„Es wird höchste Zeit, dass du dir einen Liebhaber zulegst, wenn du eine richtige Frau werden willst!“
Von „Emmanuelle“ alias „Emanuela“, in die der deutsche Verleih sie umtaufte, hat wohl fast jeder schon mal gehört: Die französische Diplomatengattin, die sich in diversen sexuellen Abenteuern wiederfindet. Erdacht von der tatsächlichen französischen Diplomatengattin Marayat Rollet-Andriane, die unter dem Pseudonym Emannuelle Arsan im Jahre 1959 einen Bestseller der erotischen Literatur schuf; vermeintlich erstverfilmt 1969 von Cesare Canevari („Io, Emmanuelle“, in Wirklichkeit ließ sich der Film anscheinend wenn überhaupt nur leicht von Arsan inspirieren), ohne größere Beachtung zu erlangen – neuverfilmt aber vom Franzosen Just Jaeckin im Jahre 1974, der damit nicht nur den Softcore-Erotikfilm salonfähig machte und in die Mainstream-Kinos geleitete, sondern auch mit einem 500.000-Dollar-Budget weltweit über 100 Millionen Dollar einspielte und seine Hauptdarstellerin Sylvia Kristel, gerade Anfang 20, zum Star machte.
Nun wurde die Romanvorlage wie erwähnt von einer Frau verfasst, während der Film von Männern produziert und inszeniert wurde. Da ich weder die Romanvorlage noch die genauen Intentionen der Autorin kenne, werde ich mich mit dieser Kritik sicherlich zwangsläufig in die Nesseln setzen. Andererseits hält sich das Gerücht, der wahre Autor sei Rollet-Andrianes Ehemann gewesen…
„Es ist unglaublich, wie viele Leute im Flugzeug bumsen!“
Emmanuelles Ehemann Jean (Daniel Sarky, „Asphalt“) ist in Thailand als Diplomat tätig, woraufhin sie ihm dorthin folgt. Dort lernt sie zunächst eine ganze Reihe gelangweilter europäischer Frauen kennen, die Emmanuelle in ihre sexuellen Spielchen einzubeziehen versuchen. Mit der Fotografin Bee (Marika Green, „Pickpocket“) jedoch unternimmt sie eine Bootsfahrt, reitet mir ihr aus und geht baden, besucht eine Strip-Bar – und treibt es auch mit ihr. Die Gefühle, die sie für Bee entwickelt hat, werden jedoch nicht erwidert. Emmanuelles Squash-Partnerin versucht ihr immer wieder, den alternden Sexguru Mario (Alain Cuny, „Die Macht und ihr Preis“) schmackhaft zu machen, den Emanuelle schließlich aufsucht. Dieser will sie in die höhere Kunst der Liebe und der Sexualität einführen und lässt sie zu diesem Zwecke von Indios in einer Opiumhöhle vergewaltigen…
„Das ist ein furchtbares Land!“
Ein verträumter, typisch französischer Chanson als Titelmelodie, eine auf den ersten Blick erschreckend dürre Sylvia Kristel sowie eine Massage und Gelaber über Sex im Flugzeug – schon befindet man sich in der Scheinwelt der Oberschicht, von Sozialschmarotzern, durch die man eigentlich mit dem MG mähen sollte. Contenance, tief durchatmen, ein bisschen zurückrudern und noch einmal versuchen, sich auf den Film einzulassen… Von vorn: Emmanuelle landet also in Bangkok und erleidet zunächst einmal einen Kulturschock. Dem Zuschauer drängen sich derweil die Exotik, das sonnige Ambiente und die schwelgerischen Landschaftsaufnahmen auf, die Urlaubsstimmung verbreiten. Emmanuelle und ihr Mann residieren luxuriös und treiben’s erst einmal vor den Augen der Belegschaft, die sie dadurch derart aufgeilen, dass sie übereinander herfällt. Später findet sich Emmanuelle in einer Weibertratschrunde wieder, in der man sie zu verführen versucht. Die Szene mündet in sehr hübschen Unterwasser-Nacktaufnahmen Emmanuelles im Schwimmbecken. Zu einem anderen Zeitpunkt besucht eine der Damen Emmanuelle und beginnt, vor ihr zu masturbieren, bis auch Emmanuelle einsteigt und offenbar daran zurückdenkt, wie sie ihren Mann im Flugzeug betrog, denn diese Rückblende wird dazu eingespielt. Zu Abend isst sie dann mit Ihrem Mann und befriedigt ihn dabei oral. Eine Partie Squash mit einer Bekannten wird zum Vorspiel für lesbischen Sex und arbeiten muss hier niemand.
Außer eben der feschen Bee, die ist offenbar als Fotografin tätig und nimmt Emmanuelle zu diversen Exkursionen mit, unter anderem in die Strip-Bar, in der die berüchtigte und gern wegzensierte Szene der aus ihrem Unterleib rauchenden Tänzerin stattfindet. Auf den Sex zwischen Emmanuelle folgt die Verzweiflung und auch Jean kommt immer weniger klar, weiß sich aber zu helfen, indem er Marie-Ange (Christine Boisson, „Die Hinrichtung“) durchnimmt. Nun aber kommt der perverse Mario ins Spiel und ab diesem Zeitpunkt wirkt Jaeckins Film, als sei Emmanuelle in eine irre Sex-Sekte geraten. Sie lässt von Mario mit abgehobenen, schwurbeligen Binsenweisheiten vollquatschen wie von einem Guru und sich schließlich auf sein Geheiß von Eingeborenen vergewaltigen, was sie im Nachhinein als gar nicht mehr so schlimm empfindet. Sie begleitet Mario weiterhin freiwillig und möchte nun auch Sex mit dem Knatter-Opi, der ihr nun einen Thaiboxkampf zeigt und sie dort zum Preis für den Gewinner erklärt. Dieser treibt es dann mit ihr vor versammelter Zuschauerschaft, doch Mario selbst will sie noch immer nicht. Der Film indes ist – ich sage es der Vollständigkeit halber dazu, nur für den Fall, dass man es noch nicht herausgelesen hat – nun vollends ad absurdum geführt, ja: regelrecht bescheuert geworden.
Klar, „Emmanuelle“ ist ein Film über freie Liebe, über eine Frau, die sich nicht mit der Rolle als monogame Ehefrau begnügt, sondern die Grenzen ihrer eigenen Sexualität auslotet, sich bietende Gelegenheiten auskostet und auch Berührungsängste gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe schnell ablegt. Soweit die fortschrittliche Lesart. Doch es bedarf gar keiner genaueren Betrachtung, um zu realisieren, wie sehr Emmanuelles Emanzipation nach Erfüllung von Machophantasien riecht, sei es die von der mit einem Fingerschnippen für sexuelle Dienste bereitstehenden Frau, sei es das Lesbenpornoklischee von attraktiven Frauen, die allesamt bisexuell sind und nicht lange von sich lassen können, wenn sie sich begegnen, sei es die vom nicht vorhandenen Schamgefühl in Bezug auf körperliche Nacktheit. All das versinnbildlich geradezu die Ausrichtung eines Großteils solcher Erotikstreifen und wäre im Prinzip auch nichts Besonderes, wäre da nicht Jaeckins Inszenierung, die daraus einen sehnsuchtsvollen Hochglanzfilm macht, der hedonistische Utopien im exotischen Urlaubsidyll mittels viel nackter Haut und einiger tatsächlich ästhetisiert erotischer Szenen transportiert – und den Film so sehenswert macht.
Das funktioniert bis zu einem gewissen Punkt passabel, irgendwo zwischen prickelnd-erotisierend und geil-langweilig. Mit Einführung Marios jedoch kippt das Szenario und Emmanuelles Naivität verkommt zu einem frauenfeindlichen Klischee. Von einer Entwicklung zu einer selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehenden Frau bleibt nichts mehr übrig, Emmanuelle steht unter strenger Anleitung eines Mannes – ohne ersichtlichen Grund (außer der Befriedigung von Senioren-Machtphantasien ggü. jungen Frauen). Der ritualisierte Missbrauch der Protagonistin muss entweder – sofern sich der Film eng an die Vorlage hielt – fetischierten Vergewaltigungsfantasien der Autorin entsprungen oder aber einmal mehr sexuellen Missbrauch relativierender Ausdruck männlichen Chauvinismus sein, wie er das Genre in unschöner Regelmäßigkeit begleitet. So formal anspruchsvoll Jaeckins Inszenierung auch ist und so sehr Exotik und Erotik auch einlullen mögen, so überwiegen letztendlich doch die gemischten Gefühle und wird die Frage aufgeworfen, welchen Eindruck ein solcher Film aus ein millionenstarkes bürgerliches Mainstream-Publikum gemacht haben mag…?