Face/Off ist ein Actionreißer.
John Woo läßt es ordentlich krachen, es wechseln sich Zerstörungsorgien mit in Zeitlupe stilisierten Duellen ab.
Das ist alles sehr schön inszeniert und bildgewaltig in Szene gesetzt.
Na und ?
Auch wenn das etwas Besonderes ist, so ermüden diese Abläufe doch beim wiederholten Hinsehen.
Ein Problem mit dem sich gerade Actionfilme auseinandersetzen müssen ,wenn es um die Beurteilung ihrer Zeitlosigkeit geht.
Wie spannend bleiben die dargestellten Auseinandersetzungen , wenn man ihren Ausgang schon kennt ?
Selbst ausgesprochene Liebhaber dieses Genres können nicht leugnen, daß selbst der ausgefallenste Showdown irgendwann zum hohlen Aktionismus verkommt, wenn er nicht noch andere Saiten in unserem Stammhirn anklingen läßt.
Und genau das gelingt Face/Off.
Dabei bedient es sich eines Tricks. Indem ansonsten realistischen Gegenwartsfilm wird eine Technik angewendet, die noch reine Science-Fiction ist, getreu dem Motto : Laß die Grundidee so fantasievoll sein wie sie will, die Hauptsache ist ,daß das ,was darauf aufbaut ,logisch ist.
John Travolta spielt den FBI-Agenten John Archer, der Castor Troy (Nicolas Cage) jagd. Einen Schwerverbrecher, der Archer’s 6-jährigen Sohn versehentlich tötete, als er versuchte den lästigen Cop umzubringen.
Genauso wirkt auch Archer – wie ein Geschlagener, der nur noch ein Ziel verfolgt und dabei weder Rücksicht auf sich noch seine Frau und Tochter nimmt. Als er endlich Castor Troy stellen kann, wird dieser bei der Schießerei so schwer verletzt, daß er im Koma liegt .
Dadurch erfährt Archer weder die dringend benötigten Hintergründe für einen von Troy geplanten Anschlag noch kann er seine Rache befriedigend vollenden. Der Einzige, der ihm helfen kann, ist der verhaftete Pollux Troy. Doch der vertraut Niemandem außer seinem Bruder.
Um sich an Castor’s Bruder anschleichen zu können, wendet das FBI eine neue Technik an, die ermöglicht sich vollständig und identisch in eine andere Person zu verwandeln (zumindest wenn diese zur Verfügung steht).
Archer tauscht mit Castor das Gesicht und geht als Castor Troy in ein super gesicherte Gefängnis zu Pollux Troy, um den Anschlag zu verhindern. Doch Castor erwacht durch die Operation aus seinem Koma und übernimmt – auch weil ihm sein Gesicht abhanden gekommen ist – die Rolle des FBI-Mannes.
In diesem Moment beginnt die besondere Qualität des Films, die ihn zu einem Meisterwerk seines Genres macht.
Die Ebenen verschieben sich und damit unterscheidet sich der Film eklatant von John Woo’s Vorgängerwerk „Broken Arrow“.
Dort spielt Travolta auch überzeugend den Bösewicht und Christian Slater gibt den aufrecht kämpfenden Held. Das Ganze bleibt von Anfang bis Ende so eindimensional, daß beim wiederholten Ansehen die durchaus aufwändige Action nur noch langweilt.
Dagegen ist in „Face/Off“ nach dem Körperwechsel nichts mehr eindeutig.
Der verwandelte Travolta kämpft jetzt an der Seite von Castor’s Gang, die aus durchaus symphatischen Zeitgenossen besteht, gegen das Großaufgebot der Polizei. Und Castor Troy übernimmt den Polizeiapparat und kann dabei seine „Erfahrungen“ wirkungsvoll einbringen....
Die ganzen Auseinandersetzungen betrachtet der Zuschauer jetzt immer unter diesem verschobenen Gesichtspunkt und um so mehr auch Außenstehende davon erfahren, wer denn tatsächlich wer ist, um so verwirrender wird es für jeden Einzelnen überhaupt zu erkennen, gegen wen er kämpfen muß.
Aber das ist nicht immer noch nicht das Entscheidende, sondern besonders wichtig ist, daß sich Woo Zeit dafür läßt, die sozialen Hintergründe zu durchleuchten. Denn beide Protagonisten werden mit den Freunden und der Familie des jeweils Anderen konfrontiert.
Diese können den Wechsel nicht ahnen, aber sie spüren die Veränderung im Charakter – und Jeder kann sich vorstellen wie verwirrend das sein muß.
Gerade dadurch erfahren die Beiden, wie sehr die Verhältnisse im Argen liegen und bekommen Informationen , die den „richtigen“ Archer und Troy jahrelang vorenthalten wurden.
Woo gelingt so eine unglaublich enge Bindung nicht nur an die Hauptdarsteller ,sondern an das gesamte soziale Umfeld, unterstützt natürlich von hervorragenden Schauspielerleistungen.
Dadurch wird jeder Moment wichtig und auch beim wiederholten Ansehen bleibt eine unglaubliche Spannung erhalten, die Einen jenseits von schnöden Auflösungen auch 9 Jahre nach Erscheinen des Films immer wieder in seinen Bann zieht (10/10).