Review

Judy Jetsons (Dru-Anne Perry) großer Traum ist es, ein Rockstar zu werden. Leider kann sie bei einem Vorsingen das Publikum nicht wirklich überzeugen und wird bereits nach einigen wenigen Liedzeilen höflich aber bestimmt von der Bühne wegkomplimentiert. Doch wie heißt es so schön? Eine Tür geht zu, eine andere öffnet sich. Matty Asher (Anthony Kentz), Manager der All-Girl-Rockband Vicious Lips, bestehend aus Bree (Gina Calabrese), Wynzi (Linda Kerridge) und Mandaa (Shayne Farris), braucht nämlich einen Ersatz für die eben tödlich verunglückte Lead-Sängerin, und da er nicht allzu wählerisch ist und die Zeit drängt, fällt seine Wahl auf Judy, die sich natürlich nicht lange bitten läßt. Beim Flug zu Maxine Mortogos (Mary-Anne Graves) populären Schuppen Radioactive Dreams (*) verpennt Matty einige durchs All sausende Asteroiden - Habe ich eigentlich schon erwähnt, daß die Gruppe durch die Galaxis tourt? Nein? Nun, die Gruppe tourt durch die Galaxis! - und legt nach der Kollision mit ebendiesen eine hübsche Bruchlandung auf dem wüstigen Pleasure Planet hin. Auf der Suche nach Hilfe trifft Matty auf zwei halbnackte Amazonen, während im (geklauten) Raumschiff eine gefährliche Kreatur, Milo, the Venusian Beast (Christian Andrews), aus seinem Gefängnis entkommt und Jagd auf die herumzickenden Frauen macht. Aber das ist bloß der Anfang, denn danach wird es erst so richtig bizarr!

Hach, die wilden Achtziger, herrlich, da traute man sich noch was, da streckte man den etablierten Sehgewohnheiten gepflegt die Mittelfinger entgegen, rief so selbstbewußt wie todesverachtend "Eat this!", und drehte Filme wie Vicious Lips, die weder in irgendeine Schublade paßten, noch auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten waren. Der von Albert Pyun (Cyborg) geschriebene und inszenierte Streifen ist eine wüste Melange aus Science-Fiction, Fantasy, Komödie, Cyberpunk, Musical, Horror und Musikvideo, eine irgendwie drollige Rockoper jenseits von Gut und Böse, angesiedelt im Niemandsland zwischen Camp und Trash. Ich weiß nicht, welche Teufel Pyun und seine Produzenten da geritten haben, aber es müssen welche der besonders garstigen und hinterfotzigen Art gewesen sein. Das Ergebnis - ich zögere, das Wort Spielfilm zu verwenden - ist einfach so herrlich daneben, daß man es einfach ins Herz schließen muß. Wer hier die üblichen Bewertungskriterien anlegt, wird im besten Falle zum Schluß kommen, daß der Film nichts taugt; im Worst Case wird sich der Rezipient mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verarscht fühlen. Warum? Nun, ich formuliere es mal so: Das erste Drittel ist spaßig und weckt den Appetit, im zweiten Drittel knurrt der Magen und man wird auf später vertröstet, und im letzten Drittel wird mitgeteilt, daß es nichts zu futtern gibt.

Weil es der Koch nämlich verabsäumt hat, irgendetwas zuzubereiten, und er nun panisch versucht, die unruhigen Gäste mit improvisierten Zaubertricks bei Laune zu halten, wohl wissend, daß das niedliche Kaninchen entwischt ist und er bestenfalls einen Rennkuckuck aus dem Hut fischen kann, der sich in Nullkommanichts aus dem Staub macht. Miep miep. Die erste halbe Stunde ist geil. Das steckt Energie drin, das reißt mit. Nach dem Absturz herrscht dann Stillstand. Der Film tritt auf der Stelle, es passiert einfach nichts. Danach regiert das Chaos. Auf mich wirkt das Ganze, als ob sich Pyun, beabsichtigt oder nicht, in ein Schlamassel hineingeritten hat und nun keine Ahnung mehr hatte, wie er da wieder rauskommen sollte. Also griff er auf einen altbewährten, von manchen geliebten, von vielen gehaßten Trick zurück, der gerne zur Anwendung kommt, wenn alle Stricke reißen. Egal, ob man ob dieses Twists nun amüsiert oder verärgert ist, Fans der 1980er-Jahre sollten Vicious Lips abfeiern, kriegt man hier doch mal wieder die volle Dröhnung verpaßt. Wilde Frisuren, schrilles Make-Up, schräge Klamotten, drollige Spezialeffekte, eine coole, farbenfroh-stilisierte, artifizielle Optik mit viel Nebel, und natürlich eingängige Rockmusik ohne Ende, gesungen u. a. von Drock, Sue Saad, Jeff Stewart und Mary Ellen Quinn. Zugegeben, das ist schon sehr speziell und vielleicht auch zu bemüht kultig, aber es ist gewiß nicht ohne Charme und fällt für mich in die Kategorie Guilty Pleasure.

(*) Ein kleiner In-Joke auf den im Jahr davor entstandenen, ebenfalls von Albert Pyun geschriebenen und inszenierten Radioactive Dreams. Im direkten Vergleich hat mir Vicious Lips jedoch deutlich mehr zugesagt als dieser nette aber doch etwas überhypte "Kultfilm".

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