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Zunächst die Überraschung, beziehungsweise Ernüchterung: Nachdem Jim Jarmusch uns mit dem mainstreamigen "Broken Flowers" quasi seine Alterswerk-Schaffensphase angekündigt hat, müssen wir nun auch mit ansehen, wie David Cronenberg älter wird. Reifer im Geiste, konventioneller im Film. Sein neuestes Werk "A History of Violence" ist recht klassisches Erzählkino, das höchstens noch durch seine superbrutalen Gore-Effekte an die älteren Body-Horror-Klassiker des Kanadiers erinnert. Seine Fieberträume á la "Naked Lunch" weichen nun einer simplen Narrativik, die auf das Geschehen draufblickt, anstatt sich subjektiv zu verkanten. Eher beobachtet, als in die Abgründe Amerikas eintaucht. Das ist zunächst nicht schlecht, aber eher ungewöhnlich für Cronenberg.

Erzählt wird eine Geschichte, die es zuvor bereits in einem graphic-novel zu lesen gab: Als sein kleines Diner von zwei Gewaltverbrechern überfallen wird, fackelt der Besitzer und Kleinstadtbürger Tom Stall nicht lange und rettet seine Angestellten und Gäste vor Mord und Folter durch Gewalt. Er erwehrt sich den Gangstern indem er sie erschießt. Plötzlich wird der einfache Familienvater eines ebenso familiären Kaffs des Mittleren Westens zum gefeierten Nationalheld, dessen heroische Taten bundesweit in den Acht-Uhr-Nachrichten gepriesen werden. Der Ruhm ist ihm nicht recht und schon gar nicht, dass von nun an zwielichtige Gestalten, die anscheinend der Mafia angehören, an seinen Fersen kleben. Ihr Anführer Carl Fogarty meint, Tom zu kennen, nennt ihn Joey und möchte ihn mit dessen Bruder Richie vereinen. Tom leugnet die zweite Identität in seiner Vergangenheit, doch Fogarty ist sich seiner Sache so sicher, dass er schließlich Toms Familie auf die Pelle rückt…

Jedoch erzählt Cronenberg nicht die im Titel versprochene "Geschichte von Gewalt", sondern lediglich eine singuläre Situation eines Mannes. Hier werden keine neuartigen Erkenntnisse über die Gewalt und ihre nahezu tagtägliche Allgegenwärtigkeit innerhalb unserer sozialen Strukturen aufgearbeitet, sondern ein recht simples Gangsterdrama erzählt. Wo der Pretext eine intellektuelle Auseinandersetzung mit "Gewalt" und ihrer zyklischen Natur verspricht, entpuppt sich das Werk als unglaublich simples Genrekino. Besonders problematisch wird es, als der Film und sein Protagonist gleichzeitig ihre Maske fallen lassen. In dem innerhalb der Filmerzählung überraschend früh angesiedelten Plot-twist, der Tom tatsächlich als gewaltbereiter Mafioso enttarnt, zeigt uns auch "A History of Violence" sein wahres Gesicht. Kein Mysterythriller, keine beklemmende Moralgeschichte, wie etwa Lars von Triers "Dogville", sondern ein ganz banaler Thriller. So platt, so widersprüchlich und so voller fehlplazierter Ironie, wie schon in der Pre-Title-Sequenz.

Die Reflektion von Toms Problematik in seiner Familie ist ebenfalls erschreckend einfach gestrickt. Sohnemann Jack wird in der Schule mit Schlägern konfrontiert und findet in der Sprache eine Möglichkeit zur gewaltlosen Problemlösung. Selbst wenn seine kleine Schwester nachts Angst vor Monstern im Wandschrank hat, ist er es, der sie durch Kreativität beruhigen kann, während sein Vater mit einer Rationalität auf sie einredet, die nie und nimmer zu der Vorschülerin vordringen kann. Wer hier die Parallelen zu Toms eigener Situation und seiner starren Flucht in die Gewalt zur Problembeseitigung nicht sieht, hat vermutlich seinen Kopf im Kino ob der platten Plotkonstruktion abgewendet. Auch, dass sich Toms Sexleben während seiner Metamorphose vom Kleinstadtbürger zum Großstadtkiller vom Cheerleader-Blümchenpetting ohne Penetration zum knallharten, sadomasochistischem Sex auf der Flurtreppe wandelt, ist einer von vielen unsubtilen Drehbuchkniffen.

Doch den Tiefpunkt erreicht der Film, wenn er am Ende, in seinem blutüberschwemmten Showdown zum klischeebelasteten Actioner wird, in dem William Hurt eine unsägliche Robert-De-Niro-Rolle spielt. Hier geschieht nur noch Mord und Totschlag, ohne eine Quintessenz aus dem blutigen Handeln zu ziehen. Selten hat ein Film vorgegeben, so viel zu sein, selten hat ein Film derart wenig gehalten, wie er versprochen hat. Die Geschichte der Gewalt hat Cronenberg hiermit nicht erzählt. Eher die Geschichte über einen Regisseur, der seinen Biss und seine Fähigkeit, wichtige Themen in anspruchsvolle Metaphern zu chiffrieren verloren hat.

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