Ein neuer Cronenberg läßt die Erwartungen immer ein wenig steigen und wenn eins sicher ist, dann daß man im Anschluß an den Filmbesuch ein wenig was zum Nachgrübeln hat, was der Regisseur uns damit wieder erzählen wollte.
Für manche ist die Existenz dieser Herausforderung zum Gedankenspiel schon Grund genug, die Qualität gegenüber der üblichen Massenware herauszustellen, der Großteil des Publikums hat leider meistens wenig Sinn für eventuelle Subtilitäten und ordnet die Filme jeweils nach ihrem Unterhaltungs- oder Gewaltpotential ein. Aber Film darf auch mal ruhig Arbeit sein.
In punkto Eindeutigkeiten düften sich auch an „A History of Violence“ diverse Besucher die Zähne ausgebissen haben, vor allem wenn man noch in der Scanners- oder Videodrome-Phase steckengeblieben ist.
Cronenberg hat sich von der Verbindung zwischen psychologischen Abgründen und der Verformung des Fleisches als Materialisation der Psyche langsam aber sicher entfernt, sondern psychologisiert jetzt öfters „trocken“, auch wenn die Gewalt als antreibende Kraft hier zwei-, dreimal in die Welt der Filmfiguren wie ein Sturm einbricht.
Trotzdem ist es weniger die Darstellung der Gewalt, die hier in Bilder gefaßt wird, als vielmehr die Auswirkung derselben auf Menschen und ihre Umwelt, speziell die Konstruktion der Familie. Wie schon in der Vorlage (übrigens kein Roman, sondern ein Comic), breitet das Skript vor uns eine amerikanische Kleinstadtidylle aus und unser Held Tom Stall hat mit Ehefrau, Teenagersohn und kleiner Tochter, könnte in früheren Zeiten durchaus rockwellsche Dimensionen gehabt haben.
Cronenberg gönnt seinen Charakteren viel Zeit zur Entwicklung, zeichnet Familienleben und die Einbindung in die Stadtgemeinschaft nach, stellt die Familie in die Balance. Und bringt sie dann zu Fall.
Der Einbruch der Gewalt durch zwei halb psychopathische Räuber in Toms Cafe, die er in einem Anfall akuter Notwehr geradezu brachial von dieser in die nächste Welt befördert, macht Tom zum Helden, fördert aber gleich noch mehr zwielichtige Gestalten zu Tage, speziell den Gangster Fogarty, die Tom für einen gewissen Joey Cusack halten, den Bruder eines Großbosses aus Philly.
Die ständigen Verdächtigungen und Provokationen bringen Mensch und Familie bald aus dem Gleichgewicht, Zweifel über Toms Identität schleichen sich ein, der Sohn löst schließlich einen schwelenden Schulkonflikt zum ersten Mal mit brutaler Gewalt, bis auch Tom alias Joey nichts anderes übrig bleibt, als sich den drei Männern zu stellen.
Das Skript stellt nicht die Frage, ob wir in einem bizarren Identitätenalptraum gefangen sind (nach „Spider“ dürfte die Idee immerhin erlaubt sein), sondern beleuchtet mehr den Umgang mit der eigenen Identität, bzw. dem Ausmerzen einer vorherigen mit Stumpf und Stiel.
Tom, der von Viggo Mortensen geradezu schmerzhaft behutsam angelegt wird, bemüht sich intensiv, den Status Quo der Familie zu halten und kann doch nicht verhindern, daß seine Balance langsam zerbricht. Obwohl seine Frau glücklich hoch drei mit ihm ist, kann sie die vorherige Identität seinerseits nicht akzeptieren, was wohl zu einer der schmerzhaftesten und verzweifeltesten Liebesszenen seit Jahren führt, eine orgiastische Klammerei mitten auf einer Treppe, kurz vor einem hysterischen Weinkrampf.
Mehr und mehr jedoch taucht in Tom der Gangster Joey wieder auf und drängt ihn schließlich, die Vergangenheit nicht nur in sich zu begraben, sondern dies auch in der Realität zu tun, ohne Gewißheit, nur mit der Hoffnung, daß danach alles wieder ins Lot kommen könnte.
Mortensen ist geradezu beängstigend als Ruhepol, der dann im Augenblick der Gefahr zum eiskalten Killer mutiert, der mit aller nötigen Härte und Schnelligkeit ausmerzt, was ihm oder seiner Familie zur Gefahr werden könnte, notfalls auch den eigenen Bruder.
Die Aussage dahinter bleibt vage, der Film ist mehr Prozesschilderung als Analyse. Gewalt ist nicht böse, sie ist manchmal unausweichlich, das ist ein altes Western-Motiv, mit dem der Film viel zu tun hat. (Die Anfangssequenz mit den beiden Räubern vor einem Motel scheint erst tarantino-motiviert zu sein, bis man dann endlich das Leone-Zitat identifizieren kann). Aber hier hat Gewalt auch Konsequenzen und verändert das Gebilde der eigenen Existenz.
Deswegen bleibt der Film in seiner Schlußeinstellung auch wunderbar ambivalent. Die Unschuld des jüngeren Kindes bleibt unberührt, der Sohn stellt in einer Art traurigen Akzeptanz den Wunsch nach einem Vater scheinbar über die eigene Wut, während zwischen den Eheleuten fast angstvoll nach einem Schimmer von Hoffnung in den Augen des jeweils anderen gesucht wird.
Alles bleibt am Ende offen, aber wenn man dann in den Gewaltszenen relativ brachial zu sehen bekommt, wie Köpfe halb weggeschossen, Kehlen durchgetreten oder Nasenknorpel ins Gehirn getrieben werden, ist dies verständlich und auch, daß man zur Normalität nicht mehr so einfach zurückkehren kann.
Erzählkino ohne definitive Eindeutigkeiten, wenn auch manchmal mit einer fast enervierenden Detailfreudigkeit in der Konstruktion, ich bin erfreut. (8/10)