Review

Komplettbesprechung

The Wire

Hin und wieder gibt es Serien, die als solche Zeit ihrer Ausstrahlung zwar nicht die Wertschätzung erfuhren, die sie verdienten, aber Jahre danach endlich so gehuldigt werden, wie es von Anfang an der Fall hätte sein müssen.

The Wire ist so ein Fall. Zeit ihrer Ausstrahlung wurde diese Serie von der großen Schwester-Serie des gleichen Senders (HBO) Die Sopranos in den Schatten gestellt. Hinzu kam, dass diese Serie, dadurch dass sie eine fortlaufende äußerst komplexe Handlung hatte, kaum Zuschauer hatte. Und die wenigen, die sie hatte, wurden mit der Zeit auch nicht mehr

Hinzu kam, dass The Wire sich der üblichen Seh-Schemata entzog: Es gab keinen Hauptdarsteller per se, der von vorne bis hinten gesetzt war, sondern es wurde immer deutlicher, dass die einzige Hauptperson im Grunde genommen die Stadt Baltimore war.

Das Ziel von The Wire war schlicht und einfach der letzte große Roman der Neuzeit zu sein, ganz im Sinne der großen russischen, französischen, viktorianisch-englischen, ja auch deutschen Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts. Aber das nicht als langweiliges Sittengemälde sondern als actiongeladene, wütende Anklage gegen das vorherrschende System. Irgendwann ging man soweit, sehr persönlich zu werden, was der Qualität der Serie zwar kein Abbruch tat, aber dennoch etwas zu Oberlehrerhaft rüberkam. Nichtsdestotrotz zählt The Wire mit zum Besten, was jemals als Serie produziert wurde. Ob es die beste Serie aller Zeiten ist, sei mal dahingestellt. Dafür ist The Wire sicherlich nicht massenkompatibel genug. Aber wie schon vielerorts vor mir erwähnt, steht The Wire auch neben den großen Romanen der Weltliteratur äußerst gut da.

Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung und Beurteilung der Staffeln von The Wire, nur um dann schließlich, eine unabhängige Gesamtbeurteilung abzugeben.


Staffel 1:

Die erste Staffel wirkt im Gesamtbild eher wie ein trojanisches Pferd, denn hier wird erst mal nur eine Polizeiserie über eine Einheit gezeigt, die gegen interne Widerstände eine Drogengang abhört und Beweise sammelt. Trojanisches Pferd deshalb, weil damit in den folgenden Staffeln sämtliche Erwartungshaltungen des Zuschauers unterlaufen werden. Mehr dazu weiter unten. Zwar wird im Verlauf dieser Staffel sehr deutlich, wohin die Folgestaffeln gehen werden, aber grundsätzlich ist diese Staffel in sich geschlossen. Es werden die großen Themen lähmende Bürokratie (Statistikengeilheit geht vor Aufklärung tatsächlicher Fälle), Hoffnungslosigkeit in den Slums, Korruption bis in die höchsten Kreise aufgegriffen, auch wird keine Schwarz-Weiß-Malerei betrieben, aber hier ist ganz klar eine ordentliche Linie erkennbar. Auch gibt es immer wieder gegen Ende einzelner Folgen kleinere Cliffhanger, die ein Einschalten der nächsten Folge induzieren wollen. Abgesehen davon jedoch entwickelt sich eine unglaublich intensive Spannungsschraube, wo der vermeintliche Hauptdarsteller immer mehr in den Hintergrund rückt und das tatsächliche Ziel der Serie immer deutlicher wird: Eine extrem wütende Anklage gegen das vorherrschende System, das derart festgefahren ist, dass dieser Krieg schon verloren ist. Es geht nur noch um Schadensbegrenzung. So viel Hoffnungslosigkeit tut fast schon weh.

10 Punkte


Staffel 2:

Nanu? War die erste Staffel eine dramatische Polizeiserie, entwickelt sich die zweite Staffel ziemlich direkt um eine Serie über Gewerkschaften und den Niedergang der amerikanischen Arbeiterschaft. Es wird ziemlich deutlich gezeigt, wieso Leute der Arbeiterklasse bereit sind, für wenig Geld sich für kriminelle Machenschaften herzugeben. In der Tradition der wütenden 1970er Gewerkschaftsdramen wird eine Figur eingeführt, die damals genauso gut von Burt Young mit gleicher Innbrunst gespielt hätte werden können. Da diese Arbeiterschaft am Hafen arbeitet, geht es hier natürlich oberflächlich um Schmuggel, und hier kommt unsere liebgewonnene Polizeieinheit aus Staffel 1 wieder zum Vorschein, wenn auch nur am Rande. Es geht um Drogen, Prostitution, Vernetzung des gesamten Apparats, auch mit dem FBI teilweise. Erst gegen Ende nimmt die Serie hier große Fahrt auf, die ersten Folgen dienen hauptsächlich der Einführung der neuen Figuren. Aber ist man mal drangeblieben, bleibt am Ende eine der eindrücklichsten Gewerkschaftstragödien an dem Zuschauer haften. Und die Serie zeigt einmal mehr, dass sie fast schon makabre Freude daran hat, die einzelnen Protagonisten auf die übelste Art und Weise scheitern zu sehen. Anders kann ich mir die fröhliche griechische Musik nicht erklären, die gedudelt wird, als die große Tragödie eingeleitet wird.

Dennoch sehr großes Kino: 9 Punkte


Staffel 3:

Spätestens mit dieser Staffel stößt The Wire ins literarische Schwergewicht vor. Es wird eine grandiose Geschichte erzählt über Freundschaft und Verrat, Loyalität und auseinandergehende Interessen. Waren die ersten beiden Staffeln noch sehr der Realität verhaftet, so wird diese Staffel eine überzeichnete Dramatisierung unserer Gesellschaft. Gleichzeitig wird aber der Zerfall von innen eines Imperiums zelebriert, zementiert durch den unaufhaltsamen Aufstieg eines neuen Imperiums. Alles protegiert von der unfähigen Polizei, die sich lieber selbst zerfleischt als ihre richtige Arbeit zu machen. Bombastisch ist noch untertrieben, was in dieser Staffel abgeliefert wird.

Gleichzeitig wird ein vielleicht möglicher Lösungsansatz für das Drogenproblem angegangen, welches in wirklich apokalyptischen Bildern gipfelt und dem Zuschauer ein mulmiges Gefühl zurück läßt. Dieser Handelsstrang wird schließlich zu einer Charles Dickenschen Parabel als der aufstrebende Politiker ganz so wie zu Dickens Weihnachtsgeschichte zwei Seiten einer Medaille vorgesetzt bekommt.

Natürlich sollte man auch hier kein Happy end erwarten.
10 Punkte (leider endet die Skala bei 10, sonst wären es sogar 12-13 gewesen, so gut ist diese Staffel).

 
Staffel 4:

Und wieder ein Weiterführen der Geschichte Baltimores. Staffel 1 war reine Polizeiarbeit, Staffel 2 Schmuggel und Hafenarbeit mit Gewerkschaften, Staffel 3 Gangsteralltag, Politik, und ein gesellschaftlicher Lösungsansatz, der zum Scheitern verurteilt war. Staffel 4 kümmert sich nun um ein Machtvakuum in der Gangster-Szene, welches durch ein neues Terror-Regime das Ausmaße eines Napoleonischen Frankreich bekommt, weiterhin der Politik mit dem verlogenen Versprechen auf eine neue, bessere Zukunft, sowie nicht zuletzt als beißende Kritik gegenüber dem amerikanischen Bildungswesen an sich. Auch hier werden ähnlich Staffel 3 Lösungsansätze kreiert, auch hier sind diese Lösungsansätze zum Scheitern verurteilt, weil die Bürokratie korrupt, langsam, verlogen und nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Ganz im Sinne einer Coming-of-Age Geschichte werden hier 4 heranwachsende Jugendliche über den Ablauf eines Jahres beobachtet und gezeigt, wem es warum wie ergeht. Bitterböse und belehrend sind die beiden Attribute dieser Staffel. Ein bißchen zu viel Oberlehrer steckt diesmal in dieser Staffel und auch wenn man nicht immer mit den Machern einer Meinung sein muß, so sollte man doch schon honorieren, dass sie wenigstens den Finger in die Wunde legen.

Vielerorts wird Staffel 4 als die Beste gepriesen. Das mag am Thema „Kinder und Bildung“ liegen, aber leider ist sie auch die bisher schwächste, da hier immer mehr in den Fokus rückt, dem Zuschauer was aufzudrücken. Die beschriebenen Lösungswege mögen noch so nobel sein, aber mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein sind sie nicht.

Zumindest ist die letzte Einstellung der einzige Silberstreif am Horizont der gesamten Serie, so als wolle man sagen: Rette ein Kind und du hast die ganze Welt gerettet.

Das mag in der hoffnungslosesten aller Welten – in der wir uns in the Wire befinden – ja vielleicht sogar stimmen, aber das reicht wirklich nicht. Auch nicht in The Wire. So bleibt letztlich die vierte Staffel als emotionalste in Erinnerung, und wem vor lauter Verzweiflung nicht zumindest einmal die Tränen kommen, der hat wohl keine Tränendrüsen.

Gerade so 9 Punkte.

 
Staffel 5:

Der Abschluß von the Wire nimmt sich zusätzlich noch die Medien zur Brust. Was bisher so vorbildlich funktionierte, weil die Macher das große Ganze nie aus dem Blick verloren, holpert diesmal gehörig. Zwar werden alle offenen Themenkomplexe der vorangegangen Staffeln gebührend zu Ende geführt und die Staffel an die nächsten Generationen von Gangstern und Ordnungshütern weitergereicht, was ein wunderbares und rundes Ende mit sich bringt.

Doch der Medienaspekt ist tatsächlich ein mehr als offensichtliches Nachtreten des Machers gegen seine ehemaligen Chefs als er noch bei der Baltimore Sun gearbeitet hat. Vertretbar wäre das alles auch schon sonst irgendwie, aber hier wird es einfach nur billig eingeschoben, wo sich dem Zuschauer halbwegs der Sinn entzieht. Ja sicher, manche Geschichten werden frisiert für wichtige Preise, aber ein bißchen mehr Journalistische Integrität – was er ja von seinen Figuren erwartet – hätte man vom Macher erwarten dürfen

Ebenso wohlwollende 9 Punkte.


Im Grunde genommen rechtfertigt der Durchschnitt keine 10 Punkte, aber großartig ist großartig, hohe Qualität ist hohe Qualität. Und den Patzer mit dem Oberlehrerhaften kann man wegen dem Versuch des Aufzeigens von Lösungsansätzen vergeben. Einzig der Makel bezüglich der Medienschelte bleibt zwar bestehen, aber wer so ein großes episches Debakel so grandios umsetzt, dem sei auch das verziehen.

Wenn schon nicht die beste, dann die vielleicht bedeutendste Serie der letzten 40 Jahre, und ganz großes Literaturkino.

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