A History of Violence ist einer dieser Filme, die unser ambivalentes Verhältnis zur Gewalt porträtieren wollen. Fühlen wir uns doch einerseits moralisch abgestoßen, zieht uns die Gewalt andererseits an und fasziniert. Dabei hat Cronenbergs (derzeit noch) neuester Film einen interessanten Kniff, der ihn von anderen thematisch ähnlichen Produktionen abhebt.
Tom Stall lebt in einer amerikanischen Kleinstadt, betreibt ein gemütliches Restaurant und hat ein harmonisches Familienleben. Die Menschen der Stadt kennen und grüßen einander; die Idylle ist perfekt. Was fehlt? Genau, der Moment, der das Bild auseinander brechen lässt. Der kommt recht drastisch, wenn Toms Diner von zwei Gangstern überfallen wird, die schnell bei der Waffe sind. Doch Tom ist noch schneller und tötet die Männer auf professionelle und blutige Weise. Obwohl er als Held gefeiert wird, scheint längst nicht alles in bester Ordnung. Eine zweite, gewaltbereite Persönlichkeit scheint im friedliebenden Tom zu stecken, auf die auch einige finstere Gestalten aus sind...
Wie in anderen Filmen über die Gewalt wird auch hier das Leid gezeigt, das durch sie entsteht. Auch wird bewusst darauf verzichtet, die Gewalt betont abstoßend zu inszenieren, stattdessen werden hier intensive Szenen voll abartig aufregender Brutalität gezeigt (in Cannes klatschte das Publikum bei den blutigen Ausbrüchen). Doch anstatt hier stehenzubleiben und sich darüber zu freuen, uns gezeigt zu haben, dass wir Gewalt verabscheuen und doch lieben, will Cronenberg uns nicht als hässliche Heuchler dahinstellen. Denn: Gewalt ist nicht nur der Ursprung allen Übels, sondern kann auch (so moralisch verkehrt das sein mag) zu deren Lösung beitragen. Ich finde es zudem völlig verkehrt, diesen Film als "verstörend" oder ähnliches zu bezeichnen. Nein, hier wird nicht die Fratze der triefenden Brutalität gezeigt, sondern ein umfassenderes Bild.
Nicht umsonst wird das idyllische Kleinstadtleben konsequent in die Gewaltszenen eingebunden: Auch der Sohn Toms, eigentlich typsicher Loser, erkennt, dass Gewalt eine gefährliche Lösung, aber doch eine wohltuende Eruption der aufgestauten Gefühle sein kann. Und wenn Tom seine Frau auf einer harten Treppe regelrecht vergewaltigt, schreckt sie zwar zuerst zurück, findet dann aber doch Gefallen. Bitte nicht falsch verstehen: Dies soll kein Aufruf zur Vergewaltigung sein, beileibe nicht. Es soll lediglich gezeigt werden, dass Gewalt ein Teil von uns ist, den wir nicht auf ewig von uns weisen und begraben können. Just das zeigt A History of Violence und geht damit weiter als andere Filme, die nur die scheinbar unmenschliche Seite der Gewalt beleuchten wollen.
Nur kurz zur Crew, die man einfach nicht unerwähnt lassen kann: Die vier größten Darsteller des Films (Viggo Mortensen, Maria Bello, Ed Harris und William Hurt) spielen beeindruckend, vor allem die beiden Hauptdarsteller (Mortensen wird ja auch in Cronenbergs nächstem Projekt wieder mit an Bord sein). Ein besonderes Lob aber geht an Stammkomponist Howard Shore, der wieder einmal einen Film Cronenbergs mit großartiger Musik versieht. Der Regisseur selbst zeigt erneut, dass er offensichtlich nicht in der Lage ist, schlechte Filme zu drehen. Jetzt aber genug des Enthusiasmus, bevor sich auch der letzte Leser abwendet, und nur noch schnell eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen: Ansehen!