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Man braucht im Leben manchmal einfach ein bisschen Glück. Ohne geht es nicht. Chris (Jonathan Rhys-Meyers) kann davon ein Lied singen: Aufgewachsen in armen Verhältnissen wurde er früh als talentierter Tennisspieler entdeckt, fand im Profigeschäft aber keine echte Anbindung. So verschlägt es ihn schließlich in einen noblen Londoner Tennisclub, wo er dem reichen Geschäftsmann Tom (Matthew Goode) begegnet und sich mit ihm anfreundet. Als er auch noch mit dessen Schwester Chloe (Emily Mortimer) anbandelt, kann er dank der großzügigen Unterstützung der wohlhabenden Familie schnell in der High Society Fuß fassen, bekommt einen gutbezahlten Job in der Firma der Vaters zugesprochen, bezieht eine traumhafte Wohnung in der Stadt – eigentlich könnte es für den jungen Mann nicht besser laufen. Doch hinter der Fassade brodelt es gewaltig, denn insgeheim unterhält Chris eine stürmische Affäre mit der Schauspielerin Nola (Scarlett Johansson).

Im Laufe der Handlung, die sich über etwa zwei Jahre hinzieht, verstrickt sich der Protagonist immer weiter in ein Netz aus Lügen, dass ihn letztlich zu ersticken droht. Die Wandlung vom kultivierten, anständigen Sympathieträger zum ausgebrannten, von Schuldgefühlen zerfressenden Zyniker gelingt Jonathan Rhys-Meyers hier mit Bravour. Sein mit der Zeit immer trauriger werdender Blick bleibt der Kamera zu keinem Zeitpunkt verborgen, ebenso wenig wie die Angst seiner Frau, die schnell ahnt, dass etwas nicht stimmt, aber auch selbst nicht den Mut aufbringt, ihren Mann direkt zu konfrontieren. Dieser kann seine innere Zerrissenheit zwar nicht verbergen, schweigt sich über die Tatsachen aber aus – zu groß ist die Furcht davor, den neu erlernten Lebensstil wieder aufgeben zu müssen. Eine Furcht, die ihm letztlich zum Verhängnis werden soll.

Woody Allen kann auch anders. Wer auch immer das jemals bezweifelt hat, sollte mit dem hier vorliegenden Werk eines besseren belehrt werden, denn „Match Point“ ist zu jeder Minute ein klassisches Drama, dass auf das Allen-typische neurotische Gequassel vollständig verzichtet und den Hauptdarsteller kontinuierlich einen schmerzhaften Seelenstriptease hinlegen lässt. Obwohl er sich seinen Untergang durch seine sexuelle Fixierung auf eine andere Frau im Grunde selbst heraufbeschwört, leidet man als Zuschauer so intensiv mit, dass man dem eigentlich bedauernswerten Chris einfach zurufen möchte, einfach die Füße still zu halten und sein Leben zu genießen anstatt sein Doppelleben weiterzuführen. Doch wie so oft ist dies leichter gesagt als getan und letztlich ist blanke Verzweiflung die bittere Konsequenz aus seiner emotionalen Schwäche.

Der Weg dorthin ist zumeist in recht kurz gehaltenen Szenenabfolgen erzählt. Gerade zu Anfang mutet die Inszenierung wie ein Zeitraffer an, der auf unnötige Details verzichtet und ein ums andere Mal nur Bilder, Gesten und vor allem Blicke sprechen lässt, die in wenigen Sekunden mehr verraten als minutenlanger Dialog. Auch längere Zwischenpassagen, die auf Ereignisse hinauslaufen, die man vom ersten Augenblick an voraussehen kann, wurden entweder stark gestrafft oder gänzlich weggelassen – ein erzählerischer Kniff, der einerseits angesichts der ohnehin knapp zweistündigen Spielzeit alles andere als ungeschickt ist und darüber hinaus auch das Erzähltempo sehr hoch hält, was vom Zuschauer stets volle Aufmerksamkeit abverlangt.

Als musikalische Untermalung wählte der Regisseur einmal mehr vornehmlich klassische Musik, in diesem Fall bekannte Opernstücke von Verdi, Rossini u.a. aus, die nicht wie üblich nur im Vor- und Abspann zu hören sind, sondern viele Szenen dramaturgisch nahezu perfekt unterstreichen. Kein anderes Musikstück scheint die menschliche Tragödie, derer wir hier Zeugen werden, besser zu veranschaulichen als minutenlange Arien, die Trauer und Schuldgefühle besser zur Geltung kommen lassen als es jegliche moderne Musikform zulässt.

Hat sich der Altmeister hier tatsächlich neu erfunden? Die Frage muss man eigentlich mit Nein beantworten, denn obwohl er einen Genrewechsel von der Tragikomödie zum Drama vollzogen hat und seine Figuren dementsprechend ernst wirken lässt, bleibt sich Allen seinem ihm eigenen, temporeichen Erzählstil treu, verzichtet auf jegliche Form der Moral, lässt aber dabei stets seine neu gewonnene Alterweisheit durchschimmern. Zum Beispiel die einleuchtende Erkenntnis, dass man mit viel harter Arbeit und noch mehr Glück durchaus ein schönes Leben haben kann - ob man damit tatsächlich glücklich ist, steht auf einem anderen Blatt.

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