Review

(Enthält Spoiler)


Als die ersten Romane der französischen Schriftstellerin thailändischer Herkunft Emmanuelle Arsan 1959 verlegt wurden, konnte sie freilich nicht ahnen, welche populäre Galionsfigur der Freien Liebe sie mit ihrer Hauptfigur erfand. Ihre Emmanuelle-Serie um die sexuellen Eskapaden einer jungen Frau wurde trotz starker Zensurvorschriften ein großer Erfolg und zog 1969 die erste, wenig erfolgreiche Verfilmung (Io, Emmanuelle) nach sich. Erst 1974, mit Sylvia Kristel in der Titelrolle und unter der Inszenierung von Just Jaeckin, war mit dem kommerziellen Erfolg von Emmanuelle eine erfolgreiche Filmreihe geboren, die bis 1993 sechs offizielle Fortsetzungen und zahlreiche Ableger wie die Black Emanuelle-Reihe (welche aus rechtlichen Gründen nur mit einem „m" geschrieben wurde) mit Laura Gemser nach sich zog.

Die gängige Vermutung trifft dabei auch bei Emmanuelle zu: Der erste Teil der Reihe sollte gleichzeitig auch der beste bleiben. Der erotische Ästhetizismus errang mit dem Fortgang der Reihe gleichzeitig neue Höhepunkte, was die Fotografie und Inszenierung sinnlicher Softsex-Szenen anging, als auch neue Tiefpunkte, welche die Sinnhaftigkeit der Handlung der Filme betraf, die sich zusehends auf eine notdürftige Verknüpfung von Erotikszenen verstand. Der erste Teil der Reihe suhlt sich nun in seiner moralischen Anrüchigkeit; allerdings ohne diese nur zu praktizieren (was innerhalb der dargestellten Promiskuität ein Leichtes gewesen wäre), sondern gleichsam zu reflektieren mit teils prätentiösen, teils wirklich moralphilosophischen Dialogen um Sexualethik und -moral und wie diese überholt zu sein scheinen in einer aufgeklärten, modernen Gesellschaft, die fernab der Meinung und der Presse endlich auch die Liebe befreit zu haben scheint.

Just Jaeckins Film könnte man jedoch auch als naiven Tabubruch-Film betrachten, der gegen die Gesellschaft der frühen 60er Jahre und deren Sexualmoral rebelliert. Gleich zu Beginn sehen wir, wie sich die naive Emmanuelle (Sylvia Kristel) in ihrer Pariser Wohnung räkelt, bevor sie in das Flugzeug steigt, um zu ihrem Mann Jean (Daniel Sarky) nach Thailand zu reisen. Dass sie mit Jean in wilder Ehe zusammenlebt, in welcher jedem seine - auch sexuelle - Freiheit zugestanden wird, wird ganz beiläufig in einem Massagesalon erwähnt. Als Emmanuelle sich zu anderen Ehefrauen an den Swimming Pool gesellt, erfahren wir, dass Emmanuelle ihren Mann noch nie betrogen habe - denn Betrug ist in ihrer sexualliberalen Moralvorstellung nicht „Fremdgehen" in dem Sinne (wie wir später erfahren), sondern Belügen und Verschweigen. Und das hat sie auch nicht getan, als sie im Flugzeug Sex mit zwei fremden Männern hatte.

Monogamie, exklusive Zweierbeziehung, Besitzanspruch und Keuschheit sind der Sexuellen Revolution anheim gefallen, wobei Emmanuelle durch einen denkwürdigen Dialog auf der Veranda zwischen der jungen Marie-Ange (Christine Boisson) und Emmanuelle um ihre Defloration mit dem Erwähnen einer Statistik Erinnerungen an den ersten deutschen Schulmädchen-Report-Film wachruft. Inwieweit jedoch der Film einerseits ganz im Sinne der Zeit die Sexuelle Revolution thematisiert oder im Sinne der von Emmanuelle Arsan in ihrer Romanvorlage ersonnenen Sexualutopie steht, in welcher die beiden Geschlechter unter einer Philosophie des Erotismus freisinnig miteinander umgehen, bleibt an dieser Stelle ungeklärt.

Der Film kann sich im weiteren Verlauf nicht entscheiden, ob er nun das Zusammenfallen von Erotik und Liebe oder das pure, rationale Ausleben der Lust (Sex) propagiert. Jean vermisst zusehends seine Frau, als sie in einer lesbischen Beziehung mit der erst liebevollen, dann zurückweisenden Archäologin „Bee" (Marika Green) über Tage hinweg anbändelt und Zeit verbringt. Diese für Emmanuelle schöne Zeit des Erwachens von Liebesgefühlen für eine Person eigenen Geschlechts wird empfindlich dadurch gestört, dass „Bee" sie letztendlich zurückweist, da sie keine Gefühle empfindet und sich dem rationalen Ausleben der Libido verpflichtet sieht, die auch Jean zuvor und kurioserweise auch nach der ersehnten Rückkehr seiner Frau propagiert. Die schmerzliche Erfahrung des Sex ohne Liebe soll also im letzten Viertel des Films - nachdem Jean seine Frau in die Hände des alten Lüstlings Mario (Alain Cuny) übergeben hat - dazu führen, dass Emmanuelle in dessen „Schule der Lust" die Liebe lernt, wobei diese auf transzendentalem Wege über den Körper hin zum Geist führt. Diese rätselhafte philosophische Überlegung wird leider nicht wirklich plausibel vorgetragen und erschöpft sich in Phrasen wie „Frauen, die im Ehebett geschwängert werden, haben keine Ahnung von Erotik."

Emmanuelle
ist im Rahmen der Zeitumstände seiner Entstehung zu betrachten und als solcher Film außergewöhnlich. Der Film ist sinnlich fotografiert mit attraktiven, meist leicht bekleideten Frauen vor imposanter Urlaubskulisse und in warmen Farben. Allerdings erliegt Regisseur Just Jaeckin - der nur ein Jahr später mit seiner Verfilmung der skandalösen Sadomaso-Fantasie Histoire d'O um weibliche Unterwürfigkeit für Aufsehen sorgte - nie der Versuchung, eine unsichtbare Grenze zu überschreiten: Jener zwischen sinnlicher Soft-Erotik und Hardcore-Sexfilm, obwohl er phasenweise unnötig lange auf den entblößten weiblichen Protagonisten verharrt. Inhaltlich hingegen ist der Film eher fragwürdig, wenn auch nicht frei von durchaus reflexionswürdigen philosophischen und sexualethischen Überlegungen, die Emmanuelle letztendlich Relevanz verleihen. Auch wenn diese kaum vom regelrecht zelebrierten erotischen Ästhetizismus abzulenken vermögen (6/10).

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