Kim Ki-duk ist wohl ein schlechter Geschichtenerzähler. Zumindest in vielen seiner Filme erzählt er stets eine identische Geschichte. Stets beleuchtet er die Beziehung zwischen zwei Menschen die abgekapselt von allen zivilisatorischen Störungen durch eben diesen Auswüchsen der modernen Zivilisation dennoch am Ende gestört bzw. vergiftet wird. Es ist hinlänglich bekannt, dass Kim Ki-duk ein Problem mit den Verführungen der modernen Welt hat, seine Gesellschaftskritik ist allgegenwärtig und wird durch diese Art der isolierten Darstellung seiner Liebespaare nur allzu deutlich.
In "The Bow" stellt er sein "unmögliches" Liebespaar auf einen alten Schiffskutter weitab der Gesellschaft isoliert in die Weiten des Ozeans ab. Anzüglich und provokant auch der Altersunterschied der beiden, er ein alter Mann der sowohl Vaterfigur als auch Liebhaber sein will, sie ein blutjunges Mädchen in der Tochterrolle und der von ihm ersehnten sexuell angestrebten Rolle der Partnerin. Mit diesen beiden spielt Kim Ki-duk nun die Höhen und Tiefen der Partnerschaft durch, er beleuchtet das Vater-Kind-Verhältnis und wagt sich sehr nah an die sexuelle Beziehung heran. Es geht um Abhängigkeiten und um Liebe, um Eifersucht und Hass, um Vertrauen und um Zweifel, um Emanzipation und Verführung, um Trennung und Selbstaufgabe. Alle Facetten werden durchlebt und vollkommen wort-und textlos durch die beiden Hauptdarsteller in seiner Geschichte nur durch Gesten auf den Bildschirm gebracht. Ein typischer Film von Kim Ki-duk, gewohnt gekonnt und nur durch Bildgewalt erzählt, aber ohne jegliche Innovation wenn man frühere Filme kennt. Ist "The Bow" eine augenzwinkernde Zusammenfassung seiner früheren Werke und somit schon fast etwas selbstironisch zu sehen, oder will Kim Ki-duk nur sein Arthousepublikum weiterhin wie gewohnt bei der Stange halten?
Fest steht, dass selbst bei fehlender Innovation das gebotene Niveau weit überdurchschnittlich ist und somit auch bewertet werden sollte.
Ein alter Mann ( gespielt von Jeon Seong-hwan ) lebt auf einem Schiffskutter und verdient sich seinen Lebensunterhalt durch das Anbieten von Angelausflügen. Regelmässig fährt er Fremde aufs Meer hinaus und bietet ihnen Hochseeangeln an.
Mit dabei auf seinem Boot ist immer ein junges Mädchen ( gespielt von Han Yeo-reum ). Sie hat er vor zehn Jahren auf nicht näher bekannte Weise an sich genommen und nimmt seitdem ihre Vaterrolle an. Er kümmert sich sehr liebevoll um sie, er wäscht und kleidet sie aber er hat ganz bestimmte Absichten mit ihr. An ihrem 17-ten Geburtstag will er sie ehelichen und ihr Verhältnis auf ein neues Niveau heben. Die Vaterrolle soll in eine Liebhaberrolle wechseln.
Er hält sie vollkommen isoliert von aller Zivilisation auf dem Boot nur scheinbar mit ihrer Erlaubnis fest und nur die Männer die zum Angeln auf das Boot kommen stellen eine Verbindung zur Aussenwelt dar. Sie stellen Fragen und versuchen das hübsche Mädchen für sich zu gewinnen. Der alte Mann verteidigt sie allerdings mit Pfeil und Bogen wie eine Beute gegen alle Eindringlinge. Dennoch passiert was passieren muss, ein junger Mann ( gespielt von Seo Si-jeok ) kommt ihr nahe und sie findet Gefallen. Die Dynamik nimmt ihren Lauf, Eifersucht und Verlustängste beim Alten, Emanzipation und Hass bei dem Mädchen stellen sich ein. Die Verführung der modernen Zivilisation hat in Gestalt des jungen Mannes Einzug gehalten in die kleine abgekapselte Welt der beiden Hauptpersonen.
Kim Ki-duk braucht schon lange keine Dialoge mehr um komplizierte Sachverhalte deutlich zu machen, er spricht durch Bilder und Gesten und vor allem durch Zeichen und Symbole.
Der Bogen ist das Leitmotiv des Films, er dient als Waffe und schiesst Pfeile auf alle Störenfriede ab, er dient daneben als Musikinstrument und schafft eine Oase der Sinnlichkeit. Somit kann die Symbolik von Gut und Böse für Kim Ki-duk in Sekunden kippen, sie ist in ein und demselben Gegenstand und auch in den Personen gleichzeitig vorhanden. Es ist faszinierend zu sehen wie die Stimmung der Hauptpersonen von Liebe und Vertrauen und Hass und Zweifel im Laufe des Films kippt. Am Ende steht zwar eine zweifelhafte und unausgegorene Versöhnung, doch die Mimik und die Gesten der Hauptakteure sind über jeden Zweifel erhaben.
Kims Bildersprache ist obwohl durch den Standort der Handlung sehr begrenzt, wie immer sehr treffend und absolut überzeugend. Seine beiden Hauptdarsteller sind vorzüglich und besonders die aus "Samaria" bekannte Han Yeo-reum hat einige sehr ansprechende Einstellungen. Wie immer bei Kim Ki-duk ist sie optisch sehr ansprechend und leicht lolitamässig gezeichnet. Überhaupt geht Kim hier diesmal sehr weit und umschifft die Klippen der Pädophilie nur sehr mühsam. Dieser Aspekt erinnert stark an "Samaria". Eine andere Szene erinnert geradezu zynisch an "Die Insel" und scheint den selbstironischen Vorwurf vieler anderer Rezensionen zu bestätigen.
Ich persönlich bin ein Fan der Bildersprache von Kim Ki-duk, ich mag seine schweigsamen und nur oberflächlich ruhigen Filme sehr. Sie mögen oberflächlich ruhig sein, ihre Hauptdarsteller mögen noch nicht einmal mehr Namen tragen und keine Stimme haben, unter der Oberfläche brodeln seine Filme ungeheuerlich. Auch "The Bow" ist ein typischer Film für ihn und für Leute mit Erfahrung mit ihm ist er vollkommen ohne Innovation, für Leute ohne Erfahrung mit Kim Ki-duk mit Sicherheit ein Einstieg in das obere Segment des Arthousekinos.
Somit auch hier anerkennende und starke 9 Punkte.