"Jaws" steht immer noch auf meiner Top-Ten-Liste der besten Filme und es sieht so aus, als würde er sämtliche Lebensphasen dort auch überstehen, ohne daß mein zunehmendes Alter (Reife?) ihm etwas anhaben könnte.
Jaws ist filmische Perfektion in so ziemlich allen Punkten: Inszenierung, Regie, Buch, Schauspieler, Spannung, Musik, Action und Effekte. Daß er darüber hinaus auch noch von Spielberg ist, stimmt ebenso fröhlich wie traurig, denn in meinen Augen ist Spielberg mit keinem weiteren Film seinem bissigen Kino-Erstling (Duell/Sugarland Express mal nicht mitgerechnet)auch nur in die Nähe des weißen Hais gekommen.
Das fängt bereits bei der ersten Sequenz an, die zeigt, wie eine junge Frau Opfer des Fisches wird. Im atmosphärisch ausgezeichneten Morgenlicht, in absoluter umgebender Stille gehalten, gibt nur eine Boje in der Nähe Glockentöne von sich, als das Girl schreiend gefressen wird. Taktisch günstig sieht man nicht einmal einen Schatten von dem Vieh, nur die auf- und abpulsierende Musik deutet auf seine Existenz hin.
Und so hält Spielberg den Zuschauer über die erste Filmhälfte hin, bis er den weißen Riesen dann im letzten Drittel richtig enthüllt. Mal ist er nur als Punkt auf dem Echolot erkennbar, mal sieht man eine Rückenflosse oder einen gigantischen Schatten im seichten Wasser. Statt Effekten inszeniert Spielberg nun erst einmal die Auswirkungen eines Hai-Angriffs auf dem platten Land mit all seinen Facetten und Reaktionen. So schürt er Erwartungen und diese schüren wiederum Emotionen. Zwischendurch präsentiert er uns immer wieder ein Opfer, damit wir dranbleiben (besonders grausam: ein kleines Kind, daß in einer Ferienstrandidylle von seiner Luftmatratze gezerrt wird) und führt langsam aber sicher die Hauptfiguren ein, die im Freudschen Sinne für ES, ICH und ÜBER-ICH stehen: den animalischen Tierfänger Quint (Robert Shaw), den grundsoliden und wasserscheuen Polizeichef Brody (Roy Scheider) und den emotionalen Meeresbiologen Matt Hooper (Richard Dreyfuss). Nachdem der Fisch dann die vom Land aus mit ihm kämpfenden Menschen endgültig besiegt hat, verlagert das Script das Geschehen auf die "andere Seite". Jetzt wechseln die Menschen aufs Meer hinaus, wo natürlich der Fisch alle Vorteile hat. Obwohl mit einem guten Boot, ausreichend Waffen und hilfreicher Technik ausgerüstet, wird der Fisch noch immer in seiner Intelligenz unterschätzt, während die drei Menschen mit ihren unterschiedlichen Methoden und Ansichten, die durchaus konkurrieren, langsam aber sicher scheitern.
Das Schlußdrittel, daß dem Kampf Technik gegen Natur gewidmet ist, kann an Dramatik kaum noch gesteigert werden, wenn das Boot langsam aber sicher zerstört wird und die sorgsam geplanten Fallen alle nicht funktionieren. Schließlich reduziert sich der Kampf auf das bloße Menschsein in Form von Brody, der das Tier schließlich überwinden kann. Jeder der Hauptdarsteller gibt eine wunderbare Vorstellung, jeweils einen ganz individuellen Typen, der in aller Ruhe ausgespielt wird. So werden Abziehbilder, die man den Effekten opfern kann, vermieden.
Trotzdem gibt es einiges zu sehen, auch wenn Spielberg bis ganz zum Schluß es vermeidet mit der Kamera voll drauf zu halten. Es fließt aber ordentlich Blut, es gibt zerbissene Leichen und abgetrennte Körperteile und die Spannung tut ihr übriges. Und wenn es hart auf hart kommt, springt immer wieder trockener Humor ins Bild, der vollkommen in die Handlung integriert ist.
Ein Filmfest, wie es im Buche steht. Für mich der Film, den ich immer sehen kann. Und immer öfter. (10/10)