Wenn sich in einem Spielberg-Film am Himmel ein unnatürlich aussehendes Gewölk zusammenbraut, ein Blitz den anderen jagt und der Donner ausbleibt, dann kommt etwas Gewaltiges auf uns zu und auch das Effektgewitter lässt nicht lange auf sich warten. Dann werden wir Zeuge der Vorboten des größten Unheils der Menschheitsgeschichte, einer Invasion durch eine schier hoffnungslos überlegene außerirdische Macht, die nur ein Ziel zu verfolgen scheint: die Ausrottung der menschlichen Zivilisation.
Ja, wieder einmal wird das Lied der drohenden Apokalypse angestimmt. Und es sollte schon ein besonderes werden; schließlich basiert es auf H.G. Wells' "Krieg der Welten", einem der wohl bedeutendsten Werke der Science-Fiction-Literatur. Sehr verwunderlich war allerdings die ungewöhnliche Geheimniskrämerei im Vorfeld: Bis zum offiziellen Starttermin sollte die Presse schweigen wie ein Grab und durfte keine Rezensionen veröffentlichen. Wenn man den Kritikern nun den Maulkorb anlegt, erweckt dies ein wenig den Anschein, vielleicht nicht gänzlich vom eigenen Schaffen überzeugt zu sein und es zumindest bis zum Kinostart vor den scharfen Kritikerzungen zu schützen, die Hobbycineasten womöglich noch verschrecken und von einem Kinobesuch abhalten könnten, was wiederum materielle Einbußen bedeuten würde. Oder aber man verfolgt damit einfach nur eine ausgefuchste Marketingstrategie...
Um das große Geheimnis zu lüften: Spielbergs "Krieg der Welten" ist wahrlich alles andere als so grausig, dass einem die Tränen in die Augen schießen, jedoch auch nicht so sensationell überragend, um in Euphorie zu verfallen, wenn man einmal einen Blick über den Tellerrand wagt. Dabei beginnt es eigentlich sehr vielversprechend mit einer kurzen, aber ausreichenden Einführung des Kranführers Ray Ferrier, den Tom Cruise in der Folgezeit wirklich glaubhaft darzustellen weiß. Ray Ferrier ist einmal nicht der Nimbus einer Vaterfigur, eigentlich ein gewöhnlicher amerikanischer Arbeiter, der nicht gerade in einer beneidenswerten Wohnung haust, von seiner Frau getrennt lebt und seinen beiden Kindern Robbie (Justin Chatwin in einer undankbar heroisch veranlagten Rolle) und Rachel (Dakota Fanning überzeugend hysterisch) zu wenig Aufmerksamkeit entgegenbringt. Schon von Geburt an ist seine Tochter gegen Erdnüsse allergisch. Ray Ferrier erfährt dies erst, als er ihr im Eifer des Schocks flüchtig ein Toastbrot mit Erdnussbutter schmiert. Und auch von ihrem Lieblingsschlaflied kennt er keine Zeile.
Doch wenn dieser Ray Ferrier eines besitzt, dann sind es seine Vaterinstinkte. Alles würde er tun, nur um seine Kinder zu schützen, zu schützen vor den Invasoren aus dem Weltall, die die menschliche Zivilisation schon lange beobachteten und nun gekommen sind, um sie zu vernichten. Tripods, riesige, dreibeinige Maschinen, brechen überall aus dem Boden hervor und legen mit ihren Laserstrahlen Gebäude in Schutt und Asche und lassen Menschen von einem auf den anderen Moment einfach zu Staub zerfallen. Nein, es sind keine Terroristen, auch keine aus Europa, wie Rays Sohn Robbie anfänglich verdutzt fragt. Es sind Außerirdische. Es ist ihr Genozid an der menschlichen Rasse. Es gibt nur die Flucht, die bleibt, der Kampf ums Überleben - und wir sind ganz nahe an Ray Ferriers Seite.
Dem Zuschauer gibt Spielberg kaum eine Atempause. Ein Krieg der Welten ist es nicht, die außerirdische Übermacht ist dafür viel zu gewaltig. Wenn sich die dreibeinigen Maschinen aus der Ferne mit einem dumpfen Brummen ankündigen, dann stockt einem jedes Mal der Atem, dann ist die Apokalypse fühlbar. Hier hat Spielberg seine stärksten Momente. Die Zerstörungen durch die Tripods sind so ungeheuerlich und brutal, dass sich eine Endzeitstimmung unweigerlich einstellt. Der Hollywoodpapst ist in der Lage, den Zuschauer mit seinen Bildern stellenweise zu plätten. Die Destruktion ist gigantisch, auch gigantisch gut inszeniert mit Verzicht auf ein Schnittstakkato. Für Spannung ist stets gesorgt, ob in Szenen der Hektik oder des Ausharrens und Versteckens vor dem außerirdischen Feind im brüchigen Keller eines verstörten Farmers (Tim Robbins). Für einen Blockbuster erfüllt Spielberg ohne Zweifel alle Kriterien.
Der Nachteil des optischen und akustischen Bombastes ist jedoch, dass er einem auf den ersten Blick durchaus das Hirn zu betäuben vermag und es etwas Zeit bedarf, um die Befähigung zum Erkennen der ein oder anderen inhaltlichen Schwäche wiederzuerlangen. Loben darf man Spielberg für die Darstellung der Massenpanik bis hin zur Anarchie, die den kompromisslosen Lebenskampf der Menschen untereinander offenbart, wenn Staatsstrukturen zusammenbrechen, sowie der Endlichkeit der menschlichen Macht - auch der militärischen der USA -, die in ihre Schranken verwiesen wird. Doch dann wiederum wirkt das Drehbuch ganz und gar nicht vollends ausgereift, wenn sich die Ausweglosigkeit der Lage, die hemmungslose Verzweifelung, der Blick in eine düstere Zukunft kaum auf die Dialoge übertragen und Gefühlswelten der Protagonisten, abgesehen von familiären Emotionen und Instinkten und des Schockzustandes zu Beginn, nur im Ansatz beleuchtet werden.
Ab und an hapert es auch etwas an der Logik. So läuft ein Camcorder eines Zivilisten noch munter weiter, als die Invasoren schon längst die Elektronik lahm gelegt haben. Oder für das noch fahrtüchtige Auto, mit dem Ray Ferrier und seine Kinder zur Flucht aufbrechen, scheint es auf den Highways und den Trümmerfeldern irgendwie immer noch eine Gasse zu geben, durch die es sich fahren lässt. Im Vergleich zum irrsinnigen Vorhaben seines pubertierenden Sohnes, dem stets die Idee im Kopf herumgeistert, den Kampf gegen die übermächtigen Roboter aufnehmen zu wollen, wäre es jedoch Haarspalterei, sich daran zu stören. Freilich Unmut kommt auf, wenn wesentliche Fragen hinsichtlich der Angreifer unbeantwortet bleiben, die schlicht in ihren künstlichen Gewitterwolken per Blitz aus dem Nichts gekommen zu sein scheinen und offenbar über keinerlei Raumschiffe verfügen. Das größte Rätsel bleibt schließlich, warum eine so hochentwickelte außerirdische Spezies vor Millionen von Jahren, noch vor der Menschwerdung, ihre Maschinen im Erdboden vergrub, zuließ, dass die menschliche Zivilisation aufblühte und sich dann anschickt, sie zu vernichten?
All diese Ungereimtheiten - sie sind fast noch ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn Spielberg mit einem wirklich negativ überrascht: dem Ende. Einerseits öffnet der Hollywoodguru hier nämlich die Mottenkiste und kramt Klischees heraus, deren Unnötigkeit einfach schmerzt. Andererseits findet auch der Krieg der Welten einen unbefriedigenden, simplen Abschluss. Das Paradoxe daran ist, dass sich Steven Spielberg dabei an H.G. Wells' Klassiker hält. Doch was bei Wells funktioniert, weil es satirisch wirkte, zerstört bei Spielberg all das zuvor Geschaffene. Dass sich die Wirkung der Literatur nicht immer eins zu eins auf die Leinwand projizieren lässt, wird hier nur allzu deutlich. Das Ende - in dieser abrupten Art und Weise - ist ein Ärgernis, das den Gesamteindruck noch einmal kippt. So ist "Krieg der Welten" ein zweischneidiges Schwert: Erhebt man sich aus seinem Kinosessel, durchströmt einen ein Gefühl der Begeisterung ob der atemberaubenden Effekte, der Spannung, der Unterhaltung. Doch die durch Spielberg entfachte Atmosphäre der Bedrückung und der Angst, der Gnadenlosigkeit und der Endzeit - die wurde mit dem Schluss schlagartig zertrampelt.