Review

Was geschieht, wenn du wegen einer scheinbaren Lappalie zum Arzt gehst und der diagnostiziert dir einen bösartigen, inoperablen Tumor ohne Chance auf Heilung?
Dir bleiben nur noch wenige Monate zu leben, unumgänglich.
Es läuft auf die Frage hinaus, die dir schon mehr als einmal gestellt wurde: Was machst du, wenn du weißt, dass du nur noch kurze Zeit zu leben hast.
Das Leid teilen oder die schreckliche Gewissheit für dich behalten?

Diese Frage stellt sich auch der schwule Modefotograf Romain, der die Antwort für sich schnell gefunden hat: Keine Chemo, die ohnehin kaum Hoffnung auf Heilung verspricht und kein Wort der Mitteilung.
Weder an seinen Freund, noch an seine Eltern, auch nicht an seine Schwester. Nur seiner Großmutter vertraut er sich an, weil „sie auch bald sterben wird“.

Es wirkt authentisch und realitätsnah, was der Franzose François Ozon mit seinem Drama bietet.
In kleinen zwischenmenschlichen Stationen wird berichtet, wie in kleinen Kapiteln, in denen sich Romain von der Welt verabschiedet, ohne dass die davon etwas mitbekommt.
Ein gefühlsbetonter Abschied vom Vater und abschließende Fragen, die Romain schon immer beantwortet wissen wollte.
Die Schwester, Neid auf ihr Kind, die Selbsteinsicht, nie welche bekommen zu können und konträr zu reagieren. Ein zaghafter Annäherungsversuch folgt dennoch.
„Ich mache keine Kinder“ sagt er zunächst einer Kellnerin, dessen Mann zeugungsunfähig ist, so dass Romain ein Wunschkandidat für den ersehnten Nachwuchs darstellt.
Später kommt ihm die Einsicht, nachdem er über sein bisheriges Leben sinniert und nicht viel Positives aufweisen kann, letztlich etwas Sinnvolles zu tun.

Der Zuschauer weiß, dass Romain sterben wird, er selbst hat ebenfalls die traurige Gewissheit, nur sein Umfeld ahnt nichts und wird es bis zu seinem Tod auch nicht erfahren.
Und ist es dann egoistisch, nichts zu sagen oder eine Frage der Würde, um zusätzliches Leid von sich fern zu halten?
Es fällt nicht schwer einen Zugang zur Hauptfigur zu erlangen, denn Melvil Poupaud spielt überragend, was auch auf die übrigen Darsteller zutrifft.
Selbst die Darstellung seiner Homosexualität wird (bis auf einen kurzen Discobesuch) relativ klischeefrei eingebunden, sie provoziert nicht, noch hält sie sich zurück und wirkt weitestgehend authentisch (Soweit man das als Hetero beurteilen kann).
Nur der Prozess des„Kindermachens“ als flotter Dreier im Softpornogewand erscheint etwas vordergründig und ausladend.

Die Dialoge sind gut durchdacht, um Authentizität ist man mit Erfolg bemüht und die ruhige, sich komplett auf Romain konzentrierte Erzählweise gibt nie ein Anlass zum Zweifeln, dass dies ein würdiger Beitrag zum Thema ist.
Er resigniert nicht mit der Hauptfigur, sondern spendet Hoffnung für ein Leben, welches bald enden wird. Besonders gegen Ende häufen sich herzerwärmende Szenen, etwa wenn Romain zugunsten seines ungeborenen Kindes ein Testament beglaubigen lässt.
Besonders schön ist in diesem Zusammenhang der „Abgang“ ausgefallen: Romain taucht noch einmal ins pralle Leben ein, begibt sich an einen gut besuchten Strand, geht schwimmen und begegnet seiner Kindheit in Form eines Kindes, dem er einen Ball zurückgibt.

Hier treffen sich Vergangenheit und Zukunft.
Die Vergangenheit, die der Zuschauer in Rückblenden wahrnimmt, Romain in liebevoller Eintracht mit seiner Schwester und die Zukunft: Ich habe ein Kind gezeugt und werde es der Nachwelt hinterlassen. Dieses dankbar lächelnde Kind hier am Strand könnte in ein paar Jahren mein Sohn sein.
Romain wird hier für immer einschlafen, die Sonne am Strand geht unter und mit ihr verschwindet auch das Gesicht der Hauptfigur.
Abschied aus dem Leben, vielleicht ein wenig sentimental, aber so ist der Film ansonsten zu keiner Zeit ausgelegt.

Vielmehr ist er um Realität und Nachvollziehbarkeit bemüht und dem wird er auch zu fast jeder Zeit gerecht.
Die Sache mit der Kellnerin und der Erzeugeraufgabe verbuchen wir mal in der Akte: Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
Ansonsten fesselt dieses Drama von Beginn an und lädt zum Nachdenken ein.
Man kann in das Innenleben Romains eintauchen, sein Handeln nachvollziehen, es aber auch hinterfragen, - jeder Figur wurde genügend Tiefe mit auf den Weg gegeben, um Empathie aufzubringen.

Ich bin einigermaßen beeindruckt, denn mit so einfachen Mitteln schafft es ein typischer Hollywoodstreifen eher nicht, den letzten Stationen eines Todgeweihten, Emotionen mit auf den Weg zu geben, ohne dabei in totale Sentimentalität abzudriften.
Dafür bin ich dem typisch französischem Kino mal ausnahmsweise dankbar, sich emotional nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen und dennoch realitätsnahes Gefühlskino zu bieten.
7,5 von 10 Punkten

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