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Wenn ein Regisseur bereits seinen 39.Film veröffentlicht, dann erwartet man nicht mehr so viel. Man weiß, das man eine gewisse Quailtät erwarten kann.
Erfreulich jedoch, wenn dieser Verantwortliche dann doch noch eine kreative Kehrtwendung vollziehen kann.
Um so schöner, wenn es sich dann bei diesem Regisseur um Woody Allen handelt.

Denn mit „Match Point“ ist ihm nach all den selbstreferenziellen und selbstreflexiven Filmen, seien es nun Komödien oder Tragödien etwas beinahe schon Neues gelungen: einen eigenständigen, in sich abgeschlossenen und runden Film, der nicht zwangsläufig unübersehbar seine Handschrift trägt.

„Match Point“ ist eine klassische Tragödie, die Geschichte eines Emporkömmlings, der nicht so recht weiß, was er aus seinem Leben machen soll. Während der gängige Figurentypus dieser Art ehrgeizig ein ganz spezielles Ziel verfolgt und nicht selten mit illegalen oder kriminellen Machenschaften umsetzt, präsentiert uns Allen mit Chris Wilton einen eher gefühlsarmen Mann, der sein Glück eher durch Zufall zu fassen bekommt, als er wie vom Schicksal begünstigt über einen Tennisbekanntschaft in die höheren britischen Kreise aufrückt. Dort findet er nominell sein Glück, doch Leidenschaft empfindet er nur für eine andere Frau, als der, die er heiratet. Diese Leidenschaft ist es schließlich auch, die über sein Schicksal bestimmt.

Der Zuschauer wird von dem Verlauf des Films auf jeden Fall überrascht werden, alle in den ersten 30 Minuten präsentierten Zutaten hätten einen hervorragenden Hitchcockfilm ergeben, zumindest jedoch ein passables Krimidrama. Allen jedoch hat anderes im Sinn, er macht daraus nach und nach eine beinahe opernhafte Tragödie, die er so folgerichtig wie möglich anrichtet. In Anlehnung an das im Film ebenfalls studierte Buch „Schuld und Sühne“ bringt er seine Hauptfigur in eine Zwickmühle: einerseits hat er für sich keinen kongenialen Plan, andererseits aber auch keine Alternative für die relative Sicherheit der familiären und monetären Bindung. Lebendigkeit empfindet er nur innerhalb der Affäre mit der Exfreundin seines Schwagers (Scarlett Johansson bietet virtuos alle Facetten von der femme fatale bis zur hysterisch-besitzergreifenden Zweitfrau mit selbstzerstörerischen Neigungen).

Eingebettet ist dieser Zustand in eine philosophische Elipse über Glück und Unglück (als Metapher wird ein Tennisball gewählt, der am Netz hängen bleibt und sowohl auf die eine als auch auf die andere Seite des Netzes gehen kann – Schicksal wird mit Glück/Unglück gleichgesetzt). Wie fadenscheinig dieses Prinzip jedoch ist beweisen die letzten 20 Minuten des Films, als Chris eine folgenschwere Entscheidung trifft, um sich aus seiner Lage zu befreien und zum Mörder wird. Wieder spielt das Schicksal Roulette, doch ob sein Glück nicht eher sein Unglück bedeutet und somit lebenslanges Sühnen in einer Situation, die er nicht will, macht seinen Zustand bedrückend ambivalent.

Allen spielt hervorragend mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, hält ihn dann jedoch lange Zeit an der langen Leine. Nach temporeichem Beginn lotet er danach erst die (Un-)Tiefen der Affäre aus, die von bezaubernd schöner Leidenschaft (bei Regen im Kornfeld) bis zu hysterischem Terror (die Geliebte als schwangere Nervzicke reicht).
Den Ausweg (?) aus dem Dilemma fügt er praktisch als späte Dreingabe hinten an, was jedoch die ausgezeichneten Darsteller (Jonathan Rhys Meyers empfiehlt sich für höhere Aufgaben) durch die Intensität des Geschehens überspielen. Ein wenig handlungsarm was die Dramaturgie angeht, ist das Ergebnis trotzdem.

Fazit: ein philosophischer und von seinen Darstellerleistungen lebender Film, der mitunter weniger überraschend daherkommt, als sein Aufbau erwarten lässt. Homogen, geschlossen und reif: 7,5/10.

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