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F. Murray Abraham spielt den italientischen Komponisten Antonio Salieri, der sich seine Stellung als angesehener Musiker in Wien hart erkämpft hat und seiner Meinung nach durch seinen starken Glauben auch verdient hat. Doch dann lernt er den ordinären, unmoralischen Mozart, gespielt von Tom Hulce, kennen, der mit einem musikalischen Talent gesegnet ist, wie kein anderer, woran sein gesamtes Weltbild zerbricht. Auf der einen Seite bewundert er Mozart und kann von seiner Musik gar nicht genug bekommen, auf der anderen Seite beginnt er, vom Neid getrieben, Mozart hinter dessen Rücken zu sabotieren.

Mozart. Ein Begabter, dessen Musik die Jahrhunderte überdauert hat. Ein Komponist, der auch heute noch bekannter ist, als kaum ein anderer. Ein Musiker, der nach wie vor als Inbegriff eines Genies gilt. Ein Mythos, der praktisch unantastbar, über jeden Zweifel erhaben und jede Kritik resistent ist.

Doch Milos Forman, der bereits mit "Einer flog über das Kuckucksnest" Filmgeschichte geschrieben hatte, entmystifiziert Mozart hier, genauso, wie Salierie, der nach wie vor zu Unrecht als großer Neider Mozarts gilt aufs heftigste, so treten hier ein vom Neid zerfressener, späterer Psychopath und ein nerviger, ordinärer Halbstarker auf. Und so funktioniert die Pseudo-Biografie, die zumindest musikalisch versucht, dem Zuschauer das Genie und sein Werk näher zu bringen, auch hervorragend, vermutlich besser, als wenn Forman versucht hätte, eine sauber recherschierte und realitätsgetrue Biografie auf die Leinwand zu bringen.

Dabei ist vor allem der Einfall, die Geschichte Mozarts, sein Schaffen in Wien, aus der Perspektive seines Neiders Salieri zu erzählen. Dabei fesselt die Charakterstudie des italientischen Komponisten bereits von Anfang an, wenn er als gebrochener alter Mann auftritt und seine schließlich beginnt seine Geschichte zu erzählen. Der innere Konflikt zwischen der Bewunderung von Mozarts Musik, der Gier nach dessen Kompositionen, der Verehrung für dessen perfekte Musik, wie er sie noch nie derart vollkommen hatte hören dürfen und seiner Eifersucht auf Mozart, seinen Neid, sein Unverständnis darüber, weswegen ausgerechnet er mit einer solchen Gabe gesegnet wurde, das Gefühl von Gott gewissermaßen übergangen worden zu sein, ist derart hervorragend konstruiert und umgesetzt, dass man bisher selten einen derart gelungenen Einblick in einen zerissenen Charakter erhalten hat, der sich mit Mozart gewissermaßen selbst zerstört.

Auf der anderen Seite wäre der nervtötende, ordinäre Mozart, der allein schon aufgrund seiner nervigen Art zu Lachen binnen kürzester Zeit wie Karikatur des bekannten Komponisten wirkt. Dabei wird seine Beziehung zu Constanze Mozart aber durchaus tiefer konstruiert, genauso, wie sein Drang, in der Musik neue Wege zu beschreiten und gegen alle Konventionen seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Besonders gelungen ist dabei auch die problematische Beziehung zu seinem Vater die ihn praktisch über den Tod hinaus verfolgt und schließlich auch ins Grab bringt, geschildert. Die Geschichte rund um Mozart und Salieri ist dramaturgisch ebenfalls gelungen gestrickt und so überzeugt "Amadeus" als Charakerstudie, besonders von Salieri, auf ganzer Linie.

Die komplexe, zerissene Figur des Salieri wird von F. Murray Abraham überlebensgroß auf die Leinwand gebracht. Den Selbsthass, den Neid, die Bewunderung, wirklich alle Gefühlsregungen bringt Abraham in der mit Abstand besten Leistung seiner Karriere, für die er vollkommen zu Recht mit dem Oscar prämiert wurde, auf die Leinwand und überzeugt zudem auch als gebrochner Mann in der Rahmenhandlung. Dabei zieht er mit seinem durch und durch unmenschlichen Kalkül, mit dem er die Vernichtung Mozarts anstrebt, sowohl Antipathie auf sich, erregt in seinen schwachen, emotionalen Momenten aber auch Mitleid und Verständnis für seinen ambivalenten Charakter und mehr kann man von ihm kaum erwarten. Daneben zeigt auch Tom Hulce als nerviger Mozart eine gelungene Darstellung, die dann aber doch an einer gewissen Überstrapazierung der Figur krankt. Auch die Nebendarsteller zeigen rundum überzeugende Darstellungen, wobei sich besonders Elizabeth Berridge als starke Frau an Mozarts Seite überaus positiv hervortut.

Aber nicht nur die Story ist überzeugend, sondern auch die überaus opulente Inszenierung. Die Gaderobe, die Kulissen, die sonstige Ausstattung, die eindurcksvollen Aufführungen der verschiedenen Opern Mozarts, berschehren über die volle Laufzeit einen visuellen Rausch, von dem man sich kaum abwenden kann. Die äußere Opulenz, die Forman perfekt einzufangen versteht, ist durchgehend beeindruckend und das Ansehen des Films im Grunde allein schon wert. Unterlegt ist "Amadeus" selbstverständlich mit Mozarts Stücken, die den Eindruck der außergewöhnlichen audiovisuellen Größe des Films noch weiter erhöht und zu jedem Zeitpunkt perfekt in das Geschehen eingearbeitet ist, sodass sie auch denen, die mit klassicher Musik, so wie ich, wenig anfangen können, im Film nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie die einzig richtige musikalische Untermahlung erscheinen wird.

Fazit:
Was Milos Forman hier audiovisuell auf die Leinwand bringt ist beinahe erdrückend opulent und in der Filmgeschichte nahezu einmalig. Dich hinter der äußeren Größe überzeugt sein Meisterwerk auf ganzer Linie mit zwei hervorragend ausgearbeiteten Charakteren, von denen besonders der zerrissene Salieri, überragend von F. Murray Abraham verkörpert, sehr eindrucksvoll konstruiert ist.

92%

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