Immer wieder ist vom schmalen Grat zwischen Glück und Unglück die Rede, in "Match Point" versinnbildlicht durch die Netzkante, die den heran fliegenden Tennisball in eine unbekannte Richtung wirft.
Doch ist damit nicht viel mehr die Unvorhersehbarkeit unseres Schicksals gemeint ?
Chris Wilton (Jonathan Rhys Meyers) wirkt selbst ziellos in seinen Bestrebungen. Er gibt seine Profi-Tennis-Karriere auf und verdingt sich als Tennislehrer in einem noblen Londoner Tennisclub.
Nur wenige Minuten benötigt Woody Allen, um Chris in die Londoner High-Society einzuschleusen. Sein Schüler Tom (Matthew Goode) freundet sich schnell mit ihm an, geht mit ihm in die Oper und stellt ihn seiner reichen Familie vor.
Toms Schwester Chloe (Emiliy Mortimer) ist gleich begeistert von dem gutaussehenden jungen Mann mit dem bescheidenen Auftreten und den guten Manieren und bemüht sich um ihn.
Dies alles erzählt Allen ohne Umschweife, längere Dialoge oder gar psychologisierenden Interpretationen wie man das ja von ihm aus vielen Filmen gewohnt ist. Bekommt er im Alter eine neue Sicht auf die Dinge ?
Ein klares Nein dazu. So wie er zum ersten Mal den Standort wechselt von seinem New Yorker Biotop hin in das strukturierte europäische London, so spart er sich hier unnötige Worte, um Selbstverständlichkeiten und Leere in den Beziehungen darzustellen.
Und das ist nur konsequent. Allans New York bedurfte seines Alter Ego, das ja gerade durch seine überbordende ständig sich neu interpretierende Redseligkeit die inhaltliche Leere und den riesigen Abstand zur Selbsterkenntnis der Gesellschaft verdeutlichte.
Hier dagegen ist diese Leere immanent, jedes Wort wäre zuviel. Während sich die New Yorker ständig selbst erzählten, wie toll sie alles finden ,um so Gefühle auszudrücken, so werden sie hier einfach weggelassen.
Chris gerät in seine luxuriöse Position ohne sie sich wirklich erkämpfen zu müssen. Chloe bemüht sich zwar um eine Beziehung mit ihm, aber wirkt dabei nur selten wirklich verliebt, geschweige denn emotional überbordend. Alle sind sie nett und verbindlich, aber positiv werden immer nur Fakten herausgehoben wie gutes Aussehen, gutes Tennisspiel oder sonstige Fähigkeiten...und so ist es nur logisch, daß bald geheiratet werden soll und der Kinderwunsch im Vordergrund steht.
Woody Allen gelingt mit seiner völlig unaufgeregten, fast lakonisch erzählten Darstellung eines sorglosen Luxuslebens von verschiedenen jungen Menschen ,der Fakt, daß man als Zuseher einerseits keinen Neid auf Chris' Position empfindet, andererseits aber auch verstehen kann, warum er nicht darauf verzichten will.
Dieses Unentschlossene überträgt sich auf den Zuseher - der Ball schwebt über der Netzkante.
Doch dann kommt das "Break" in Form von Scarlett Johansson. Sie ist Nola, eine junge Amerikanerin, die als Schauspielerin in London Fuß zu fassen versucht. Allen blufft uns mit ihrer Figur, denn sie kommt überlebensgroß und begehrenswert daher und ist doch das schwächste Glied.
Denn sie ist einerseits viel zu emotional in ihrer erotischen Ausstrahlung und andererseits hat sie in den Augen der Londoner nicht die objektiven Fähigkeiten, die sie als Tom's zukünftige Ehefrau qualifizieren würde.
Chris ist sofort von ihr begeistert und bemüht sich um sie, aber parallel läßt er seine werdende Beziehung mit Chloe nicht aus dem Auge...
So lange Tom noch mit ihr zusammen ist und sich auch gegenüber seinen Eltern für sie einsetzt, so lange denkt man als Zuschauer noch, daß Hoffnung auf Emotionen besteht.
Aber die zerstört Allan auf brillante Weise geradezu brutal. Tom trennt sich von Nola, aber Allan zeigt das in keiner Szene. Er läßt Tom einfach in ruhigen fast freundlichen Worten davon erzählen, daß er sich in eine neue Frau verliebt hat, die er dann auch schnell heiratet. Das kommt so völlig unvorhersehbar und gleichzeitig so nebenbei daher, daß man es nicht fassen kann.
Nola verschwindet, auch aus Chris' Leben...
Im weiteren Verlauf des Filmes baut Allan diese gewählte Anfangsszenerie weiter aus und verstärkt dieses Drama aus ziellosem Dahinleben und dem Mitnehmen von Gelegenheiten bei Chris, aus dem Nachleben der vorbestimmten gesellschaftlichen Linie bei Chloe und Tom und aus dem weiteren Niedergang der Nola zu einem bitteren Ende...ohne dabei auch nur eine Sekunde im Unterhaltungswert nachzulassen.
Im Gegensatz zu seinen sonst pseudo-selbstkritischen sich selbst entlarvenden Figuren, geht hier sämtlichen Personen jede auch nur im Ansatz zu erkennende Selbstreflexion ab - das Handeln wird nur durch die aktuelle Situation bestimmt ohne irgendeine Zukunftsvision (wenn man mal den Erhalt des Status Quo nicht als solche ansieht).
Von Liebe ist im gesamten Film keine Rede - auch nicht zwischen Nola und Chris - und die erste (und einzige) Konsequenz , die eine der Personen im Film zieht ,führt ins Verderben....
Fazit : meisterhaftes schwarzes Drama, daß unterhaltend und leichtfüßig daher kommt. Die Leere und Lieblosigkeit, die darin fortschreitend immer mehr um sich greift ,kommt fast schleichend und unbemerkt auf uns zu. Allan bleibt seinem Thema treu und ist hier fast noch böser und unversöhnlicher.
Wer im Nachhinein noch über Glück oder Unglück von Chris' Situation sinniert ,ist dem Meister auf den Leim gegangen (oder erliegt selbst den luxuriösen Reizen...). Chris ist völlig unfähig irgendetwas zu empfinden, sein Vorgehen wird nur durch Äußerlichkeiten bestimmt, Emotionen spielen letztendlich keine Rolle.
Wer wollte da noch von Glück reden ? (10/10).