Review

Dieser Film wird für mich immer eine singuläre Bedeutung haben, aber interessanter weise war das nicht von vornherein offensichtlich.

Da ich Mitte der 70er Jahre noch eher selten ins Kino ging, kann ich mich an das Ereignis des damaligen Besuches in einem überfüllten Kinosaal noch sehr genau erinnern. Um "Der weiße Hai" gab es ein Medienecho, daß zu dieser Zeit noch sehr unüblich war und man richtete sich als argloser Zuschauer auf erhebliche Schrecken ein. Diese traten dann auch ein, aber insgesamt blieben die Schockmomente eher selten, so daß nach dem Kinobesuch zwar ein insgesamt positives Fazit gezogen wurde, aber erst einmal das Gefühl blieb, einem typischen Hollywood-Film beigewohnt zu haben - professionell, in seiner Block-Buster-Mentalität noch ungewohnt, aber eben auch etwas oberflächlich. Die tatsächlichen Qualitäten konnte man vor lauter Aufregung noch gar nicht wahrnehmen.

Zwar ist "Der weiße Hai" bis heute als Tierschocker exemplarisch, aber wenn Spielberg nur in diesem Punkt innovativ gewesen wäre, hätte dieser Film nicht die heutige Bedeutung. Wie bei allen Horror- oder Actionfilmen nähme das Interesse automatisch ab, sobald einem die Storyelemente vertraut sind - die Szenen, in denen der Hai plötzlich auftaucht oder irgendein abgetrenntes Körperglied aus dem Nichts erscheint, können heute kaum noch erschrecken. Doch Spielberg gelang mit diesem Film ein Gesamtkunstwerk, daß bei jedem wiederholten Sehen noch mehr begeistert.

Zuerst einmal muß man sich immer wieder vor Augen führen, daß der Film mehr als 30 Jahre alt ist, denn es ist außer an wenigen optischen Elementen wie der zeitgenössischen Kleidung nicht zu erkennen. Die Bildqualität ist von einer Klarheit, die szenische Abfolge von einer Ordnung, so daß man feststellen muß, daß in dieser Hinsicht seit dem kaum Verbesserungen erreicht wurden.

Vor allem aber wirkt jedes Bild in einer atmosphärischen Dichte, daß man den Eindruck hat, Spielberg habe sich für jede Einstellung ewig Zeit gelassen. Dabei spielt das Licht eine wesentliche Rolle - egal ob Sonnen - Auf- oder Untergang, ob hellichter Tag oder silbriges Mondlicht, immer fängt die Kamera ein Gefühl für die jeweilige Stimmung ein, selten wurde mir ein an sich fremder Ort wie diese Insel so vertraut.

Schon die ersten Szenen, bei denen man junge Leute am Strand um ein Lagerfeuer herumsitzend beobachtet, sind so inszeniert, als wären man selbst dabei.

Die Wellen rauschen leicht, der Abendwind umstreicht die Haare und das Mädchen taucht nackt in die Fluten ein, um ein paar Züge auf dem fast glatten Meer im Gegenlicht der Abendsonne zu schwimmen. Idyllischer und natürlicher könnte die Szene kaum sein. Um so größer ist der unbekannte Schrecken, der darüber hereinbricht und der durch die berühmten zwei Cello-Töne angekündigt wird. Und der genauso schnell wieder verschwindet - das Meer ist ruhig und der Strand versinkt langsam in der Dunkelheit...

Ohne die Kamerastellung zu verändern, sieht man das selbe Bild plötzlich im hellen Sonnenschein.

Schon alleine diese ersten Momente des Films sind so überragend, daß man gar nicht mehr weiter gucken bräuchte, wenn es denn nicht noch eine Vielzahl weiterer Szenen dieser Qualität gäbe.

So zum Beispiel als wir dem müden und von den fruchtlosen Diskussionen mit dem Bürgermeister angeschlagenen Chief (Roy Steiger) dabei zusehen, wie er am Strand sitzt und versucht, seinen Blick nicht vom Wasser zu wenden. Im Gegensatz zu den fröhlich badenden Gästen, erwartet er ständig ein Auftauchen des Ungeheuers und wir mit ihm. Spielberg läßt uns seinen Blickwinkel einnehmen, der immer wieder von Gesprächspartnern oder vorbeigehenden Personen gestört wird. Genauso aufmerksam wie er hören wir genau hin und müssen feststellen, daß es am Strand eine Unmenge Geräusche gibt, die fröhlich sind, aber für einen angespannten Beobachter wie Hilfeschreie oder Anzeichen eines Unglücks klingen. Doch der tatsächliche Angriff kommt lautlos daher...

Spielberg setzt mit seinem Film eine Buchvorlage des damaligen Erfolgsautors Peter Benchley um, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hatte. Benchley betonte in seinem Buch stärker die gesellschaftlichen Verwicklungen auf der Insel. Das eigenbrötlerische Verhalten der Inselbewohner, die im Grunde Niemanden von außerhalb akzeptieren. Natürlich auch die Geschäftsinteressen, die auch über Leichen gehen. Das Alles kann man auch in Spielbergs Film erkennen, aber in Benchleys Buch wird viel deutlicher, warum sich der Chief mit seinen Ansichten nicht durchsetzen kann. Seine Einsamkeit spielt hier eine große Rolle, die auch zu einer Affäre führt und die Beziehung zu seiner Frau gefährdet.

Das Spielberg die charakterliche Zeichnung des Chiefs eher beschränkt hat und auch die politische Botschaft weg ließ, die damals deutlich auf die amerikanische Vietnam-Vorgehensweise anspielte mit der Unterschätzung eines Gegners, der in seinem natürlichen Element dem Eindringling deutlich überlegen ist, kommt dem Film heute sehr zu gute. Die Zeitlosigkeit oder besser auch heute noch innovative Wirkung des Films liegt genau darin, daß sich Spielberg auf das beschränkte, was er am besten kann und hier auch am besten umsetzte - das Schaffen einer natürlichen dichten Atmosphäre, die wunderschön ist und von einer unbekannten Macht bedroht wird.

Bis zur letzten Szene, die nur einen Strand zeigt, auf den eine leichte Strömung ihre Wellen schlagen läßt - ein Bild, dem man ewig zusehen möchte...(10/10).

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