Review
von Alex Kiensch
Der Cafébesitzer Tom Stall (Viggo Mortensen) führt in einer ruhigen Kleinstadt ein friedliches Leben mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Bis eines Tages zwei Verbrecher seinen Laden überfallen und er sie in einem brutalen Kampf außer Gefecht setzt. Von nun an ist nichts mehr, wie es war: Die Medien feiern ihn als amerikanischen Helden und zwielichtige Gangster tauchen auf, die ihn belästigen und bedrohen und behaupten, er sei nicht der, für den er sich ausgibt. Ganz allmählich bricht Toms heile Welt auseinander.
Mit Filmen wie "Die Fliege" und "Die Unzertrennlichen" hat Regisseur David Cronenberg schon früh gezeigt, dass er ein Spezialist nicht nur für schockierende Gewalt- und Ekelexzesse ist, sondern auch für bizarre, verstörende Storys. Dieser Tradition bleibt auch "A history of Violence" verhaftet. In ruhigen, gediegenen Einstellungen zeigt er, wie Gewalt und Terror in ein unscheinbares Leben hinein platzen - der Kontrast zwischen der Unaufgeregtheit der Kamera und dem Schockeffekt dessen, was sie offenbart, verleiht dem Film eine starke Atmosphäre der Surrealität. Man hat das Gefühl, in einem Albtraum zu stecken, aus dem es einfach kein Erwachen gibt. Viggo Mortensen spielt den Familienvater, der das Leben seiner Familie mit immer drastischeren Mitteln zu verteidigen sucht, mit großer Überzeugungskraft, die gerade in seiner langen Apathie ihren Ausdruck findet: Die Ereignisse, die über ihn hereinbrechen, sind zu fremdartig, zu unbegreiflich, als dass er sich darauf einstellen könnte. Die Show wird ihm allerdings klar von Ed Harris in der Nebenrolle eines psychopathischen Gangsterbosses gestohlen: Auch wenn er nur eine relativ kleine Rolle hat, zeigt er wieder einmal sein ganzes subversives Können - selbst als gemeingefährlicher Psychopath verströmt er ein ungeheures Charisma.
David Cronenberg nutzt die Story, die sehr geradlinig inszeniert ist und sich nur auf einen kleinen Überraschungseffekt beschränkt, um ein zynisches Porträt des modernen Amerikas zu zeichnen: Ein Porträt allgegenwärtiger Gewalt. Tom tötet zwei Menschen, wird aber uneingeschränkt mit frenetischem Jubel als amerikanischer Held gefeiert; sein Sohn findet nur in brutalen Prügel einen Weg der Gegenwehr gegen ihn drangsalierende Schulkameraden; und, am interessantesten, je länger Tom versucht, seine Familie friedlich vor Schaden zu bewahren, desto blutiger wird schließlich seine Gewalt. Die nur punktuellen, aber hammerharten Gewaltszenen verströmen ein bizarres Gefühl von fiebriger Faszination und abscheulichem Ekel - wenn sich Tom und seine Frau brutal auf der Treppe lieben, wird der komplexe Zusammenhang zwischen Sex und Gewalt deutlich. Ein schwieriges Porträt eines unangenehmen Themas, das vieles offen lässt und einigen Interpretationsspielraum lässt.
Vielleicht ein wenig zu viel. Das versöhnliche Ende wirkt nach der finalen Gewaltorgie fehl am Platz und man hat den Eindruck, hier wurde nicht mehr genügend über Toms Taten reflektiert. Hinzu kommt, dass der Film im letzten Drittel deutlich an Schwung verliert. Nichtsdestotrotz hat Cronenberg mal wieder gezeigt, was in ihm steckt, und einen formal beachtlichen, bizarren und diskussionswürdigen Beitrag zum Thema Gewalt und ihre Folgen gedreht.