Von seinen Fluchtthrillern quer durch die Staaten, bei denen ein Unschuldiger durch die USA in Schnitzeljagdmanier Hinweisen nachgeht und von Ort zu Ort hastet, um zu beweisen, daß sie den Falschen suchen, während sich der wahre Täter ganz woanders aufhält, ist „Saboteure“ sicherlich Hitchcocks unbekanntester und in Fangemeinden wohl auch unbeliebtester. Daß „Der unsichtbare Dritte“, die Mutter des Popcornkinos, in der Hinsicht unangefochten auf Nummer eins steht, ist eigentlich klar, „Die 39 Stufen“ indes halte ich nach wie vor für einen zwar temporeichen, aber nichtsdestoweniger allgemein eher spannungsarmen Film, der seinem Ruf nicht ganz gerecht werden konnte.
Mit „Saboteure“ legte Hitchcock im Vergleich zu „Die 39 Stufen“ eine Schippe drauf und liefert vor allem in der ersten Hälfte ein fulminantes Unterhaltungsfeuerwerk ab, das kaum Zeit für Atempausen läßt, weil ständig irgendwas passiert. Die Exposition bis zum Brand in der Flugzeugfabrik ist wie so häufig bei Hitchcock extrem kurz, gleichzeitig aber lang genug, um dem Zuschauer die wichtigsten Informationen an die Hand zu geben: Vorstellung der Hauptfigur Barry Kane (Robert Cummings), Zusammenstoß mit einem unfreundlichen Blondschopf (Norman Lloyd), dessen Namen Kane durch einen heruntergefallenen Brief in Erfahrung bringt, ein plötzliches Feuer, der Blondschopf reicht Kane einen Feuerlöscher, der angeblich funktioniert, Kane reicht ihn an seinen Freund weiter, der jedoch im Feuer umkommt. Man braucht nicht großartig zu kombinieren, wie es weitergeht: Kane wird der Sabotage beschuldigt, zumal sich im Feuerlöscher Benzin befand. Rechtzeitig kann er fliehen und sich auf die Suche nach Fry, dem rätselhaften Blondschopf, machen, von dem er lediglich eine Adresse vom Briefkopf hat.
In der Folge betritt „Saboteure“ anderes Genre-Terrain, beinahe mutet es an, einen Abenteuerfilm vor sich zu haben. Bewegung ist die oberste Maxime, vom redseligen, aber freundlichen LKW-Fahrer, der in eine Polizeikontrolle kommt, geht es just auf eine Ranch, auf der Kane in Wildwest-Manier mit einem Lasso eingefangen und an die Polizei übergeben wird, ehe die erneute Flucht durch einen waghalsigen Sprung von einer Brücke in einen Bach gelingt. Das hält nicht nur den Helden, sondern auch die Zuschauer unter Dauerdruck, der schiere Ereignisreichtum prasselt auf einen nieder. Alles geschieht unter freiem Himmel, ein Schauplatz wechselt den nächsten. Da wirkt es schon wie eine Oase der Ruhe, wenn Kane bei strömendem Regen im Wald auf einen einsamen blinden Eremiten stößt, der ihn gütig aufnimmt. Überhaupt umhaucht die ganze Szenerie in der Waldhütte eine seltsame, regelrecht poetische Stimmung, die einerseits nach der Hektik zuvor ungewöhnlich und fast fremd in diesem Film wirkt, andererseits von erlesener Schönheit ist.
Wenn Kane später, nun mit der lange widerwilligen blonden Begleiterin Patricia (Priscilla Lane) an seiner Seite, auf eine Zirkustruppe mit Liliputanern, bärtigen Frauen mit Lockenwicklern im Bart und siamesischen Zwillingen trifft, die darüber abstimmen, ob man dem Pärchen helfen möchte oder nicht, wähnt man sich wirklich in Todd Brownings „Freaks“. Es sind Szenen wie diese, die den Film wie ein Kuriosum in Hitchcocks Schaffen erscheinen lassen, nur um im darauffolgenden Moment wieder bekannte Muster erkennen zu lassen, die „Saboteure“ als Hitchcock-typisch deklarieren.
Es ist etwas schade, daß hiernach das Tempo merklich gedrosselt wird und der Plot unvermittelt politische Dimensionen annimmt, die sich bis dahin nicht erahnen ließen und in dem der mysteriöse Fry sich als lediglich einer von vielen Hintermännern herausstellt, denn Kane stößt in dem verlassenen Städtchen Soda City auf Saboteure, die offenbar den Hoover-Staudamm (damals noch: Boulder Dam) sprengen wollen und die er davon überzeugt, zu ihnen zu gehören. So haben wir erneut – wie gar nicht mal so selten bei Hitchcock – das doppelte Spiel, eine falsche Identität, die die Hauptfigur annimmt, um das wahre Geheimnis zu lüften. In der Tat hat die Geschichte ab diesem Zeitpunkt einige kleinere Durchhänger, die jedoch nicht lang genug währen, um sich darüber zu ärgern, weil wir auf die Szenen mit dem berühmten Hitchcock-Touch keineswegs verzichten müssen: etwa das Gefangensein von Kane und Patricia auf einem Wohltätigkeitsball, bei dem man sich verzweifelt anderen Gästen anzuvertrauen versucht, ohne daß sie ihnen Glauben schenken wollen; die Szene im Kino, in dem eine Komödie mit einem um sich schießenden Mann läuft, während sich auch in Wirklichkeit eine Schießerei im Kinosaal abspielt – und nicht zuletzt natürlich das Finale auf der Freiheitsstatue.
Gemessen an seiner Berühmtheit fällt es tatsächlich ein wenig dürftig, da sehr kurz aus, doch müssen wir uns vor Augen führen, daß es sich hierbei um einen Film von 1942 handelt – ein Film aus einem Jahr, in dem es technisch noch sehr viel schwieriger zu bewerkstelligen war, dramatische Kletterpartien der Marke Mount Rushmore zu präsentieren. Aus technischer Sicht ist das Finale nämlich sehr sauber gelöst und trägt nicht mehr die Makel früherer Hitchcock-Werke mit sich herum, in denen drollige Miniaturbauten, und zwar überdeutlich, eingesetzt wurden (vgl. die Busexplosion in „Sabotage“). Was vielmehr kritikwürdig ist: Leider begeht das Drehbuch, wie Hitchcock selbst später zugab, den verhängnisvollen Fehler, den Bösewicht in lichter Höhe in der Luft baumeln zu lassen anstatt des Helden, der die Retterfunktion innehat. Dadurch kann zwangsläufig kein Mitfühlen entstehen, weil Fry über die gesamte Dauer den Schwarz-Weiß-Klischee-Schurken markierte, dem man keine Charakterisierung mit auf den Weg gegeben hat. Hier schien für Hitchcock oberste Priorität zu sein, überhaupt eine Schlußsequenz auf diesem weltbekannten Bauwerk, der Freiheitsstatue, stattfinden lassen zu können. Dieselbe Ausgangssituation variierte der Regisseur später allerdings in „Der unsichtbare Dritte“ – und traf damit die absolut richtige Wahl.
Schauspielerisch wird im Rückblick (und auch Hitchcock tat dies) gern an Robert Cummings herumgekrittelt, aber sein recht jungenhaftes frisches und lustiges Gesicht paßt in „Saboteure“ durchaus und fällt auf gar keinen Fall negativ auf. Den Fabrikarbeiter nimmt man ihm ohne weiteres ab. Es müssen ja nicht immer so elegante Kerle wie Robert Donat oder Cary Grant sein. Priscilla Lane besitzt gewiß nicht die starke Präsenz einer Grace Kelly oder auch Madeleine Carroll, die den Bildschirm zum Schmelzen bringen würde, und ist allgemein auch nicht die einprägsamste aller Hitchcock-Blondinen, was sie jedoch auch nicht sein muß. Ihre Sache macht sie ordentlich. Am stärksten in Erinnerung bleibt Norman Lloyd, der seiner Figur Fry eindeutig die nötige Kaltherzig- und Skrupellosigkeit vermittelt, um die gewünschten Emotionen, d.h. Antipathien, beim Zuschauer zu provozieren. Er sollte später noch eine kleine Nebenrolle als Patient in „Ich kämpfe um dich“ übernehmen und in freundschaftlicher Verbundenheit mit Hitchcock sowohl als Schauspieler, Regisseur als auch als Produzent für dessen Fernsehserien „The Alfred Hitchcock Hour“ und „Alfred Hitchcock Presents“ fungieren.
„Saboteure“ ist schlußendlich ein über weite Strecken fesselndes Abenteuer, das sich später zu einem Politthriller ausweitet. Die enorme Qualität der ersten rund 45 Minuten kann er nicht durchgängig halten, aber Spaß bringt er trotz allem mehr als genug – und er hat im Gegensatz zu „Die 39 Stufen“ ein würdiges und für seine Entstehungszeit spektakuläres Finale zu bieten. 8/10.