Vielerorts wird „A History of Violence“ als der zugänglichste Cronenberg bezeichnet. Leicht verdaulich macht ihn das noch lange nicht.
Diesmal deutet schon der Filmtitel an, dass Gewalt thematisiert wird, speziell ist es hier der Umgang mit ihr seitens der US-Amerikaner, Cronenberg als Kanadier kann es sich ja leisten.
Eingeleitet wird der Film mit der Einführung von Leland und Orser, zwei streunenden und äußerst gewalttätigen Räubern, die wenig Emotionen zeigen. „Was war los?“ – „Nichts. Nur ein paar Probleme mit dem Zimmermädchen. Aber die sind schon aus der Welt geschafft.“ Das heißt im Klartext, dass das Zimmermädchen in einer Blutlache tot am Boden liegt, wie wir gleich sehen werden, wenn Orser noch einmal das Motel betritt um sich Wasser abzufüllen. Er passiert ihre Leiche ebenso wie die des Pagen vollkommen regungslos. Auch zeigt er keine Regung, als er das kleine Mädchen, das sich im Nebenzimmer versteckt hat, erschießt.
Nach diesem düsteren Einstieg lernen wir den Helden und seine Familie kennen. Tom Stall (Viggo Mortensen, der eine beachtliche Leistung ablegt), Besitzer eines Diners in einer amerikanischen Kleinstadt, glücklich verheiratet und Vater von zwei Kindern: Die Klischees der typischen amerikanischen Kleinstadtfamilie sind wohl beabsichtigt, der Einfall der Gewalt in dieses Idyll ist abzusehen. Doch trotz unangenehmen Zeitgenossen wie Leland und Orser oder den später auftauchenden Angehörigen eines Verbrechersyndikats kommt die Gewalt nicht in erster Linie von außen, sondern vielmehr von innen. Tom Stall selbst birgt ein Geheimnis, von dem er scheinbar selbst nichts mehr weiß.
Doch der Reihe nach: Leland und Orser tauchen, wie es der Zufall will, in Stalls Kaff und seinem Diner auf. Gerade als sie im Begriff sind, ein Massaker anzurichten, greift Stall zur Kaffeekanne und überwältigt die beiden in einem knappen und eindringlichen Feuergefecht. Urplötzlich wird er als Held gefeiert, niemand hinterfragt, wie ein harmloser Familienvater zu einer solch kalten Tötung fähig gewesen sein, Gewalt aus Selbstschutz scheint nicht nur gerechtfertigt, sondern wird umjubelt.
Erst als der einäugige John Fogarty (wunderbar abgründig und fies: Ed Harris) auftaucht und Tom als den Schwerverbrecher Joey Cusack bezeichnet, kommen erste Zweifel sowohl bei Toms Mitmenschen als auch bei ihm selbst auf. Nach einem erneuten Gewaltausbruch, bei dem auch Toms Sohn einen Finger am Abzug hat, bricht in ihm immer mehr sein früheres Ich durch, seine Familie erkennt ihn nicht mehr wieder. Ein nächtlicher Anruf schließlich bringt Tom/Joey dazu ein für allemal mit seiner Vergangenheit aufzuräumen.
Cronenberg präsentiert in diesem Werk die Gewalt unter verschiedenen Gesichtspunkten.
Am Anfang steht der grausame multiple Mord zweier Geisteskranker im Kontrast zur umjubelten „Heldentat“. Die Öffentlichkeit unterscheidet also zwischen „guter“ und „schlechter“ Gewalt, wenngleich sie dem Zuschauer immer gleich abscheulich präsentiert wird. Im nächsten Schritt wird die Faszination beleuchtet, die mitunter von Gewalt ausgehen kann. So ist Edie, Toms Frau, zunächst von ihrem Mann abgestoßen, nachdem sie mit ansehen musste, wie er jemand anderem die Nase ins Hirn geprügelt hat, doch aus Abscheu wird schnell Verlangen, aus Gewalt wird Sex. Im letzten Schritt schließlich werden wir Zeuge eines Aktes erbarmungsloser Selbstjustiz. Tom als eiskalter berechnender Killer.
Der Film wirft viele Fragen auf: Darf man Gewalt anwenden um seine Familie und Mitmenschen zu schützen? Wenn ja, wie weit darf sie gehen? Inwieweit ist es möglich, mit einer gewalttätigen Vergangenheit abzuschließen? Kann auch ein Mörder Absolution erlangen? Am Ende ist die Familie wieder beisammen, doch es fließen viele Tränen, was die Zukunft bringt, bleibt ungewiss.
„A History of Violence“ wirft viele Fragen auf. Das Nachdenken bleibt dem Zuschauer überlassen.