Achtung, Review enthält starke Story-Spoiler!
Zitternden Fußes schlurfte ich ins Kino, denn Cronenberg hat die Latte mit „Spider“ hoch gelegt. Zu hoch eigentlich, um das Niveau realistischerweise mit einem Nachfolger halten zu können. Was allerdings umgekehrt eine gewisse Erleichterung bringt, denn dann fängt man mit den ewigen Vergleichen erst gar nicht an. Zumal die Genialität dieses Films dem perfekten Zusammenspiel von Patrick McGraths Buch und David Cronenbergs Regie geschuldet war. Im vorliegenden Fall ist wieder mal das alte Problem, dass die Vorlage offenbar ein Comic ist und diese Tatsache die grelle Buntheit der Geschichte maßgeblich mitbestimmt. Allerdings ist Cronenberg nicht denselben Weg wie Frank Miller und Robert Rodriguez mit „Sin City“ gegangen sind und hat das Ganze gleich in der Strip-Form inszeniert, sondern er verließ sich auf sein althergebrachtes Team von Peter Suschitzky an der Bildregie und Howard Shore als Komponisten. Beide sind ja auch Meister ihres Fachs (auch wenn man über Shores Breitband-Streicher-Gelangweile vermutlich Stunden streiten kann), aber zu einer derartigen Verfilmung passen sie nur bedingt.
Zumal die Story in ihrer Simplizität und leider auch Klischee-Überladenheit fast schon physisch schmerzvoll ist. Ein braver Diner-Inhaber und Familienvater in einer typischen Midwest-Kleinstadt (gedreht natürlich in Kanada), steht im Mittelpunkt eines Überfalls und reagiert blitzschnell, was zwei Tote Möchtegernräuber zur Folge hat. Der folgende Medienrummel macht aber einige üble Subjekte von der Ostküste auf den vermeintlichen „Helden“ aufmerksam, weil sie ihn scheinbar mit einem ehemaligen Hitman namens Joey verwechseln und als sie ihren Wünschen nach seiner Begleitung eben dorthin Nachdruck verleihen wollen, gibt es drei tote Gangster mehr. Inzwischen bekommen jedoch der Ortssheriff und die Frau des wehrhaften Kleinunternehmers ihre Zweifel, denn echte Profis gehen bekanntlich nie blind vor, sondern nur wenn sie 100% sicher sind. Und, jaaaaaa doch, natürlich ist er dieser Joey, der sich eine Kleinbürgerexistenz aufbauen wollte und seine Vergangenheit vergessen. Wäre dieses Plotelement nicht so mit Leuchtstift unterwellt, hätte ich „Achtung Spoiler“ gesetzt, aber angesichts des Winks mit dem Mammutbaum ist dies wohl kaum nötig. Zuguterletzt „räumt“ Joey/Tony mit seiner Vergangenheit buchstäblich auf und Schluß.
Wie bitte? Fragt sich der Cronenbergianer nun, das soll’s gewesen sein? Ja, so ist es, nach den handelsüblichen eineinhalb Stunden ist der Spuk vorbei und man fragt sich, was das eigentlich alles sollte. Doch man weiß, dass David Cronenberg selbst beim Verfilmen der schlimmsten Hausmannskost immer noch seine Duftnote draufzusetzen weiß und, was im vorliegenden Fall noch wichtiger ist, bisweilen auch ein großes Drama in eine vor Sarkasmus triefende schwarze Komödie verwandeln kann. Genau das hat er nämlich hier gemacht.
Die bösen Jungs, die den Diner überfallen wollen - in den letzten Minuten ihres Lebens - werden gleich zur Eröffnung als üble Slacker eingeführt, die für einen Kanister Trinkwasser sogar kleine Mädchen erschießen. Die Kleinfamilie ist natürlich heile (allerdings nicht so übertrieben wie andernorts bisweilen dargestellt) und der arme pubertierende Sohnemann wird vom Schulbully, der dermaßen dick aufgetragen ist, dass er fast von alleine in die 80er rutscht, bis aufs Blut gepeinigt. Um der kanadischen US-Verarsche noch den letzten Schliff zu geben, macht das Ehepaar Liebe, indem sie sich eine Cheerleader-Uniform anzieht und irgendwas von „ihren Eltern im Nebenzimmer“ haucht, was bei einer Enddreißigerin dann eher zwerchfelltorpedomäßig daherkommt. Der zweifelhafte Ruf, die zweitdümmste Liebesszene der Filmgeschichte gedreht zu haben, gebührt also Cronenberg. Es kommt nun wie es laut Drehbuch kommen muß, die Bad Guys brauchen Kohle, suchen sich das falsche Diner aus und enden mit zerfleischten Brustkörben bzw. zerschossenen Schädeln. Was übrigens die zunächst erstaunliche Entscheidung der FSK, eine 18er Freigabe zu wählen, nachvollziehbarerer macht, gilt auch für die weiteren Tötungen.
Doch damit fangen die Troubles erst an, denn die Medienaufmerksamkeit reizt nicht nur den Schulbully zu neuen Sauereien, die ihm diesmal dadurch ausgetrieben werden, dass ihn sein Opfer nach väterlicher Inspiration krankenhausreif schlägt, sondern lockt auch Gelichter aus dem Osten, die glauben, ihren verlorenen „Joey“, Hitman und Augen-Terminator des Anführers, wiedergefunden zu haben. Letzterer wird übrigens von einem mit Gusto am Gerippe der Szenerie nagenden Ed Harris dargestellt, komplett mit Einreiher und schwarzer Sonnenbrille. Die dürfen dann eben in weiterer Folge unter Mithilfe des Sohnemanns, der ja schon bewiesen hat, was für Eier er besitzt, und einer Schrotflinte ins Gras beißen (wörtlich übrigens), was irgendwie sehr lustig ist, weil die Typen (auch schon die Räuber) dermaßen tough und brutal eingeführt werden, dass ihr sang- und klangloser Untergang antithetisch zum Hollywood-Kino steht. Die liebende Ehefrau hat klarerweise ebenso ihren Part zu erfüllen und neben infantilem Coed-Gehabe in der Pofe hat sie auch noch die gestresste Wölfin, die am Rande des Nervenzusammenbruchs mit Klauen und Zähnen ihre Familie zu schützen versucht, drauf. Wobei aber auch ihr, wie dem Zerstreutesten der Zuseher, inzwischen klar ist, dass der Typ, der eben mal drei Hardcore-Fettnacken mit Automatik-Großkalibern Leichenhaus gemacht hat, kaum ein Durchschnittsmann sein kann. Tja, und im Zuge dieser familiären Entfremdung hat es mein Lieblingskanadier dann sogar noch geschafft, die mit Abstand allerdümmste Sexszene in der Geschichte des bewegten Bildes zu inszenieren, denn als Tom/Joey seine heulende Frau an der Treppe ergreifen will, um sie zu beruhigen, stößt sie ihn zunächst weg, lässt sich aber dann doch umarmen und auf der Treppe grün und blau vögeln, um danach ebenso zornig wie am Anfang in ihr Zimmer zu stapfen und die Tür zu knallen, wie es die Art der Frauen ist. In den Sitzreihen um mich kam es zur Progromstimmung: „was ist denn da so lustig!?“ Tja, wenn ihr es nicht seht, kann ich euch auch nicht helfen.
Naja, das Grand Finale spielt sich dann so ab, dass eines Tags der große Bruder unseres Protagonisten, ein Mob-Untier aus Philly, anruft, um seinen kleinen Bruder zur Räson zu bringen. Dieser reist auch brav in Nacht und Nebel ab, um dortselbst, in Philadelphia, nicht nur einen Attentatsversuch zu vereiteln, sondern nebenher auch das gesamte Haus mit Gorillas plus seinem Bruder in die ewigen Mafiagründe zu befördern. It’s a bird, it’s a plane, no, it’s Joeyman!
Dann ist der Schwachsinn auch schon vorüber. Zugegeben, die Komödie ist nicht leicht zu erkennen, denn die elegische und wunderschöne Kameraarbeit und das dramatische Gefiedel des Shore-Scores wirken nach allen Kräften dagegen, somit ist die Verwirrung verständlich, die „A History of Violence“ bisher ausgelöst hat. Doch für diejenigen, die sich noch an Cronenbergs 70er Kracher „Shivers“ und „Rabid“ erinnern, werden sich wehmütige Bilder öffnen, freilich mit dem Wermutstropfen, dass hier keine Story mehr da ist. Die Bewertung fällt schwer. Sagen wir: 3 Punkte für Kamera, 2 für die durchgängig beachtliche Schauspielleistung (also, mit schmackiger Übertreibung, aber gut gemachter), und nochmals 3 für Cronenbergs Leichthändigkeit, das sind 8. Da leider die Story minus 3 ist, sind das aber nur 5 für die beste Parodie, die keiner erkannt hat.