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Der finanziell leicht gebeutelte Archäologe Jack Chan [ Jackie Chan ] bekommt Besuch seines alten Freundes William [ Tony Leung Ka Fai ] aus den USA, der ihm ein neues Projekt vorschlägt. Es geht um die Errungenschaften der Schwerelosigkeit, von den Effekten der Gravität befreit. Dazu reisen beide nach Dasar, wo derartige Erscheinungen beobachtet wurden und gleichzeitig 2000 Jahre alte Relikte aus der Qin – Dynastie aufbewahrt werden. Dort angekommen erkennt Jack Ursprünge und Insignien seiner Träume, in der er als General Meng Yi die Kaiser von Qin versprochene Koncubine Ok Soo [ Kim Hee-seon ] beschützen soll...

Irgendetwas ist nicht richtig, wenn man sich neuerdings bei jedem 2ten Jackie Chan Film bereits im voraus fragen muss, ob man nach Bekanntgabe der Storydetails das fertige Werk überhaupt sehen möchte.
Die Frage, wie der Endergebnis letztlich wird, ist dann fast sogar sekundär; wenn einem schon das Drumherum nicht geheuer vorkommt. Da es sich nun auch derart vermehrt häuft [ Gorgeous, The Medaillon, Tuxedo ] sollte man vielleicht die eigene Einstellung und damit verbundenen Erwartungen an den Filmemacher Chan selber ändern und ihm mittlerweile seine Schemaausbrüche zugestehen. Oder ihm attestieren, dass er doch öfters am Publikumsgeschmack vorbeischiesst und seine über Jahrzehnte aufgebaute Klientel nicht unbedingt im absehbaren Ende verprellen sollte.

The Myth macht nach dem vorher freudig aufgenommenen New Police Story wieder eine abrupte Kehrtwendung; komplett weg von den seinen selbst aufgestellten Traditionen und der Modern Day Action. Eine Mixtur aus bereits grundweg verschiedenen Genres wie chinesischen Fantasymärchen, historischen Kostümepos, etwas Bollywood, etwas westlicher Technologie ist es geworden; mit einigen wenigen typischen Chan – Zutaten, die dann auch nur noch wie fader Zusatz wirken.
Angesprochene Themen sind solch sprituellen Gebiete wie Wiedergeburt, Inkarnationen, Reinkarnation, Seelenwanderung, das Leben nach dem Tode, verbunden mit Unsterblichkeit von Körper und Geist. Ewigwährende Liebe, Schicksal, Karma als zentrales Element der Handlung.
Will man das ausserhalb eines Esoterik-Kongress wirklich sehen ? Einen Jackie Chan bei seiner Kundalinierfahrung begleiten ?

Je nachdem, wie die Antwort lautet und wie offen der Zuschauer für das etwas seltsame Endprodukt ist, schneidet wahrscheinlich auch auch die Bewertung nach unten hin ab; der Film selber ist nämlich nicht so gut gemacht, dass er vom Handwerk allein die Zweifler überzeugen kann. Eher noch gibt er denjenigen Recht, die vorher skeptisch waren und ihre Befürchtungen des unzumutbaren Handlungsdispositivs nur bestätigt sehen.

Wenn man rational herangeht bekommt man eine Geschichte wie ungefähr bei Jet Lis Dr.Wai and the Scripture with no Words [ der übrigens auch seinen Verriss abbekam ]: Ein Archäologe sucht nach einem wundersamen Artefakt, die bösen Buben allerdings auch.
Dort schrieben die Beteiligten die Handlung während des Films immer wieder nach ihren Gutdünken um; lenkten die eigenen Phantasien und Vorstellungen immer wieder in die gewünschte Richtung.
Realität und Einbildung verbündete sich und bildete dennoch gleichzeitg abgrenzbare Zustände.
In The Myth sind die treibenden Kräfte Träume; Spiegel der Seele. Das Unterbewusstsein inszeniert ein Schauspiel aus Problemen, Verlangen, Hoffnungen und eben auch von verdrängten Erlebnissen.

Chan träumt davon, wie er eine Prinzessin heroisch rettet und dann trotzdem mit ihr einen Abhang hinabfällt. Wie er eine Schlacht leitet und als Einziger allein eine unvorstellbare Anzahl Gegner besiegt und wahre Leichenberge auftürmt. Wie er durch Feuerbälle reitet und sein treues Pferd erst diese wegkickt, später einem anderen Pferd die Beine stellt und einen zweibeinigen Angreifer mit einer Links – Rechtskombination fertigmacht.
Im Traum darf man alles und kann auch alles passieren; das Problem ist nur, dass Chan nicht nur phantasiert, sondern er so ein früheres Leben als Kriegsherr aufarbeitet. Was Ernst ist, keinen absichtlichen comic touch intus hat und auch nicht amüsant wirken soll.

Tut es auch nicht; die gesamte Vergangenheitsepisode erscheint trotz des zur Schau getragenen Gestus von epischen Gegenden und gigantischen Schlachten manchmal nur peinlich, wohl nicht das intendierte Gefühl. Aber man weiss sowieso nicht, was sich Regisseur Stanley Tong hier und da so bei denkt.
Selbst die filmische Wirklichkeit wird dann mehrmals übelst gebrochen, hinzu kommen noch vielzählige und eher unleidlich gelungene CGI Effekte selbst bei kleineren Details. Derartige Fehlleistungen sind schon keine Mittel der drastischen Überzeichnung mehr, sondern nur Unkenntnis dessen, was auf der Leinwand funktioniert und was nicht.
Manche Figuren wie General Xu Gui [ Patrick Tam ] sind schneller tot als eingeführt und agieren bis dahin sehr unrational. Die Darsteller sind auch durchweg schwach: Chan wirkt zumindest bei den altertümlichen Szenen komplett fehlbesetzt, allein schon optisch. Kim Hee-seon hat nur den love interest zu geben und bekommt damit den undankbaren Part von Prinzessin Hilflos ab; zwischen beiden funkt es auch nicht spürbar.

Im Gegenzug ist das Geschehen der Gegenwart schlichtweg uninteressant, was auch rückwirkend auf die dortigen Schauspieler fällt: Selbst ein Tony Leung hat keine Ausstrahlung, und der indische Import Mallika Sherawat gibt eine grundweg grausame Performance ab.
Zumeist dienen die Szenen sowieso nur als Vorbereitung für die nächste Möglichkeit des Überganges ins vorherige Leben, das abrupte Rein – und Rausspringen allein ist schon kein gutes Layout für eine feste Struktur. Hinzu kommt, dass Koordination von Wirkungen, von Überlagerungen, wechselseitigen Stabilisierungen nicht gelungen ist; es ergibt kein Ganzes.
Dass sich beide Ebenen mehr im Weg stehen als wirklich ergänzen ist eine Sache. Dass selbst im Hier und Jetzt die Actionschraube auch nicht richtig angezogen wird, ist eine andere und auch mit das Manko, was man normalerweise am einfachsten lösen kann und hier am schmerzlichsten vernachlässigt wird.
Herausstechend ist einzig ein eher spielerischer Kampf auf einer grossen Garnitur Klebeband; unterhaltsam für den Moment, aber beileibe kein Kracher.
Viel mehr ist dann auch nicht, nichts zu sehen von gewohnten Stunteinlagen oder Materialschlachten. Wohl vergessen im Dilemma der Selbstfindung.

Der Showdown kann von der Warte her auch nicht überzeugen, hat allerdings zum ersten Mal ein vortreffliches Setting und zeigt damit ganz allein die Möglichkeiten auf, die bei richtiger Herangehensweise vielleicht bestanden hätten. Was man mit mehr Vorstellungsvermögen und Einfühlsamkeit hätte erreichen können, vielleicht auch mal die Absicht hinter dem Projekt war: Eine Art Zwischenwelt, ein schwereloses Mausoleum der Qin – Dynastie in einer unendlich scheinenden schwarzen Höhle. Versteinerte Krieger und Pferdewagen schweben in der Luft ebenso wie die freistehende Treppe zum Kaiserpalast, was für den Moment ein betörend ruhiges, ja schönes Bild abgibt. Wenigstens etwas vom wahrscheinlich angepeilten Überwältigungskino, das ansonsten nicht nur aus der pragmatischen Perspektive so gründlich misslang.

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