John Woo ist vor allem bekannt für seine poetische Bildsprache. In seinen Hong Kong-Filmen hat er das mehrfach bewiesen. Mit Filmen wie "Hard Boiled", "The Killer" oder der "A better tomorrow"-Trilogie hat er sogar mehr oder weniger ein eigenes Genre begründet: das des "Heroic Bloodshed".
Die Zutaten sind so simpel wie sie damals revolutionär waren. Woos primäres Motiv war stets die Freundschaft, in der Regel zwischen zwei oder mehreren Männern. Begründet liegt das in der kulturell verwurzelten Thematisierung von Ehre und Moral, die sich dann eben in Form von Freundschaft ausdrückt. Diese wird also zum Mittelpunkt des Kosmos gemacht, während sich die Filmstory um diesen Kern herum aufbaut.
Als Darstellungsmittel diente früher vor allem die Anwendung von Martial Arts. In spektakulären Kämpfen wurden Sieger und Verlierer ermittelt und ihre wahren Gesichter aufgedeckt. Waffen galten aus filmtechnischer Sicht eher als langweilig und unspektakulär.
Das änderte sich mit dem Aufkommen des besagten "Heroic Bloodshed"-Genres. Woo schaffte es, die Verwendung von Schusswaffen im Film interessant zu machen, indem er mit einer einmaligen Bildgewalt an seine Werke heranging, durch die diese Waffen wirkten wie Verlängerungen des Körpers.
Beidhändiges Schießen, schwarze Anzüge, Zeitlupen, Emotionen... Woo schaffte Neues, wo Tarantino "nur" seinen Vorbildern huldigte (zu denen ja auch Woo gehört).
"Face / Off" ist bis heute - und vielleicht für immer - John Woos beste Arbeit in den Vereinigten Staaten, ja vielleicht sogar eine seiner drei besten Arbeiten überhaupt. Der Grund dafür ist einfach zu finden: nur hier schaffte er es, den Geist seiner Heimatprojekte auf die westliche Kultur zu übertragen.
Zwar geht es hier nicht um Freundschaft, dafür aber um ein noch intimeres Verhältnis zwischen zwei Menschen: die Feindschaft. Die Jagd von Sean Archer (John Travolta) auf den Terroristen Castor Troy (Nicolas Cage) geht weit über die Bürokratie hinaus. Zur Besiegelung des persönlichen Charakters der Jagd sieht man in einem ungemein ästhetischen Schwarz-Weiss-Prolog, wie Castor Troy versucht, Sean Archer zu erschießen und stattdessen dessen Sohn tötet.
Schnitt in die Gegenwart. Wir sehen die Intimfeinde in ihrem derzeitigen Leben. Sean hat den Verlust seines Sohnes noch immer nicht verkraftet. Er ist besessen davon, Castor zu schnappen. Seine Familie leidet darunter: während seine Frau mit ihren Kräften am Ende ist, droht seine Tochter Jamie ihre Identität zu verlieren.
Castor plant derweil voller Euphorie und Tatendrang einen Anschlag. Im direkten Kontrast zu Sean wird das Freiheitsgefühl von Castor unterstrichen durch riesige Hallen (die Kirche) und freie Plätze (der Flughafen).
Und schon sind wir beim ersten Klimax angelangt: in einer choreographisch beinahe perfekten Szenerie auf dem Flughafen kann Archer Troy stellen. Durch einen Düsenantrieb wird der gegen ein Belüftungsgitter geschleudert und fällt ins Koma. Der Terrorist ist geschnappt.
Normalerweise wäre die Geschichte hier zu Ende, doch weiß niemand, wo und wann der von Castor geplante Anschlag stattfinden soll. Sein kleiner Bruder Pollux will ebensowenig reden wie die Gang.
Nun kommen wir zum Kernpunkt der Geschichte. Man schlägt Sean Archer vor, mit modernster Technik das Gesicht mit dem Erzfeind zu tauschen, um so als Castor Troy Pollux im Gefängnis nach der Bombe auszufragen.
Wer damit argumentiert, dass diese zentrale Idee einer Gesichtsoperation einfach nur absurd und unrealistisch ist, dem sei gesagt, dass hier die metaphorische Bedeutung wichtiger ist als medizinische Korrektheiten.
Denn nun sind wir bei Woos Hauptmotiv angelangt, das noch nie so intensiv dargestellt wurde. Indem beide Charaktere ihre Identitäten vermischen, werden sie sozusagen Eins. Je mehr sie sich in ihrem Wesen unterscheiden, desto mehr gehören sie zusammen.
Die zunächst einmal oberflächlichen Unterschiede werden dann nach der OP bemerkbar. Natürlich erwacht Castor aus seinem Koma und lässt sich Seans Gesicht auflegen. So spaziert er fortan als Sean Archer durch die Gegend, macht im Büro seine Arbeit, lebt mit Frau und Tochter sein Privatleben, wird ganz einfach zu Sean Archer.
Der echte Archer wiederum kann aus dem Hochsicherheitsgefängnis entfliehen, hängt sich an Castors Gang und lebt dort im Gegenzug dessen Leben, um sein eigenes auf lange Sicht zurückzugewinnen.
Hier beweist Woo sein Gespür für Konstruktdetails. Die ständigen Storywendungen sind detailreich, aber stets übersichtlich und münden teils sogar in Komödie ("Pappa`s got a brand new bag."), was dem Film nicht unbedingt schadet. Natürlich bleibt der Grundtenor bierernst. So werden einige Figuren ausgeschaltet, die einer Partei im Weg stehen, bis dann der zweite Akt mit einem erneuten Actionhöhepunkt abgeschlossen wird: der vorläufige Showdown im Unterschlupf von Castors Gang. Und die steht der anfänglichen Airport-Szene in nichts nach.
Die beste Szene des gesamten Films feiert hier auch ihren Einstand: Castor und Sean stehen sich gegenüber, getrennt nur durch eine Spiegelwand. Jeder schaut in den Spiegel, sieht sich selbst und damit seinem Todfeind ins Gesicht, bereit zur finalen Konfrontation, zum Duell, zur Blutfehde.
Außerdem wird hier Sean Archers Achillesferse beschädigt, und zwar in Form seines kleinen Bruders Pollux. Der Ausgleich zu Seans Verlust seines Sohnes.
Der dritte Akt: Sean nimmt Kontakt mit seiner Frau auf, doch die ist natürlich in Anbetracht seines Äußeren mißtrauisch. Langsam spitzt sich die Story auf das Ende zu, das vorläufig in der Kirche bei der Beerdigung von Seans Boss stattfindet.
Das Kirchenmotiv ist sichtlich vom Finale aus "The Killer" inspiriert, inklusive den weißen Tauben, die ja zu seinem (am Ende etwas umstrittenen) Markenzeichen geworden sind. Und man mag es kaum glauben, aber selbst die perfekten Szenen am Flughafen und im Unterschlupf werden nochmals getoppt durch ein Geflecht aus mehreren Leuten, die spinnennetzartig ihre Waffen aufeinander richten.
Das ultimative Finale machen die Erzfeinde dann jedoch unter sich aus, und zwar in einer spektakulären Bootsjagd und einem anschließenden Zweikampf.
"Face / Off" ist wie ein Schachspiel, bei dem die Farben getauscht wurden. In diesem komplexen Konstrukt aus Storywendungen und finalen Konfrontationen schafft John Woo ein Meisterwerk, das semantisch und metaphorisch auf vielen Ebenen wirksam ist, und doch verliert er sich nicht in Details, sondern bleibt der Grundkonstellation immer treu. Des weiteren geben die beiden Protagonisten Nicolas Cage und John Travolta Glanzvorstellungen ab, die besser nicht hätten sein können. Gerade Travolta spielt um sein Leben. Ich bin daher wirklich versucht, zehn Punkte zu vergeben, muss aber zumindest einen halben Punkt abziehen dafür, dass es doch ein paar technische Mängel gab, die nicht hätten sein müssen. Ich denke da z.B. an die Szene, als die Boote auf den Boden aufschlagen und Archer und Castor durch die Luft geschleudert werden; hier erkennt man eindeutig die Gesichter der Stuntdoubles.
Davon abgesehen ein wahres Meisterwerk, das "The Killer" und "Hard Boiled" in nichts nachsteht.
9,5/10