Vier Wochen lang langsam einwirken lassen – mehr Zeit als „Brokeback Mountain“ habe ich selten einem Film bewusst gegeben, um sich entfalten zu können.
Das Ergebnis bleibt aber, wie kurz nach Ansicht, das Gleiche – und das fällt längst nicht so überragend positiv aus, wie Presse und sonstige Kritik es so folgerichtig publiziert haben.
Von gefallenen Tabus war da die Rede, von gebrochenen Lanzen für die Randgruppen der Homosexualität im Kino, von der traurigsten und mutigsten Love Story der letzten 20 Jahre.
Ich kann leider nichts Revolutionäres daran feststellen.
Daß Ang Lee ein begnadeter Regisseur ist, daran will noch nicht einmal ich rütteln. „The Ice Storm“ war sicherlich der frostigste Film, der je zum Thema Gefühlsleben mit soviel Wärme realisiert werden konnte.
Und auch hier präsentiert Lee wieder eine Zustandsbeschreibung, wie sie tragischer nicht sein könnte – das Schicksal schwuler Veranlagung in einer männerdominierten Gesellschaft, noch dazu im finstersten Tex-Ass, wo Männer noch Männer waren und nur geredet haben, wenn ihr Pferd schon in Flammen stand.
Die Geschichte der Mietcowboys Ennis und Jack, die sich in einem einsamen Sommer in den wilden Bergen langsam näher kommen und über einen Zeitraum von 25 Jahren trotz Familiengründung und Kinderzeugung ihren Trieben immer wieder leidenschaftlich folgen, bis sie an der Heimlichkeit zerbrechen – ist Stoff für großes Kino.
Tatsächlich baut das Skript die Beziehungen auch geradezu wunderbar auf, das erste Drittel über den Sommer in den Bergen ist das stärkste Stück des Films, eingefangen in wunderbaren, monumentalen Naturgemälden und von einer zärtlichen Rauhheit, die in einem animalischen, halb versteckten Akt gipfelt – ein Tabubruch, der erst langsam und widerstrebend von den beiden Protagonisten akzeptiert, realisiert und genossen wird.
Von da an geht es bergab für die beiden, die ihre gesellschaftsgetreuen Familien schon bald hintergehen, weil sie ihre wahre Natur nicht verbergen können. Während Jack jedoch zunehmend frustriert und entfremdet reagiert, weil sie so wenig Zeit füreinander haben, versteckt Ennis seine Natur immer mehr, auch nach seiner Scheidung in einer weiteren Beziehung, bis die getrennten Wege in ein tragisches Finale münden.
Wo liegen die Probleme für „Brokeback Mountain“?
Da wäre zunächst die epische Breite – die Geschichte trägt das langsame Erzähltempo leider nicht, der Film ersäuft zwar in hervorragender Kameraarbeit, läuft aber immer wieder leer.
Dann liegt das Gewicht des Film eindeutig zu stark auf Heath Ledgers Ennis, dessen permanenter Rückzug vor sich selbst, dessen ängstliches Verstecken seiner Homosexualität bald zu einem langatmigen Treppenwitz wird – während das Scheitern von Jake Gyllenhaals Jack Twist beinahe nebenbei abgehandelt wird.
Das Problem – Homosexualität in einer rückständigen Gegend wie Texas (zumindest in punkto fortschrittlicher Ansichten) – wird nicht richtig beleuchtet, keine Auswege, keine Entwicklungen geboten (sogar „Ice Storm“ bot mögliche Lösungen an…).
Jack wird ermordet, weil er seine Sexualität zumindest ansatzweise gelebt hat – Ennis bleibt am Leben, weil er sich ängstlich zurückzieht.
Stände Ledger nicht so dominant im Fokus der Kamera (und er agiert die meiste Zeit mehr als statisch), könnte das immer noch eine interessante Abwägungen der Möglichkeiten sein (das die Geschichte tragisch enden muß, ist klar), aber aussagetechnisch erstarrt der Film in der Tragödie.
Natürlich gibt es letztendlich noch einen Wechsel in Ennis Innenleben, wenn er etwa (nach Jacks Tod) seinem Kumpel und Lover nachträglich ewige Liebe und Treue schwört, aber bis dahin strapaziert der Film enorm die Geduld.
Und eine Zustandsbeschreibung über Homosexualität in einer Gegend am Ende des Planeten und mit Leuten, die einen genauso tangieren, wie einen langjährigen, linientreuen oberbayrischen CSU-Wähler, ist genauso wenig tabubrechend, wie Oscar-Konkurrent „Crash“ eine wirksame Analyse des herrschenden Rassismus war.
Auf jeden Fall provoziert der Film keinesfalls die ganz großen Gefühle und es gab auch nicht eine Sekunde, in der ich die oft beschworenen Taschentücher auch nur hätte zücken mögen.
Es hat schon viele schwule Filme gegeben und viele haben mich auch sehr berührt – das hier lässt mich kalt.
Der exemplarische Versuch, ein heikles Thema mittels 50er-Jahre-Epos-Dramaturgie aufzurüsten, um damit das Publikum warmzuschießen.
Das hat Ang Lee möglicherweise kurzfristig geschafft – ich denke aber, dass weder Ennis noch Jack in ihrer Zurückgezogenheit geeignet sind, sich dauerhaften Zugang zum Publikum zu verschaffen. (6,5/10)