Obwohl schon genügend gute Worte über diesen Film gefallen sind, muss ich auch noch mal meinen Senf dazu geben.
"Der weiße Hai" ist der mit absoluter Sicherheit am häufigsten von mir gesehene Film. Wie viele Dutzend Male ich unserem bissigen Sportsfreund gebannt zugeschaut habe, kann ich gar nicht mehr sagen.
Die Story sollte auch hinreichend bekannt sein und so komm ich zum Eingemachten: der Lobhudelei.
Dieser Film ist so dermaßen hervorragend gemacht, dass es der gute Steven Spielberg seitdem nicht mehr geschafft hat, einen Film mit ähnlich bleibender Wirkung zu drehen. Abgesehen von den schicken und bunten Indiana Jones-Filmen hat der Mann meines Erachtens nur noch Mist hervorgebracht.
Dabei scheint der Mann ein unheimliches Gespür zu haben, wenn es darum geht, mit Kameraeinstellungen Spannung zu erzeugen. Denn das wird in "Jaws" zelebriert bis die Schwarte kracht. Allein die Szene in der Chief Brody am Strand sitzt und sorgenvoll aufs Wasser hinaus starrt, da er einen neuen Angriff des Hais befürchtet. Die Kamera und Schnitttechnik in dieser Sequenz ist der Hammer und gipfelt in einer Mischung aus Kamerafahrt auf Brody zu und einem Negativzoom, der den Hintergrund parallel dazu erweitert. Dazu die bohrende Musik von Williams. Genial. Diesen Kameraeffekt hat Hitchcock in "Vertigo" schon benutzt, um Schwindelanfälle zu verbildlichen.
Da wirken die Unterwasseraufnahmen aus Haiperspektive mit passender hämmernder Untermalung durch eines der eingängigsten und unvergesslichsten Themen der Musikgeschichte beinahe schon langweilig. Dennoch erwischt man sich dabei, bei Unterwasseraufnahmen, in welchem Film auch immer, im Geiste die Musik hinzuzufügen.
Die Grenze der Wasseroberfläche wird die optische Grenze zwischen Licht, freier Sicht und letztlich Leben und dem nicht erkennbaren Dunkel unter der Oberfläche. Dort ist ist ein lebensfremder und menschenfremder Raum, dort lauert der Tod. Begib dich ins Wasser und du begibst dich in den Tod. Diese semantische Aufladung des Elements Wasser wird so gekonnt inszeniert, dass jedem, der diesen Film gesehen hat, im Anschluss ein Bad in dunklem Gewässer doch schwer fallen dürfte. Was lauert da im Dunkel?
Ein Vorteil des Films ist dabei ein Hai, den man über weite Strecken gar nicht sieht. Ob dies dem Umstand zu verdanken ist, dass der Papphai damals die meiste Zeit defekt war und Spielberg so improvisieren musste oder ob dies von vornherein so geplant war sei dahingestellt. Aber Spielberg synonymisiert den Tod in seinen Filmen ja immer ganz gern und deutet Bedrohung in Zeichen an.
Der Hai präsentiert sich in einem plötzlich fehlendem Hund und seinem allein im Wasser treibenden Stöckchen, in einem hinterhergezogenen Bootssteg, der auf einen Mann im Wasser zuschwimmt, durch gelbe Luftkanister und natürlich durch die subjektive Unterwasserkamera. Die Unmittelbarkeit der Bedrohung wird durch den stumpfen und sich steigernden Halbtonwechsel der Musik gezeigt.
Ein reiner Horrorfilm is "Jaws" jedoch nicht. Die zweite Hälfte des Films gestaltet sich als Männerabenteuer dreier ungleicher Charaktere, die gegen die Naturgewalt ausziehen. In dem extrem reduzierten Lebensraum des Bootes inmitten der lebensfeindlichen Welt kommen sich die drei Männer näher und die Figuren werden intensiv ausgearbeitet. Vor allem Robert Shaw, der ruppige Seebär, der noch am ehesten in dem lebensfernen Raum existieren zu können scheint, glänzt hier. Die Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg, die seinen Hass auf das Tier erklärt, zeigt ihn als traumatisierten Haudegen, der seinem Trauma direkt ins Auge blicken und es auslöschen möchte.
Dreyfuss ist der Wissenschaftler aus gutem Hause, der aus reinem Naturinteresse mit an Bord ist.
Chief Brody ist ein Flüchtlling, der vor den Problemen davonläuft
und aus diesem Grund überhaupt auf der Insel ist. Deshalb ist er auch das Gegenstück zu Quint, obwohl die Reibereien zwischen Quint und Hooper ausgetragen werden.
Während Quint dem Hai zum Opfer fällt, ist es letztlich der feige Chief, der in letzter Konsequenz durch die richtige Idee und seinen Überlebenswillen das Ungeheuer besiegt. Zu diesem Moment scheint es zwischen Hai und Brody schon persönlich zu sein: "Fahr zur Hölle du Schwein!"
Der Moment, in dem sich der Hai erstmals direkt zeigt, ist ebenfalls legendär und durch die unerwartete Situation des Auftauchens, der keine Spannungskurve vorangeht, wird der Eindruck der permanenten Gefahr im Wasser noch verstärkt. "We gonna need a bigger boat!" Chief Brody fühlt sich angesichts der Bedrohung auf dem reduzierten Lebensraum nicht sicher und der Gefahr ausgesetzt. Konsequenter Weise behält er Recht und der Hai versenkt nach und nach das Boot. Kurz bevor der Chief jedoch die Grenze von Luft und Wasser, von Leben und Tod, überschreitet, fällt der erlösende Schuss.
Der Wissenschaftler Hooper überlebt ebenfalls, obwohl er komplett in die Tiefe des Wasser eingedrungen ist. Das erklärt sich in der Tatsache, dass er sich der Bedrohung stellt, sich aus Neugier und Vernunft ("Haben sie eine bessere Idee?") in eine Situation begibt, in der er die Oberfläche hinter sich lässt und versucht, sich dem Raum des Hais anzupassen. So kann er sich der Gefahr stellen, indem er sie für sich identifiziert, sich in Blickkontakt begibt und das Monster zu dem macht, was es ist. Ein Tier und kein allmächtiges Überwesen. So trickst er in der Bedrohungssituation den Hai einfach aus und versteckt sich zwischen Felsen.
Der Rationalist und der ängstliche und vorsichtige, zum Schluss jedoch beherzte Polizist und Familienvater schwimmen so zum Schluss zurück an das sichere und lebensnahe Land.
Die Angst vor dem Wasser und dem lauernden Tod funktioniert den ganzen Film über hervorragend und nach dem Angriff auf Brody's Sohn wechselt der Film von Horror zu Abenteuer. Selbst dieser kleine Moment, wenn Chief Brody zu der heldenhaft klingenden Musik aufs Wasser hinausschaut und man die unendliche Weite des Meeres sieht, erzeugt Gänsehaut.
Meiner Meinung nach hat Steven Spielberg hier sein nicht mehr zu überbietendes Meisterwerk abgeliefert und gleichzeitig den besten Hollywoodfilm aller Zeiten. Hier stimmt alles. Die Schauspieler, die Kamera, die Musik. Ein Film in Perfektion. Da stört es auch nicht sonderlich, dass der Hai nicht so wirklich echt aussieht und sich auch nicht wirklich naturgetreu verhält.
See it - before you go swimming!
VORSICHT: Die DVD hat eine neue Synchronisation erhalten. Die ist scheiße! Am besten man findet noch eine mit Mono-Tonspur. Die in 5.1 ist neu und Chief Brody hat die Stimme von Eddie Murphy. Scheußlich!