Francois Ozon ist zur Zeit einer der wohl begnadetsten Regisseure des französischen Kinos. Mit „8 Frauen" lieferte er eine versponnene Kreuzung zwischen Musical und Thriller, mit „Swimming Pool" ein spannendes Werk zwischen Realität und Fiktion. „Die Zeit, die bleibt" - ein intensives Drama um die letzten Tage im Leben eines unheilbar Kranken - wirkt wie Ozons emotional-feinfühlige Meisterprüfung, die er mit Bravour besteht.
Zur Story: Der homosexuelle Fotograf Romain (Melvil Poupaud) erfährt von seinem Arzt, dass er aufgrund einer Krebserkrankung im Endstadium nur noch wenige Monate zu leben hat. Er bricht mit seiner Schwester, beendet die Beziehung zu seinem Freund und nimmt sich eine Auszeit von seinem Job. Einzig seiner Großmutter vertraut er sein „Geheimnis" an und er versucht, den Rest seines Lebens so würdevoll wie möglich zu gestalten.
Was uns Regisseur und Drehbuchautor Ozon hier präsentiert, ist harter Tobak. Der Film verkommt dabei jedoch nie zu einer rührseligen, melodramatischen Reise in die Kitsch-Gefilde des amerikanischen Mainstreamkinos, sondern überzeugt durch eine ernsthafte und intensive Auseinandersetzung, mit einem Thema, welches ebendiese Seriosität und Intensität verlangt. Romain setzt sich dabei zusehends mit seiner Kindheit auseinander, was filmisch originell dadurch gelöst wurde, dass er sich an sich selbst situations- und ortsspezifisch erinnert und wiederholt seinem kindlichen Ich gegenübersteht. Dies korrespondiert mit Romains - im Laufe des Films wandelndem - angespannten bis ablehnenden Verhältnis zu Kindern und zur Welt. Erst am äußersten Ende seines Lebens erkennt er dessen Schönheit im allgemeinen; eine Stimmung, die Ozon mitfühlend, aber nicht reißerisch übertönend durch traurige klassische Musik zu untermalen weiß. Dies macht die Größe dieses kurzen, aber prägnanten Kommentars zu der Konzentration auf die wichtigen Dinge des Lebens aus: das Weiterleben des Selbst, ohne dass man selbst weiterlebt. Wer „Die Zeit, die bleibt" gesehen hat, wird in diesem letzten Satz all jene bittere und dennoch hoffnungsvolle Poesie erkennen, die den ganzen Film durchzieht. Dass man sich dabei mit Protagonist Romain durch seine zuweilen feindliche Einstellung, die sich der Identifikation entzieht, nur partiell anfreunden kann, wird durch Ozons Gespür, den Zuschauer zu bewegen ohne ihn emotional zu überfahren gut wettgemacht.
Fazit: Sehr gelungener und ernsthafter Film über die letzten Tage des Lebens. Emotional zuweilen etwas unterkühlt, aber inszenatorisch stark und atmosphärisch dicht ist Francois Ozon dabei mit „Die Zeit, die bleibt" ein lebensnaher, beinahe schon poetischer Kommentar zum Tod gelungen. Eine klare Empfehlung.