"Topas" beweist, dass selbst ein so renommierter Regisseur wie Hitchcock nicht einfach seinen Stil ändern kann. Auch das es sich um eine Romanverfilmung handelte, der Hitchcock einmal nicht seinen Stempel bis zur Unkenntlichkeit aufdrückte, wie er es gewöhnlich tat, hinterliess keinen positiven Eindruck. Im Gegenteil verwirrte der Film, der die Ereignisse wie an einer Perlenschnur aufgereiht erzählt, die an Hitchcocks kompakte Erzählweise gewohnte Anhängerschaft.
Schon an den ersten Bildern, die Dokumentaraufnahmen einer sowjet-russischen Militärparade zeigen, wird offensichtlich, dass Hitchcock hier eines seiner politisch ambitioniertesten Werke ablieferte, dass basierend auf dem realistischen Agententhriller von Leon Uris, der zum Zeitpunkt der Kuba-Krise 1962 spielt, eine andere Welt der Geheimagenten zeigen wollte, als die schon damals sehr populäre "James-Bond"-Version. Dementsprechend verzichtet er hier auf einen Helden, der die Sache im Griff hat, und bietet stattdessen eine grosse Anzahl Agenten mehrerer Nationen auf, die er in einem komplexen Gewirr gegenseitiger Abhängigkeiten zeigt.
Diese Konstellation hat zur Folge, dass es nur wenige Möglichkeiten zur Identifikation gibt und auch die zumindest zeitweise im Mittelpunkt stehenden Frederick Stafford als französischer Spion André Devereaux und John Forsythe als amerikanischer Geheimdienstler Michael Nordstrom verzichten auf jedes riskante Unternehmen und wirken in ihrer Vorgehensweise fast betulich. Die Spannung ergibt sich deshalb in "Topas" weniger aus Suspense oder Aktionismen heraus, auf die Hitchcock fast gänzlich verzichtet, sondern sie entspringt aus überraschenden Details, in denen man Hitchcocks typische Handschrift erkennen kann.
Nachdem er uns den Überlauf des wichtigen russischen KGB-Mannes Boris Kusenov (Per-Axel Arosenius) zu den Amerikanern zeigte, der scheinbar über "Topas" informiert ist (erst sehr spät kommt der Film auf diese namensgebende Thematik wieder zurück), werden wir Zeuge davon, dass der CIA an Papiere gelangen will, die sich im Besitz des kubanischen Revolutionärs Rico Parra (John Vernon) befinden. Kusenov hatte den Amerikanern Luis Uribe als Schwachstelle in Parras Umgebung genannt, den er selbst schon einmal bestochen hatte. Als Parra sich in New York in der kubanischen Botschaft befindet, ergreift Nordstrom die Gelegenheit und bittet den dort gerade mit seiner Familie in Urlaub befindlichen Devereaux um Hilfe. Dieser willigt sofort ein, da Uribe nicht mit Amerikanern verhandeln würde, und Hitchcock vermittelt dem Zuschauer in diesem Moment die Angelegenheit so, als ginge es nur um eine unkomplizierte Übergabe von Akten.
Allerdings hat Devereaux keineswegs vor, den Job selber zu machen, sondern aktiviert dafür Philippe Dubois (Roscoe Lee Browne), der ohne zu zögern in Aktion tritt und mit äusserster Coolness in die Höhle des Löwen eintritt. Da zwischen den Protagonisten kein Wort über irgendwelche Gefahren oder Risiken verloren wird, wird der Zuschauer von der Schwere der Aufgabe regelrecht überrascht. Hitchcock kehrt damit das Prinzip um, welches normalerweise damit Spannung erzeugt, dass es die kommende Gefahr schon vorwegnimmt, und lässt dieses Stilmittel in "Topas" zur Regel werden.
Weder als Devereaux nach Kuba reist, noch als die ihn unterstützenden Untergrundkämpfer dort eine Raketenbasis fotografieren oder wenn er zum Schluss in Paris eine Versammlung einberuft, werden dem Zuschauer die tatsächlichen Risiken vermittelt. Immer wieder wird man von den teilweise katastrophalen Auswirkungen überrascht. Hitchcock vermittelt mit dieser Art der Inszenierung eine scheinbare Normalität der Agententätigkeit und betont die Sinnlosigkeit der Opfer, deren Tode er fast zwangsläufig ohne emotionale Plakativität künstlerisch im Bild festhält. Der sich wie ein Blutfleck ausbreitende Rock der fallenden Juanita de Cordoba (Karin Dor) oder die wie eine Skulptur dahingegossenen Gefolterten geben beeindruckende optische Zeugnisse von Hitchcocks Intention ab.
Typisch für Hitchcock ist auch eine Inszenierung, die das eigentliche Geschehen bewusst in der Fantasie des Zuschauers ablaufen lässt, indem nur der Beginn und das Ergebnis des Geschehens im Bild festgehalten wird, aber in "Topas" wird dieses Stilmittel auf den Gipfel getrieben. Als Devereaux Kuba mit den Fotografien der Raketen verlassen will, muss er durch die Grenzkontrolle. Da die Untergrundkämpfer enttarnt wurden, erkennen die kubanischen Kämpfer noch rechtzeitig den Versuch des Schmuggels von geheimen Informationen. Schon zuvor war Deverauxs Leben in Gefahr, weshalb sein Aufdeckung als Spion sein Todesurteil bedeuten würde, aber Hitchcock zeigt diesen spannenden Moment nicht im Bild, sondern lässt uns lediglich über einen Telefonanruf daran teilhaben.
Ähnlich lakonisch verfährt er auch mit der Darstellung von privaten Beziehungen. So wird Deverauxs Familie als harmonische Konstellation gezeigt ,bis er nach Kuba aufbricht und plötzlich mit der Eifersucht seiner Gattin konfrontiert wird. Wie gerechtfertigt diese ist, wird nur Augenblicke später deutlich, als Deveraux - gerade in Kuba angekommen - die schöne Juanita leidenschaftlich küsst. Auch später kommt es wegen des Ehebruchs keineswegs zu emotionalen Momenten, genauso wie Deveraux nur wenig Trauer zeigt, nachdem er von Juanitas Tod erfährt. Freundschaften, Ehe und Liebe scheinen dem grossen Ganzen untergeordnet zu sein und spielen letztendlich im grossen politischen Spannungsfeld keine Rolle - so wird aus der Tötung Juanitas durch Parras Hand, dem man die (nicht erwiderte) Liebe zu ihr stärker als bei Deveraux anmerkt, zu einem Akt der Gnade und einem der seltenen emotionalen Momente.
Hitchcock ist mit "Topas" ein Film gelungen, der Ende der 60er Jahre auf der Höhe seiner Zeit war, und der Costa-Cavras "Z" in seiner Gestaltung deutlich näher ist, als seinen eigenen zuvor gedrehten Filmen. Trotzdem bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück, da Hitchcocks politische Haltung konservativ bleibt. Auch die komplexe Figur des von John Vernon hervorragend verkörperten Parra kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hitchcock die Geheimdienstmethoden auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs nicht gleichwertig betrachtete, sondern den Sozialismus hier als Schreckensbild und eigentlichen Aggressor anprangert. Damit stand er mit seiner Meinung ausserhalb anderer politischer Filme, die schon damals die Rolle der USA wesentlich kritischer betrachteten und ihnen mindestens die gleiche Schuld an der Gewaltspirale zusprachen.
Darin ist wahrscheinlich der Grund zu erkennen, warum "Topas" nie eine gerechtfertigte Anerkennung erhielt, da Hitchcock hier ein einmaliges Konstrukt zusammenbrachte - einen konservativen, aber nichts desto weniger kritischen Film, der die Sinnlosigkeit der Opfer im Kalten Krieg anprangert und der Geheimdiensttätigkeit einen bürokratischen Charakter verleiht, verbunden mit einer Gestaltung, die bewusst auf plaktive Methoden und emotionale Spannungsmomente verzichtet, um doch immer wieder des Meisters Handschrift im Detail aufblitzen zu lassen. Letztlich eine etwas unausgegorene, aber sehr interessante Mischung (7,5/10).