Eine Liebe, die beiden in diesen Monaten voll auskosten - bis die Arbeitszeit vorüber ist. Danach gehen sie ihre eigenen Wege, halten aber über Postkarten Kontakt. Bis zur nächsten Begegnung heiratet Ennis seine Verlobte Alma (großartig: Michelle Williams) und bekommt zwei Töchter, während sich Jack als Rodeoreiter durchschlägt und schließlich die Unternehmertochter Lureen (Anne Hathaway) heiratet. Doch ihre Zuneigung können die beiden mit ihren Lebenslügen nie verdrängen. Immer wieder kehren sie in den nächsten zwanzig Jahren zurück an den Ort ihres wahren Glücks, den Brokeback Mountain.
Nachdem sich Regisseur Ang Lee mit dem Effektespektakel „Hulk“ gründlich verhoben hatte, kehrt er mit seinem jüngsten Werk zu den Wurzeln seines filmischen Schaffens zurück und liefert ein zu Herzen gehendes Melodram ab, dass ohne größere dramaturgische Knalleffekte von der ersten Minuten an fesselt und den Zuschauer die Gefühlswelten der beiden Protagonisten hautnah miterleben lässt. Großen Anteil haben daran Heath Ledger und Jake Gyllenhall, die hier beide mit überirdisch guten Leistungen aufwarten und die charakterlichen Unterschiede der beiden Figuren detailliert und glaubwürdig aufarbeiten. Ennis ist introvertiert, nachdenklich und schweigsam, sein Leben verlief nie in geordneten Bahnen. Aufgezogen wurde er von seinen Geschwistern, da seine Eltern früh bei einem Unfall starben. Jack dagegen ist ein Draufgänger und kommt aus einem halbwegs normalen Elternhaus. Auch ist er derjenige, der in den drei glücklichen Monaten die Initiative ergreifen soll und bis zum Schluss nicht die Hoffnung auf ein gemeinsames Zusammenleben verliert; ganz gleich, welche Widrigkeiten sich in den vielen Jahren ergeben.
Dass diese Widrigkeiten niemals wirklich thematisiert werden, sondern stets nur in den Köpfen der Protagonisten, insbesondere in dem von Ennis, eine Rolle spielen, ist ein Zeugnis der sensiblen Herangehensweise des Regisseurs. Kein Wort wird hier zuviel gesprochen, die wichtigsten Aspekte dieser komplizierten Liaison werden allenfalls angedeutet oder verstecken sich in den zahlreichen kleinen Gesten, die in den wenigsten Fällen eindeutig sind und stets der Auffassungsgabe des Zuschauers bedürfen. Besonders am Ende kommt diese Inszenierweise zum Tragen, wenn Ang Lee kurze Bildschnitte eines tragischen Ereignisses präsentiert, deren Ursprung auf verschiedene Weisen gedeutet werden kann, je nach dem welchen Standpunkt man innerhalb dieses Werkes vertritt. Einerseits ist Ennis durch seine Kindheit und der darin befindlichen Konfrontation mit einem Mord an einem offensichtlich Homosexuellen so stark geprägt, dass sie ihn stets mit Angst erfüllt und für sein Weg zum Glück eine unüberwindliche Hürde darstellt. Andererseits ist eine rationale Erklärung ohne paranoide Anflüge eine ebenso logische Alternative. Diese Doppeldeutigkeit ist es, die „Brokeback Mountain“ seinen besonderen Glanz verleiht und die Komplexität der Erzählweise erst beim (langen) Nachwirken des Streifens offenlegt.
Unterstützt wird Inszenierung von einer grandiosen Kameraarbeit, die uns sowohl mit herrlichen Bildern der Berglandschaft Wyomings verwöhnt, als auch den Blick für die Charaktere und ihre Emotionen nie aus den Augen verliert. Hier ist es besonders schön anzusehen, wie der Blick der Kamera stets im richtigen Moment die Mimik und Gestik der Figuren einfängt und zum Zuschauer transportiert. Dieser Transport gelingt auch durch den Soundtrack, der zumeist aus Countrystücken, aber auch aus einem äußerst zurückhaltenden Score besteht, der kaum wahrnehmbar den Hintergrund vieler Szenen bildet, aber niemals zum oftmals inflationären Andrehen der Dramaturgieschraube innerhalb eines laufenden Dialogs eingesetzt wird. Auch hier zeigt sich die initiatorische Feinfühligkeit im Umgang mit Emotionen und ihren Auswirkungen auf die Handlung. Auswirkungen, die für sich sprechen und keine weiteren Ausrufezeichen nötig haben.
Mit „Brokeback Mountain“ schuf Ang Lee ein Melodram, das mit inhaltlicher Komplexität, großartigen schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten und nahezu perfekter Kameraarbeit großes Gefühlskino darstellt, wie es in den letzten Jahren nur selten zu bewundern war. Die sensible Herangehensweise an die vielfältigen Handlungsaspekte bringt uns die schwierige Gefühlswelt der Protagonisten behutsam näher und lässt dabei immer wieder die zur Selbstreflexion motivierende Botschaft aufblitzen, dass die Steine, die auf dem Weg zum Ort unseres Glücks zu überwinden sind, meist von uns selbst gelegt werden.