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Kleiner Mann ganz groß

Mit Der Kleine Caesar produzierten die Warner Bros. Anfang der 1930er Jahre gewissermaßen die Blaupause für jeden Aufstieg-und-Fall-eines-Gangsters-Film. Am Beispiel des Kleinstadtganoven Caesar Enrico Bandello, der bis zur Spitze des Großstadtmobs gelangt und von dort wieder nach ganz unten muss, werden so ziemlich alle Stationen abgehandelt, die heute logischerweise gängige Klischees sind.

Aus heutiger Sicht, also mit der Kenntnis einiger Gangsterfilme, ist der Film verständlicherweise überraschungsarm. Wir beginnen ganz unten, Rico ist nur ein kleiner Gangster, der mit seinem Freund Tankstellen ausraubt. Doch gleichzeitig träumen beide von mehr. Rico von seinem Platz an der Spitze einer Gangsterbande und Joe davon, ein großer Tänzer zu sein. Gemeinsam zieht es sie in die Großstadt, wo sie sich an die Verwirklichung ihrer Träume machen.

Neben einer erinnerungswürdigen Darbietung von Edward G. Robinson als Titelfigur, bleibt vor allem sein Gegenspieler, der von Thomas Jackson gespielte Gesetzeshüter Flaherty, im Gedächtnis. Seine distinguierte Sprechweise wirkt wie ein Gegenpol zum impulsiven und drängenden Spiel Robinsons. Die weiteren Rollen sind zumeist auf wenige Dialogzeilen beschränkt, wodurch höchstens noch der schlaksige Douglas Fairbanks Jr. als Ricos Freund Joe die Möglichkeit hat, zu glänzen.

Mittels der eingangs etablierten Freundschaft zeigt der Film auf gekonnte Weise den amerikanischen Traum und sein Gegenstück. Während Joe es mit seinen Tanzkünsten auf legale Weise dauerhaft ins Rampenlicht schafft, bleiben Rico letztlich nur seine "15 Minuten Ruhm", die er sich mit Gewalt genommen hat, ehe er jämmerlich stirbt. Gerade die finale Szene bringt dies überdeutlich zum Ausdruck. Rico, mittlerweile mittellos, unrasiert und ganz allein, wird von Sergeant Flaherty durch ein Plakat, auf dem Joes neue Tanzshow angepriesen wird, mittels eines Maschinengewehrs geradezu durchlöchert. Und während Rico mit seinen berühmt gewordenen letzten Worten sein Leben aushaucht, sind er und Joe sich damit auf bildlicher Ebene überaus nahe. Doch inhaltlich könnten sie kaum weiter voneinander entfernt sein. Auf der einen Seite (des Plakats) Joe, auf der Höhe seines Erfolges, ein echter Vorzeigekerl, der seinen Traum lebt und mit seiner Tanzpartnerin glücklich ist. Auf der anderen Seite (im heruntergekommenen Hinterhof, welcher sich hinter dem Plakat findet) der ebenfalls an seinem Traum festhaltende und dadurch sterbende Rico.

Ein weiteres zentrales Motiv des Films ist Zeit. Zu Beginn dreht Rico nach dem Tankstellenüberfall die Uhr des Diners zurück, um sich damit ein Alibi zu verschaffen. Die darüber stehende Botschaft ist klar: Er hat keine Zeit, er will die Zeit überlisten. Während einer später zu Ehren von Rico stattfindenden Feier, einer solchen von der Rico zu Beginn im Diner in der Zeitung liest, bekommt er zudem eine teure Taschenuhr von seiner Gang geschenkt. Doch wie sich herausstellt, ist die Uhr gestohlen. Auch die sinnbildlich geschenkte Zeit kommt also nur zu einem gewissen Preis.

Mit den Zigarre rauchenden, Slang sprechenden Gangstern konnte der Film in einer sich entwickelnden Tonfilmindustrie beim Publikum punkten und gerade die Gangsterausdrücke hinterlassen auch heute noch Eindruck. Etwas, dass man von der zur Schablone gewordenen Handlung nicht behaupten kann.

Dennoch besitzt der Film auch über 80 Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen noch genug Anziehungskraft. Sei es die Faszination für die kriminelle Welt an sich, die überzeugende Darstellung Robinsons oder auch einfach die filmhistorische Bedeutung als vielleicht der Archetyp des Gangsterfilms.

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