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(Director's Cut)

Antonio Salieri, einst geschätzter Komponist am Hof von Joseph II., wird nach einem Selbstmordversuch in einer Anstalt untergebracht. Dort erzählt er einem Priester die Geschichte, wie er auf Wolfgang Amadeus Mozart traf. Zerrissen zwischen Bewunderung und Neid schildert er aus seiner Sicht Ereignisse aus dem Leben des Komponisten und wie er sich an dessen Niedergang schuldig gemacht hat.

Und hier wäre dann auch das große Ausrufezeichen, das der von Milos Forman inszenierte Film vor sich herträgt. Abarbeiten kann man sich durchaus an der historischen Korrektheit. Denn diese ist nicht so recht gegeben. Was daran liegt, dass es sich hier nicht um eine klassische Biographie des bekannten Komponisten aus Salzburg handelt. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Shaffer und schon dieses schildert die Geschichte aus der Sicht von Salieri. Und so ist es auch hier, sind es doch oft Szenen, bei denen dieser zugegen ist. Das jedoch nicht immer und dies kann mitunter irritierend sein, mag man ihm die Kenntnis von manchen Ereignissen so doch absprechen. Dramaturgisch und um der Erzählung willen ist das aber nachvollziehbar. Letztlich ist dies hier auch eher eine Interpretation denn ein Tatsachenbericht und so auch ein durchaus interessanter Ansatz. Dennoch bevorzuge ich die Nähe zur Historie und an dieser mangelt es hier. Viele Stationen im Leben Mozarts haben sich nicht so oder überhaupt zugetragen, hier wird hinzu- und umgedichtet und Figurenkonstellationen erschaffen. Allen voran das Verhältnis zwischen den beiden Komponisten und man könnte hier allerlei weitere Abweichungen aufzählen. Arrangiert man sich jedoch damit, dass Formans Streifen eben auf dem erwähnten Theaterstück basiert und  eine Verfilmung dessen und nicht direkt von Mozarts Leben ist, so hat „Amadeus“ einiges zu bieten.

Offensichtlich ist da die Ausstattung, geradezu verschwenderisch ist das Produktionsdesign und lässt diese Epoche lebendig werden. Dazu kommt ein formidabel aufspielendes Ensemble. Im Zentrum steht dabei F. Murray Abraham als Antonio Salieri, zurecht mit einem Academy Award bedacht. Sowohl in den Rückblenden, als auch als gealterter Mann liefert er eine einnehmende Leistung, vermag die Szenen ohne große Gesten zu dominieren. Eine herausragende Arbeit. Dem gegenüber hat Tom Hulce als Mozart den lebhafteren Part, den er auch breit angelegt ausfüllt. Mal energetisch, mal verspielt, mal zweifelnd. Vielleicht etwas drüber, wieder in dem Wissen, dass die reale Person nicht unbedingt so geformt war.
Man kann über die Darstellungen generell nichts Schlechtes sagen, von Elizabeth Berridge als Mozarts Frau Constanze, Jeffrey Jones als Joseph II. bis zu Cynthia Nixon in einer kleinere Rolle als Magd Lori – der Kostümfilm als vom Ensemble getragenes Theater funktioniert hier ausgezeichnet.

Und dann ist da natürlich noch die Musik selbst. Diese besteht hier erwartbar überwiegend aus Mozarts Kompositionen und die hier verwendete Einspielung diente insofern als Grundlage für den Film, als dass dieser um die Musik herum gedreht wurde. Das macht sich in dem Rhythmus bemerkbar, den Bild und Ton ausstrahlen. Auch gibt es diverse Ausschnitte von Aufführungen der Opern zu sehen, wobei es zu kritisieren ist, dass zwar die italienischen Libretti auch im Film so beibehalten wurden, die in Deutsch verfassten Stücke aber auf Englisch wiedergegeben werden. Was insofern noch merkwürdiger ist, als dass sich eine ganze Sequenz um die Diskussion dreht, dass man doch auch einmal eine Oper in deutscher Sprache verfassen möge. Die Musik selbst ist dennoch über jeden Zweifel erhaben und man merkt dem Film, den Figuren und den Machern die Ehrfurcht vor der künstlerischen Leistung Mozarts zu jeder Sekunde an.

Formans „Amadeus“ ist, rein als filmisches Produkt betrachtet, ein großes Werk. In seinen drei Stunden kommt es kaum zu Leerlauf, er ist überraschend kurzweilig und voll mit der wunderbaren Musik des titelgebenden Komponisten. Jede Note wird hier abgefeiert und wenn die beiden Hauptcharaktere die Takte lesen, sie dabei in Gedanken Musik werden lassen, dann transportieren diese Sequenzen eine unglaubliche und doch spürbare Liebe zur Musik.
Man darf nur nicht vergessen, dass es keine korrekte Biographie ist, sonst wird man damit wenig Spaß haben. Doch selbst, wenn man dies bedenkt, tut das Werk ein bisschen weh. Wie verschwendet scheint die Opulenz, die Ausstattung und Wirkung in solch einem Ausmaß an Fiktion. Anderseits wäre uns ohne diese ein wunderbarer F. Murray Abraham entgangen. Und so sollte man das Ergebnis letztlich als das sehen, als was es konzipiert war. Ein aufwendiger Kostümfilm mit einem tollen Ensemble und der unsterblichen Musik eines Ausnahmetalents.

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