Mit Domino wollte Regisseur Tony Scott (Revenge) der echten Domino Harvey, die am 27.06.2005 tot in einer Badewanne aufgefunden wurde, ein Denkmal setzen. Allerdings macht er schon zu Beginn des Filmes klar, dass es sich hierbei größtenteils um eine fiktive Story handelt, die an Dominos Leben angelehnt ist. Schon immer gehörte Tony Scott zu einer meiner Lieblingsregisseure, da er meistens für actionhaltige Streifen mit schicker Optik bekannt ist. Bei Domino übertreibts er allerdings mit der Videoclip-Optik und hält sich zu sehr mit der Action zurück. Der für das Donnie Darko-Skript gelobte Drehbuchautor Richard Kelly hat Scotts drogenrauschähnliche Optikspielereien mit einer oftmals konfusen Handlung ergänzt, die den Zuschauer noch zusätzlich verwirrt. Mag ich Kelly ein gewisses Talent nicht absprechen, doch ein Quentin Tarantino oder Shane Black ist er dann dennoch bei weitem nicht. Das führt dann auch dazu, dass Domino in Scotts Filmografie eine eher untergeordnete Rolle spielen dürfte, und sich kaum mit seinen (aus meiner Sicht) größten Meisterwerken True Romance und Last Boy Scout messen kann. Da waren ja auch die Herren Tarantino und Black an den jeweiligen Skripts zuständig gewesen.
Domino (Keira Knightley) wächst in einer reichen Jetset-Society voller Privilegien auf. Nach einem kurzen Ausflug in die Model-Welt findet sie ihre Bestimmung als Bountey-Hunter, kurzum als Kopfgeldjägerin. Sie verliebt sich nicht nur in diesen gefährlichen Straßenjob, sondern findet in ihren Kollegen auch so was wie eine Ersatzfamilie. Der raubeinige Ex-Knacki Ed Mosbey (Mickey Rourke) wird zu ihrem Mentor, während sie vom attraktiven Latino Choco (Edgar Ramirez) heimlich verehrt wird. Zusammen spürt das Trio so viele flüchtende Verbrecher auf, dass der TV-Produzent Mark Heiss (Christopher Walken) auf aufmerksam wird und sie zu Stars in einer Reality-TV-Show macht. Doch ihr gefährlichster Job steht noch bevor...
Keira Knightley (The Jacket) bewieß uns schon in King Arthur, dass sie kräftig zulangen und eine brauchbare Action-Heroin verkörpern kann. Jedoch hindert Scotts visuelle Verliebtheit und Kellys oberflächlich geschriebene Skript sie daran, dem Charakter Dominos mehr Tiefe zu verpassen. So bleibt die cineastische Domino oftmals nur ein Abziehbild des weiblichen Draufgängerformats. Schade, denn Knightley wäre durchaus in der Lage gewesen, hier eine einzigartige Filmfigur zu erschaffen. Der dank Sin City wieder dick (aus finanzieller Sicht und nicht so wie Kollege Seagal) im Geschäft befindliche Mickey Rourke (Get Carter) macht seinen Part des Kopfgeldjäger-Leaders nicht schlecht und zeigt, dass er nicht auf stereotype Rollen wie in Irgendwann in Mexico angewiesen ist. Edgar Ramirez vollbringt zwar auch eine zufriedenstellende Leistung, kann aber weniger Akzente setzen. Die zahlreichen prominenten Nebendarsteller wie Delroy Lindo (Sahara), Christopher Walken (Last Man Standing), Mena Suvari (Carrie 2) oder Lucy Liu (Payback) runden den Cast dann noch mit passablen Darstellungen ab.
Bestachen Tony Scotts Werke True Romance, Last Boy Scout , Beverly Hills Cop 2 und Mann unter Feuer durch astreine Actionsequenzen, so wird man bei Domino weitestgehend enttäuscht. Hier und da fällt zwar mal ein Schuss, etwas geht zu Bruch oder explodiert, doch gestalten sich diese Sequenzen aufgrund der hektisch geschnittenen Inszenierung ziemlich beiläufig. Lediglich im Showdown dreht Scott die Actionschraube mal etwas höher, kann jedoch immer noch nicht überzeugen. Denn der finale Massen-Shoot-Out im Top of the World-Restaurant in Las Vegas ist nur eine hektisch geschnittenere und mildere Version der True Romance-Ballerorgie, die Scott bereits in Der Staatsfeind Nr.1 neu auflegte. Konnte man dort noch erkennen, wer da gerade ins Nirvana gepustet wurde, so ist die aktuelle Variante wegen der schnellen Schnitte und der Farbgebung recht unüberschaubar. Einzig und allein die Sequenzen mit dem ballernden Helikopter und der sich mit zwei MG's letztmals aufbäumenden Domino können hier noch überzeugen. Warum gab es solche Szenen nicht schon früher im Film? Wurde anfangs noch krampfhaft versucht, dem Streifen etwas Authentizität zu verleihen, so werden diese Bemühungen mit dem übertriebenen Showdown und dem unlogischen Entführungs-Plot abrupt über Bord geworfen. Zudem hätte man etliche Szenen besser gleich rausgeschnitten. Hierzu gehört die unnötige Talk Show-Szene mit zahlreich keifenden Black-Chicas, was im Endeffekt keine Sau interessiert, wie es Delroy Lindo später passend formuliert. Ohnehin wäre es besser gewesen, wenn Scott die nervende Black-Chicas & -Bitches-Connection um Delroys Charakter herum ganz aus dem Skript gestrichen hätte, wenngleich sie nicht unwichtig für die Handlung sind. Doch das hätte man auch anders, besser und weniger nervtötend inszinieren können. Gleich ganz aus dem Film kicken können hätte man auch den Teil mit dem Prediger in der Wüste, da dieser Abschnitt mehr oder weniger unnötig ist. Ansonsten wird zu Filmbeginn rasch die Biographie-Schiene gefahren, ehe man zum fiktiven Teil übergeht, der sich recht uninteressant gestaltet. Walker und Suvari können als Produzent und Assistentin hier zwar einiges retten, doch die Vermischung von Realität und konfuser Medienreflektion inklusive übertriebener Charaktere will einfach nicht passen. Da hilft es auch nichts, wenn Domino ihre Lebensphilosophie ständig gebetsmühlenartig runterleiert. Ein weniger spektkulärer Plot hätte es auch getan und je weiter der Film dahinläuft will sich Kelly storymäßig doch tatsächlich als Möchtegern-Tarantino profilieren, indem er so viele Handlungsstränge wie nur möglich miteinander verknüpft, verschachtelt bis der Brechreiz kurz bevor steht und alles in dem bleihaltigen Finale zu einem Ende bringen will. Jedoch wirkt die Handlung so eher überfrachtet statt intelligent konstruiert. Auch die Lovesory zwischen Domino und Choco wird nur hin und wider angerissen. Der Humor kommt dank Rourke dennoch nicht zu kurz und für ein wenig Erotik kann Knightley himself mit einem kurzen Lapdance inmitten von Dutzenden Ghetto-Gangstern sowie einer zügigen Fickszene mit Ramirez sorgen, wo sie obenrum sogar blank zieht. Die Mucke geht größtenteils auch in Ordnung.
Im Endeffekt gestaltet sich Domino als eine Mischung aus Pseudo-Mediensatire, Biostory, Videoclip-Ästhetik und actionhaltiger Rahmenhandlung. Zu viel gewollt ist hier allerdings eindeutig zu wenig. Mögen Darsteller und einige Szenen noch vieles retten, was eigentlich nicht mehr zu retten war, so hoffe ich doch stark, dass Tony Scott bald wieder einen Film wie seine unangefochtene Nummer 1 True Romance abliefert.