Jeden Tag sehen wir Dinge um uns rum, die vertraut erscheinen. Alltag, aus gutem Grund bezeichnet man die Normalität so. Erschreckend ist hierbei nur die damit verbundene Langeweile. Anders verhält es sich bei dem Unbekannten - dem, was wir nicht oft sehen, wenn überhaupt. Menschliche Mechanismen sind mitunter sehr einfach und Steven Spielberg belegt mit "Der weiße Hai", was es bedeuten, wenn man Denkschemata ausnutzt.
"Jaws" ist der Grund, weshalb ich mich immer noch fürchte, so unwahrscheinlich es auch sein mag, dass ausgerechnet mich ein Hai anfällt. Darum geht es auch gar nicht. Spielberg hat es wie kein anderer geschafft den Tierhorror in die Köpfe der Betrachter zu projizieren. In erster Linie ist es das Grauen vor dem Unbekannten. David gegen Goliath, wobei man den großen Krieger fast nie zu Gesicht bekommt. Der Regisseur nutzt das Terrain, die weiten des Meeres, um daraus ein Spielfeld im Kampf um das Leben zu generieren. Der Hai ist eine unbekannte Größe - im Gegensatz zum grandios monströsen, musikalischen John Williams Score. Töne wie ein Puls, der schlagartig erhöht ist, weil man etwas intuitiv ahnt. Urplötzlich, sobald die Spannung ins unermessliche steigt, greift das Unbekannte aus den Tiefen des Meeres zu und packt das Opfer. Menschen natürlich - sonst wäre es für den Betrachter abstrakt.
Heroisch begeben sich drei Leute unter der Führung Polizeichef Brody (Roy Scheider) auf einem kleinen Schiff auf die Jagd nach dem Biest. Ein kleiner Kutter, gemäß dem David-Goliath-Prinzip. Der übermächtige Hai gegen die kleine Gruppe Spezialisten, die im Rausch der vermittelten Angst, bald ihre Souveränität verlieren. Mit ihnen fiebert lediglich der Betrachter, auf dem weiten Schlachtfeld namens Meer.
Fiktion kollidiert mit der Realität. Haie - seien es weiße - greifen Boote an, was nicht ihrem Naturell entspricht. Überhaupt zeigt "Der weiße Hai", wie sehr die Gesellschaft sich seinerzeit schon von Filmen beeinflussen lassen hat. Vorher war nie die Rede von der großen Gefahr, ausgehend von Haien. Mittlerweile ist jeder Schatten das, was Spielberg in den 70er Jahren bebildert hat - das Grauen der Tiefe, der weiße Hai. Die Gefahr lauert, selbst am Mittelmeer. Urplötzlich stellen Haie eine Gefahr für Schiffe dar. Niemand vernimmt mehr rationales, Spielberg betäubt den Betrachter sukzessiv mit Angst.
Drei Spezialisten auf einem kleinen Boot gegen ein Ungeheuer, das man in all seiner Schrecklichkeit nur erahnen kann. Fässer, die am Ende einer Harpunenschnur befestigt sind, verstärken den Effekt atemberaubenden Spannung. Man sieht die Fässer, der Hai bleibt aber in der Tiefe. Abrupt schnappt er zu, die Fässer führen einen oftmals in die Irre. So simpel baut man einen Spannungsbogen auf. Dazu John Williams in individuellster Horror-Score-Manier. Alles mündet natürlich hin zu dem Eisberg, dem finalen Duell, das nur Sieger und Verlierer kennt. Bis dahin ergibt sich eine Strömung, die nicht mitreißend einleitet, sondern im Endeffekt fesselnd quält. Wir alle sitzen im Boot.
Es ist im Prinzip ein nahezu vollkommener Tierhorror, der sich seit den 70er Jahren in die Köpfe der Betrachter brennt. Etwas, wie unterschwellige Angst, die man nicht loswird. "Der weiße Hai" gleicht einer Erfahrung, die in ihrer Art und Weise immer wieder menschliche Urängste weckt. Hier sieht man den Grund, weshalb Horror geliebt, vergöttert und verteufelt wird. Jeder kennt sie, aber jeder geht damit anders um: Angst - Spielberg kennt die Mechanismen. Dementsprechend tanzt man im Boot der drei Protagonisten mit dem Teufel. Wer mag, wird dabei einen anrüchigen Spaß erleben. (9/10)