Review
von Psst!
In den Neunzigern waren John Travolta und Nicolas Cage Superstars - Wie sollen wir das unseren Kindern erklären?
Zwei Schmierenkomödianten chargieren sich in diesem Action-Hit von John Woo durch zwei zähe Stunden, die einem die totale Ziellosigkeit der Neunzigerjahre vor Augen führen.
„Face/Off" ist ein Film, den ich aus mir unbekannten Gründen damals nicht im Kino gesehen habe und den ich ebenso wenig aus der Videothek ausgeliehen habe. Sogar TV-Ausstrahlungen habe ich ausgelassen und so schwingt keinerlei nostalgische Verklärung in meiner Beurteilung mit.
Was mich bei der Sichtung einfach gestört hat, war das permanente Overacting von Travolta und Cage, das durch die Überzeichnung in der Inszenierung durch die Hand John Woos eine extreme Lächerlichkeit entwickelt, die heute doch schlicht peinlich wirkt. Zeitlupe und weiße Tauben - auch ich hätte dies womöglich in den Neunzigern irgendwie für cool gehalten, aber letztlich ist es doch so plakativ und stumpf, dass das ganze Psychogeschwurbel und die lange Laufzeit mich schon auf eine ganz harte Probe gestellt haben.
Wenn dann mal die Action kommt, ist sie verdammt schlecht gealtert und nur bedingt unterhaltsam. Neben den beiden schmierig aufspielenden Hauptdarstellern fragt man sich dann, wieso Joan Allen eine Frisur wie eine Achtzigjährige hat und warum jede weitere Rolle so schlecht ausgearbeitet wurde. Jede Figur wirkt wie die von der Gema befreite Kaufhausversion einer stereotypen Figur aus dem Actiongenre. Hinzu kommt eine Inszenierung, die den Sets kein Leben einhaucht. Der ganze Film wirkt irgendwie entrückt und artifiziell, die zwischenmenschlichen Beziehungen, die hier unerwartet zentral gestellt werden, wirken gänzlich unglaubhaft und wirken wie streckender und überflüssiger Ballast und die Ausrichtung des Films erweist sich als unklug. Woo konnte im Hong-Kong-Kino die Figurenbeziehungen mit sentimentaler Musik und schleppenden Dialogen in totalen Kitsch verwandeln und man sah es eben als etwas befremdlichen Bestandteil des Hong-Kong-Kinos. Im Kontext des Hollywood-Kinos, das weiß Gott von Kitsch durchzogen ist, wirkt dies jedoch einfach deplatziert.
Fazit
John Woo landete mit „Face/Off" einen Action-Hit, der mich aber enttäuscht hat. Seine Absicht, zwei Stars ihrer Zeit in einem Psycho-Duell aufeinander loszulassen, erweist sich nach 24 Jahren als schlecht gealtertes Kino der Neunziger, das sich an seiner Überinszenierung verschluckt und nahezu durchgehend lächerlich oder unfreiwillig komisch wirkt. Besonders Nicolas Cage übertreibt so extrem, als habe er seit „Leaving Las Vegas" nur noch die eine Rolle im Portfolio. Sein Gejammer und Gejaule sind hier kaum mehr zu ertragen.
Und John Woo erweist sich als ziemlich eingeschränkter Regisseur, dessen Eigenarten (Zeitlupe und weiße Tauben eben) zu einer kultischen Verklärung führten, die sich dann bald schon auflösen sollte, weil er eben kaum etwas zuzusetzen hatte. Womöglich sehen seine Fans dies hier als seinen Höhepunkt. Ich finde „Face/Off" trotz ein oder zwei schmissigen Actionszenen in erster Linie einfach nur lächerlich und zäh. Der trashige „Hard Target" mit seinem stumpfen B-Movie-Charme ist mir da wesentlich näher und für mich wesentlich unterhaltsamer.