Glauben kann man ja woran man mag, zumindest in zivilisierten Erdteilen dieser Welt. Die einen halten an Gott fest, der alles regelt. Für die anderen ist alles vorbestimmt - nennen wir es das Schicksalsprinzip. Ob Religion oder Lebensphilosophie, wenn man Regisseur Woody Allen fragen würde, ist das alles Staffage. Der Weg kreuzt irgendwann den Punkt, an dem Glück und Pech einen konträreren Gegenpol darstellen. Der entscheidende Moment im Leben. Versinnbindlicht mit einer Netzkannte, die über Sieg und Niederlage entscheiden kann. Tennis als metaphorischer Lebenslauf. Auf welche Seite fällt der Ball - in jedem Fall sind wir dann machtlos, externe Beobachter, die auf ihr Urteil, wo der Pfad hinführt, warten. Der "Match Point" - zum guten oder schlechten.
So wandelt der amerikanische Ex-Profi Chris Wilton (Jonathan Rhys-Meyers) als Tennislehrer in die Kreise der Londoner Highsociety. Zuerst als Gast, dann führt das Glück zu Tom Hewitt (Matthew Goode), der als Sohn reicher Eltern quasi glückliches Erbgut besitzt. Unbeschwert, frei von Sorgen und mit der schönen Nola (Scarlett Johansson) an seiner Seite, kann Tom sein Leben genießen und in sarkastischen Humor schwelgen. Welch ein Glück, dass er den Tennislehrer auf Anhieb sympathisch findet und ihn in seine Gesellschaft führt. Chris nutzt die Chance und heiratet Toms Schwester Chloe (Emily Mortimer). Nun ist das Leben in den aristokratisch wirkenden Welten schön geregelt und geordnet. Es folgt der lukrative Job und ohnehin ist man als Mitglied der Oberschicht auf der sicheren Seite. Allen findet es anscheinend köstlich den Lifestyle und das heile Welts-Leben der gezeigten Highsociety satirisch zu demontieren.
Glück wird ohnehin nicht nach Gerechtigkeit verteilt, wer sich in Reichtum und Erfolg badet, ist noch lange kein guter Mensch. Verdammt noch mal, die Welt ist ungerecht. Das wird sich noch in aller Deutlichkeit zeigen. Der Umbruch im Film folgt abrupt, nachdem Allen die augenzwinkernde Impression des kultivierten, snobistischen Lebens herrlich beleuchtet.
Die Konstanten in Chris' Leben werden langsam uninteressant und der Protagonist sucht den Kick, der ihn wieder lebendiger werden lässt. Er ist Sklave seiner Sehnsucht - Noa ist sein Objekt der Begierde, nicht die spießig unsmarte Millionärstochter, die sich seine Ehefrau nennt. Dann die Affäre, das ewige hin und her. Heimlichtuerei, für die, wie man im Volksmund sagt, irgendwann die Quittung bekommt. Wie man sich irren kann.
Der Protagonist ist nicht mehr die integere Person, die sich im Reichtum eingenistet hat. Er steht im Zwielicht und sukzessiv manifestiert sich das Gefühl der Dekadenz. Es folgt der Supergau. Noa ist schwanger, der Boden wird unter den Füßen weggezogen. Allen versteht es den Übergang zur Dramaturgie einzuleiten. Er spielt mit den Klischees im Geiste des Betrachters. Obsiegt die Liebe oder die Gerechtigkeit?
Die Antwort ist brillanter im Spiel des Lebens. Es siegt derjenige mit perfiden Absichten, weil das Glück auf seiner Seite ist. Die Netzkannte kommt ins Spiel. Der Moment, an dem sich alles entscheidet. Im Boxen spricht man in Schlüsselkämpfen von "do or die". Harte Arbeit, Akribie lassen einem besser vorbereitet sein, aber neben all den festen Konstanten gibt es die Unbekannte, den Punkt X, an dem sich Glück und Pech unsichtbar bekämpfen. In "Match Point" ist der Plan ein Vertuschungsmord, damit Chris nicht aus den wohlbehüteten Kreisen rausfliegt.
Das Klischee gibt eine Vorstellung, die Allen mit seiner eigenen Einstellung überrumpelt. Gerechtigkeit, Liebe? Nein, es siegt die Ungerechtigkeit. Da haben wir es. Das Dilemma. Die Zerstörung festgefahrener Vorstellung und den Zynismus des Regisseurs, der damit aber einmal mehr beweist, dass er im Hier und Jetzt, in der Realität lebt.
Die Formel funktioniert, als dramatischer Thriller, der mit Sarkasmus und Zynismus gewürzt einen Blick in die oberen Kreise Londons gewährt. Regisseur Woody Allen hatte dann noch wahrlich Glück, dass der komplette Cast das Facettenreichtum der Charaktere brillant wiedergeben kann. Game, Set and Match - Allen! (9/10)