Review

Auch für mich als womöglich größtem Hitchcock-Fan gibt es sie: die Filme, mit denen ich immer etwas anfangen können wollte, aber nie etwas anfangen konnte – und vermutlich nie etwas anfangen können werde. Sein letztes Werk „Familiengrab“, an dem ich mich in unterschiedlichen Dekaden immer wieder versuchte, gehört dazu – und leider auch „Immer Ärger mit Harry“.

Nach seinen letzten beiden für Paramount Pictures gedrehten prachtvollen glamourösen Filmen „Das Fenster zum Hof“ und „Über den Dächern von Nizza“ war Alfred Hitchcock mal wieder nach etwas Kleinerem zumute, einer schwarzen Komödie, mit reichlich britischem Humor ausgestattet, aber in den USA gedreht, außerdem mit eher unbekannten Darstellernamen, sprich: wo das gesamte Ensemble die Stars sind und nicht die Stars die Stars. Obwohl Paramount selbst nicht von einem Publikumserfolg überzeugt war, genehmigte man dem Regisseur das Projekt, zumal der ihnen mit seinen zwei vorherigen Filmen einen ordentlichen Geldsegen beschert hatte und sich zudem für alle sichtbar auf der Höhe seines Schaffens befand. Tatsächlich fremdelten die US-amerikanischen Kinogänger mit „Immer Ärger mit Harry“ deutlich mehr, als es das europäische Publikum tat, zu sehr entfernte sich Hitchcock vom Stil seiner Vorgängerfilme. Es gibt keine Blondine, es gibt wie gesagt keine strahlenden Hauptdarsteller, es gibt keinen Suspense, nicht mal ein Mörderrätsel - und es gibt generell keinen spannenden Plot. Den hatte „Über den Dächern von Nizza“ zwar auch nicht, aber immerhin Cary Grant und Grace Kelly.

Dabei liest sich die Prämisse reizvoll: Im herbstlich gefärbten Wald vor den Toren eines kleines Dorfes liegt eine Leiche – die Titelfigur namens Harry. Nacheinander werden mehrere Dorfbewohner (ein pensionierter Kapitän und Hobbyjäger, eine Altjungfer und Harrys Ehefrau) auf den Mann aufmerksam und glauben, für den Tod verantwortlich zu sein, denn er war ein böser Mensch und es gab kurz zuvor so manche Auseinandersetzung mit ihm. Harry wird deshalb in der Folge von den sich schuldig fühlenden Protagonisten – unter tatkräftiger Mithilfe eines erfolglosen Malers – mehrfach ein- und wieder ausgegraben und von A nach B und wieder zurücktransportiert, ihn vor dem herumschnüffelnden Hilfssheriff verstecken müssend. Die Polizei soll nämlich nichts davon erfahren.

Es ist offensichtlich, was Hitchcock an der Vorlage – dem 1949 erschienenen gleichnamigen Roman von Jack Trevor Story – interessiert hat: eine Leiche, die nicht entdeckt werden soll und eigentlich nur als MacGuffin dient, um einen bunten Strauß schräger Figuren zusammenzubringen. In diesem Fall hat den sonst so treffsicheren Hitchcock allerdings sein Näschen verlassen und er hätte mehr auf die Bedenkenträger hören sollen, denn der schwarze Humor, der durch die makabre Grundsituation eigentlich per se da sein sollte, beißt an wirklich gar keiner Stelle und wirkt im schlimmsten Fall peinlich altmodisch und albern, wenn etwa ein Buchleser fast über die Leiche stolpert, sie aber eben nicht entdeckt, weil das Lesen seine volle Aufmerksamkeit verlangt. Im besten Fall schafft es „Immer Ärger mit Harry“, dem Zuschauer einen Schmunzler zu entlocken, aber das betuliche Vor-sich-hin-Plätschern macht die fast 100 Minuten über weite Strecken zu einer echten Geduldsprobe. Oft manifestiert sich der Eindruck, die Geschichte wäre besser in der TV-Reihe „Alfred Hitchcock präsentiert“ aufgehoben, mit der der 56-jährige Brite etwa zur gleichen Zeit seine Bildschirmkarriere startete. Die Grundidee trägt maximal die Hälfte der Laufzeit – es sei denn, man hätte mit dem Toten mehr angestellt (wie etwa in der semiwitzigen Komödie „Immer Ärger mit Bernie“ von 1989, in der so getan werden muss, als sei die Leiche noch lebendig). 

Hitchcock verlässt sich ganz auf sein harmonisches Schauspielensemble und hat darin sicherlich neben den wunderschönen Herbstbildern, die Robert Burks in den Außenaufnahmen gekonnt auf die Leinwand zaubert, seine Stärken. Für Shirley MacLaine sollte es ihre allererste Filmrolle sein, und sie ist es auch am ehesten, die mit ihrer noch jugendlichen Frische etwas Pep in die dröge Angelegenheit bringt – etwas, das weder Routinier John Forsythe noch der alteingesessene Edward Gwenn, mit dem Hitchcock bereits in den 30er-Jahren in seiner frühen britischen Phase zusammenarbeitete (erstmals in „The Skin Game“ von 1931), hinbekommen.

Ja, das ist alles in seiner Harmlosigkeit schon irgendwie süß und sympathisch, aber es zeigt auch mehr als deutlich, dass Hitchcock in reinen Komödien – und ich weigere mich, „Immer Ärger mit Harry“ trotz der Leiche als etwas anderes anzusehen als als Komödie – einfach nicht zu Hause war. Es steht außer Frage, dass er richtig gemeinen Humor 1955 noch zu Zeiten des Hays Code nicht so in seine Filme einbringen konnte, wie er es wollte, obwohl er im Privaten eine Vorliebe für dreckige bis sadistische Scherze pflegte – und wie pechschwarz er sein konnte, bewies er ja nur fünf Jahre später in „Psycho“ und erst recht in seinem bitterbösen „Frenzy“ –, aber ganz so zahnlos hätte es dann doch nicht sein müssen (auch wenn Hitchcock selbst ein großer Fan des Films gewesen sein soll). 4/10.

Details
Ähnliche Filme